Ulf Winckler
Lob des Buchs
Natürlich wird das Buch nicht verschwinden. Sein
Gebrauchswert ist nicht zu ersetzen. Welches Mädchen
hätte schon einen Computer auf den Kopf gestellt,
um gehen zu üben - das Buch steht für aufrechten
Gang. Welcher Junge benutzt schon den Monitor, um höher
zu sitzen - das Buch liegt der stattlichen Erscheinung
zu Grunde.
Gewiß, das ist blöde. Aber es zeigt auch,
daß man den "Internet-Tummelplatz"
nicht denunzieren muß, um ein Medium zu ehren,
dessen Gebrauchswert auf der Hand liegt. Was immer
Roman Herzog unter "kindangepaßter Konzentration"
verstehen mag, das Internet und das Buch lassen sich
hier wahrlich nicht gegeneinander ausspielen. Deshalb
hätte es dieser Warnung des Bundespräsidenten
beim jüngsten Verleger-Empfang im Schloß
Bellevue gar nicht bedurft, denn der vielbeschworene
Verlust des Buches als Leseobjekt wird auch mit fortschreitender
digitaler Vernetzung nicht eintreten - es sei denn,
daß Papier dereinst so teuer wird, daß
Kinder und Erwachsene es sich nicht mehr leisten können.
Warum Buch und Lesestoff jeglicher Art der papiernen
"Materialisierung des Geistes" bedürfen?
Eben all jener Begleitumstände wegen, die das
Lesen auch zu einem Abenteuer machen. Die Gebrauchsspuren
des Schmökers und der Marmeladenfleck auf der
Morgenzeitung - dies sind die Spuren des Abenteuers,
die dem nächsten Scout signalisieren, daß
hier schon einer war. Sich und anderen auf die Spur
zu kommen, daß bedarf oft jener Materialität,
die die Tastatur des Computers nicht bietet. Und er
selbst riecht nicht wie eine feucht gewordene Zeitung,
der man ansieht, daß die Wettervorhersage wiedereinmal
nicht stimmt. Wer hätte schon sein Powerbook zwischen
zwei Sitze in der U-Bahn geklemmt, damit ein Fremder
diesen Artikel unbedingt auch lese - und, natürlich,
sich auch über die Lücken im Kreuzworträtsel
ärgere. Haben Sie einen Computer schon mal als
Unterlage beim Katoffelschälen benutzt und dabei
nachgeholt, was Sie am Morgen versäumten? Wann
geschieht Ihnen in einem Dateiordner ähnliches
wie vor einem Bücherregal, wenn Sie ein bestimmtes
Buch suchen und ihnen dabei drei andere zustoßen,
die gerade jetzt viel interessanter sind? Ganz zu schweigen
von der Selbsttätigkeit von Büchersammlungen,
in denen die Bücher ihre Ordnung immer erst gefunden
haben werden. Für den also, den solche Abenteuer
nicht ärgern, sondern der sie genießt, wird
es zu Zeitung und Buch nie eine Alternative gehen.
Höchstens eine Ergänzung. Und gerade deshalb
durchstreifen auch Buchliebhaber das Internet und freuen
sich über Orte jenseits der Pauschalreisen, die
Knoten zu machen beginnen. Und auch hier können
manche, die ein Nachschlagewerk zur Papierherstellung
suchen auf etwas ganz anderes stoßen. Ragman's
Rake zum Beispiel.