Text-Nummer: 0079

Schaltung am: 12.07.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2755
Verfasser(in): Ulf Winckler
Geschrieben am: 12.07.1996
Kürzel: win
Originaltitel: Lob des Buchs
Copyright: Ulf Winckler
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Diskussion/Leserbriefe:

Ulf Winckler

Lob des Buchs

Natürlich wird das Buch nicht verschwinden. Sein Gebrauchswert ist nicht zu ersetzen. Welches Mädchen hätte schon einen Computer auf den Kopf gestellt, um gehen zu üben - das Buch steht für aufrechten Gang. Welcher Junge benutzt schon den Monitor, um höher zu sitzen - das Buch liegt der stattlichen Erscheinung zu Grunde.
Gewiß, das ist blöde. Aber es zeigt auch, daß man den "Internet-Tummelplatz" nicht denunzieren muß, um ein Medium zu ehren, dessen Gebrauchswert auf der Hand liegt. Was immer Roman Herzog unter "kindangepaßter Konzentration" verstehen mag, das Internet und das Buch lassen sich hier wahrlich nicht gegeneinander ausspielen. Deshalb hätte es dieser Warnung des Bundespräsidenten beim jüngsten Verleger-Empfang im Schloß Bellevue gar nicht bedurft, denn der vielbeschworene Verlust des Buches als Leseobjekt wird auch mit fortschreitender digitaler Vernetzung nicht eintreten - es sei denn, daß Papier dereinst so teuer wird, daß Kinder und Erwachsene es sich nicht mehr leisten können. Warum Buch und Lesestoff jeglicher Art der papiernen "Materialisierung des Geistes" bedürfen? Eben all jener Begleitumstände wegen, die das Lesen auch zu einem Abenteuer machen. Die Gebrauchsspuren des Schmökers und der Marmeladenfleck auf der Morgenzeitung - dies sind die Spuren des Abenteuers, die dem nächsten Scout signalisieren, daß hier schon einer war. Sich und anderen auf die Spur zu kommen, daß bedarf oft jener Materialität, die die Tastatur des Computers nicht bietet. Und er selbst riecht nicht wie eine feucht gewordene Zeitung, der man ansieht, daß die Wettervorhersage wiedereinmal nicht stimmt. Wer hätte schon sein Powerbook zwischen zwei Sitze in der U-Bahn geklemmt, damit ein Fremder diesen Artikel unbedingt auch lese - und, natürlich, sich auch über die Lücken im Kreuzworträtsel ärgere. Haben Sie einen Computer schon mal als Unterlage beim Katoffelschälen benutzt und dabei nachgeholt, was Sie am Morgen versäumten? Wann geschieht Ihnen in einem Dateiordner ähnliches wie vor einem Bücherregal, wenn Sie ein bestimmtes Buch suchen und ihnen dabei drei andere zustoßen, die gerade jetzt viel interessanter sind? Ganz zu schweigen von der Selbsttätigkeit von Büchersammlungen, in denen die Bücher ihre Ordnung immer erst gefunden haben werden. Für den also, den solche Abenteuer nicht ärgern, sondern der sie genießt, wird es zu Zeitung und Buch nie eine Alternative gehen. Höchstens eine Ergänzung. Und gerade deshalb durchstreifen auch Buchliebhaber das Internet und freuen sich über Orte jenseits der Pauschalreisen, die Knoten zu machen beginnen. Und auch hier können manche, die ein Nachschlagewerk zur Papierherstellung suchen auf etwas ganz anderes stoßen. Ragman's Rake zum Beispiel.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]