Text-Nummer: 0083

Schaltung am: 17.07.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2421
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Geschrieben am: 17.07.1996
Kürzel: Ker
Originaltitel: Der 20. Juli - 1955/1996
Copyright: Ulrich Kerner
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Diskussion/Leserbriefe: vgl. auch Text-Nummer 23 (Politik)

Ulrich Kerner

Der 20. Juli - 1955/1996

Vorauseilende Prägung der Sicht könnte die Programmpolitik der Fernsehsender genannt werden. Ob vor Beginn der Olympischen Spiele oder vor dem Gedenktag des Attentats auf Hitler: Die Zuschauer werden eingestimmt. Spielfilme prägen die Sicht des Ereignisses, das noch gar nicht stattgefunden hat, schaffen einen Bildraum der Erinnerung, der mit Gedenken wenig zu tun hat. Was man sich unter einem Ereignis vorzustellen habe, das wird durch die Wiederaufnahme alter Bebilderungen ins Programm gesetzt. Kommentarlos. Wenn das ZDF kurz vor dem Gedenktag 1996 den Film "Der 20. Juli" sendet (1955 unter der Regie von Frank Harnack entstanden), ohne ihn durch eine begleitende Diskussion in den Kontext der Entstehungszeit zu stellen, so ist diese Tatsache selbst jedoch ein Kommentar zur Einschätzung der Aktualität: Zeit für Heldenepen, die Oberfläche der Handlung als Geschichte. Der Film von Harnack spiegelt ziemlich genau den Umgang mit dem Widerstand gegen den NS wider, den die Gedenkreden der 50er Jahre charakterisieren. Die Handlungsmotive von Goerdeler, Treskow, Stauffenberg und anderer werden auf einen "Aufstand des Gewissens" reduziert, allenfalls mit militärischer Rationalität unterfüttert. Dies bringt die Szene des Films auf den Punkt, in der Stauffenberg, am Vorabend des Attentats, eine Kirche aufsucht, um vor allem die kriegerischen Verrücktheiten zu erinnern, die mit dem Zaun eines Lagers die Judenverfolgung allenfalls flüchtig streifen. Die Bekehrung eines Soldaten vom "Saulus zum Paulus", nachdem er von Konzentrationslagern Kenntnis erlangt hat, verweist auf die Macht des Gewissens. In nachgestellten Besprechungen des Kreisauer Kreises geht es um militärisches Handeln und um die Frage, wie die Operation "Walküre" dem Aufstand dienen kann. Der Rest ist eine Studie militärischer Logistik. Ein solches Bild vom deutschen Widerstand glaubte man den Zuschauern der 50er Jahre zumuten zu können, in einer Zeit, in der selbst Filme wie "Casablanca" zu Rauschgiftarien verstümmelt wurden, damit niemand Anstoß nehmen mußte. So wird denn am 20. Juli 1996 wieder niemand danach fragen, welches politische Programm der preußische und deutsch-nationale Widerstand der Politik des NS entgegensetzen wollte. Soldatische Ehre und Humanität werden gewürdigt werden. Christliche Werte werden beschworen werden. Dieser Film paßt in eine Zeit, in der manche wieder an der Utopie eines "christlichen Preußens" pinseln.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]