Text-Nummer: 0086

Schaltung am: 18.07.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 4142
Verfasser(in): Till Milner
Geschrieben am: 17.07.1996
Kürzel:
Originaltitel: Die Stadt, der Müll
Copyright: Till Milner
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Till Milner

Die Stadt, der Müll

Berlin vor, während und nach der Love-Parade: Jedes zweite Wort war und ist Müll . Und das besondere Interesse, das allerorten der Frage galt, ob sich der Tiergarten in einen riesigen Abort verwandeln könnte, scheint dem ausländischen Besucher Recht zu geben, der vermutet, daß die deutsche Beschäftigung mit dem Analen in ihrer Intensität immer noch ungebrochen ist. Wo die Angelsachsen ihre schlüpfrige Phantasie durch ein ganzes Prisma von four letter words brechen lassen, hört man, da kommt man in Deutschland mit Ruch und Fug immer wieder auf die sieben Buchstaben zurück, die dort einzig zu zählen scheinen. Die große Aufmerksamkeit aber, die auch dem Müll auf der Straße des 17. Juni gewidmet wurde, straft zumindest diese verengte Perspektive Lügen.
Wichtig war nicht, ob die Teilnehmer der Love-Parade wirklich das taten, was ihr Name versprach (in den Büschen des Tiergartens zum Beispiel); soweit schien die Phantasie nicht zu gehen. Wichtig war, welches Liebesgeschenk alle, die im Namen der Liebe nach Berlin kamen, der Stadt hinterließen. Daß die Stadt bekam, was sie erwartete, weckt indes Zweifel, ob es sich wirklich um eine Love-Parade handelte. Andererseits ist die Liebe der Berliner zu Sondermüll bekannt, denn die Tonnen von kleinen Geschenken, mit denen ihre kleinen Lieblinge Tag für Tag die Gehwege zusch...ütten, sind in Europa wohl ohne Beispiel. Die Berliner verwechseln hier etwas, hörte man Teilnehmer der Techno-Veranstaltung sagen: Ihr Interesse mit unserem.
Wo gehobelt wird, da fallen Späne: Mir den Resten von Arbeitsprozessen kann man sich in Deutschland ohne Zweifel arrangieren. Je mehr Müll, desto größer die Produktivität. So schwang im Kopfschütteln mancher Geschäftiger, die nicht im Tiergarten ihr Geschäft machten, eine gehörige Portion Neid mit: welche Verausgabung und Verschwendung von Produktivkraft. Deshalb durfte es natürlich auch keine politische Demonstration sein, denn in einer solchen geht es in Deutschland doch immer um irgendeinen Mangel. Den "Demonstranten" mangelte es aber offenbar nicht. Und wenn mancher Interviewer auch darüber den Mangel ins Spiel bringen wollte, daß er irgendeinen Sinn in die Verausgabung hineingeheimniste, das Befremden der Befragten war offensichtlich. Starke Party. Vielleicht etwas zuwenig Möglichkeit zur Verausgabung ...
Die große Masse, die sich da durch die Gedärme der Stadt zwängte, war ohne Zweifel ein Politikum. Denn sie war selbst der Müll, den das Politische immer wieder produziert. Und weil das augenscheinlich wurde, litt die Stadt unter solcher Verstopfung und betrieb gnadenlos Nabelschau, wartete mit gemischten Gefühlen darauf, was wohl bei den grollenden beats per minute herauskommen würde, am Ende. Und siehe da: Wir wußten es vorher ...
Die Love-Parade war eine Demonstration des Politischen. Denn das Karnevaleske ist am politischsten dort, wo es normale Abläufe stört; dort, wo es nicht, wie im rheinischen Karneval, fade Reminiszenz an vergangene militärische Störungen der politischen Ordnung ist, bei der Mimesis an überkommener Ordnung geübt wird. (Die gnadenlose Zwanghaftigkeit der Mitgliedschaft für jene, die gesellschaftlich etwas darstellen, in einer Karnevalsvereinigung spricht dort Bände.) Es ist das Wesen des Karnevals, bestehende Ordnungsvorschriften zu übertreten und Konventionen für eine gewisse Zeit außer Kraft zu setzen. Daß Menschen in dieser Zeit auch zerstören, was ihnen sonst lieb und wert ist, daß es in alle Körperöffnungen strömt und aus allen Körperöffnungen läuft, gehört dazu. Ohne Sinn und Verstand. Das erzeugt Gefahr. Wirklich lieben kann die Stadt den Müll, den solche Verausgabung in ihrem Leibraum erzeugt, wohl erst, wenn auch sie aus diesem Prozeß etwas zieht. Wenn sie anerkennen kann, daß es ihr Müll ist und nicht der eines Bandwurms, mit dem sie sich infiziert hat. Wenn das Karnevaleske zu seiner eigenen Karikatur wird. Mit anderen Worten: Richtig lieben wird Berlin solchen Müll erst, wenn sich alle Raver in brave Dackel verwandelt haben und die Parade in einen sonntäglichen Spaziergang im Tiergarten. Der erste Schritt hierzu wurde bei der letzten Love-Parade immerhin getan.


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