Till Milner
Die Stadt, der Müll
Berlin vor, während und nach der Love-Parade: Jedes
zweite Wort war und ist Müll . Und das besondere
Interesse, das allerorten der Frage galt, ob sich der
Tiergarten in einen riesigen Abort verwandeln könnte,
scheint dem ausländischen Besucher Recht zu geben,
der vermutet, daß die deutsche Beschäftigung
mit dem Analen in ihrer Intensität immer noch
ungebrochen ist. Wo die Angelsachsen ihre schlüpfrige
Phantasie durch ein ganzes Prisma von four letter words
brechen lassen, hört man, da kommt man in Deutschland
mit Ruch und Fug immer wieder auf die sieben Buchstaben
zurück, die dort einzig zu zählen scheinen.
Die große Aufmerksamkeit aber, die auch dem Müll
auf der Straße des 17. Juni gewidmet wurde, straft
zumindest diese verengte Perspektive Lügen.
Wichtig war nicht, ob die Teilnehmer der Love-Parade
wirklich das taten, was ihr Name versprach (in den
Büschen des Tiergartens zum Beispiel); soweit
schien die Phantasie nicht zu gehen. Wichtig war, welches
Liebesgeschenk alle, die im Namen der Liebe nach Berlin
kamen, der Stadt hinterließen. Daß die
Stadt bekam, was sie erwartete, weckt indes Zweifel,
ob es sich wirklich um eine Love-Parade handelte. Andererseits
ist die Liebe der Berliner zu Sondermüll bekannt,
denn die Tonnen von kleinen Geschenken, mit denen ihre
kleinen Lieblinge Tag für Tag die Gehwege zusch...ütten,
sind in Europa wohl ohne Beispiel. Die Berliner verwechseln
hier etwas, hörte man Teilnehmer der Techno-Veranstaltung
sagen: Ihr Interesse mit unserem.
Wo gehobelt wird, da fallen Späne: Mir den Resten
von Arbeitsprozessen kann man sich in Deutschland ohne
Zweifel arrangieren. Je mehr Müll, desto größer
die Produktivität. So schwang im Kopfschütteln
mancher Geschäftiger, die nicht im Tiergarten
ihr Geschäft machten, eine gehörige Portion
Neid mit: welche Verausgabung und Verschwendung von
Produktivkraft. Deshalb durfte es natürlich auch
keine politische Demonstration sein, denn in einer
solchen geht es in Deutschland doch immer um irgendeinen
Mangel. Den "Demonstranten" mangelte es aber
offenbar nicht. Und wenn mancher Interviewer auch darüber
den Mangel ins Spiel bringen wollte, daß er irgendeinen
Sinn in die Verausgabung hineingeheimniste, das Befremden
der Befragten war offensichtlich. Starke Party. Vielleicht
etwas zuwenig Möglichkeit zur Verausgabung ...
Die große Masse, die sich da durch die Gedärme
der Stadt zwängte, war ohne Zweifel ein Politikum.
Denn sie war selbst der Müll, den das Politische
immer wieder produziert. Und weil das augenscheinlich
wurde, litt die Stadt unter solcher Verstopfung und
betrieb gnadenlos Nabelschau, wartete mit gemischten
Gefühlen darauf, was wohl bei den grollenden beats
per minute herauskommen würde, am Ende. Und siehe
da: Wir wußten es vorher ...
Die Love-Parade war eine Demonstration des Politischen.
Denn das Karnevaleske ist am politischsten dort, wo
es normale Abläufe stört; dort, wo es nicht,
wie im rheinischen Karneval, fade Reminiszenz an vergangene
militärische Störungen der politischen Ordnung
ist, bei der Mimesis an überkommener Ordnung geübt
wird. (Die gnadenlose Zwanghaftigkeit der Mitgliedschaft
für jene, die gesellschaftlich etwas darstellen,
in einer Karnevalsvereinigung spricht dort Bände.)
Es ist das Wesen des Karnevals, bestehende Ordnungsvorschriften
zu übertreten und Konventionen für eine gewisse
Zeit außer Kraft zu setzen. Daß Menschen
in dieser Zeit auch zerstören, was ihnen sonst
lieb und wert ist, daß es in alle Körperöffnungen
strömt und aus allen Körperöffnungen
läuft, gehört dazu. Ohne Sinn und Verstand.
Das erzeugt Gefahr. Wirklich lieben kann die Stadt
den Müll, den solche Verausgabung in ihrem Leibraum
erzeugt, wohl erst, wenn auch sie aus diesem Prozeß
etwas zieht. Wenn sie anerkennen kann, daß es
ihr Müll ist und nicht der eines Bandwurms, mit
dem sie sich infiziert hat. Wenn das Karnevaleske zu
seiner eigenen Karikatur wird. Mit anderen Worten:
Richtig lieben wird Berlin solchen Müll erst,
wenn sich alle Raver in brave Dackel verwandelt haben
und die Parade in einen sonntäglichen Spaziergang
im Tiergarten. Der erste Schritt hierzu wurde bei der
letzten Love-Parade immerhin getan.