Text-Nummer: 0092

Schaltung am: 26.07.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 1664
Verfasser(in): Ulf Winckler
Geschrieben am: 25.07.1996
Kürzel: win
Originaltitel: Grenzwert des Sinns
Copyright: Ulf Winckler
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Ulf Winckler

Grenzwert des Sinns

Vertraute man der Aussage eines amerikanischen Experten, dann wäre man ganz nahe an der Sicherheit dran - und hätte sie doch verfehlt. Um eine hundertstel Sekunde. Denn wenn man sie hätte - wie im Sport - dann hätte man gewonnen. Nur: leider, leider, verfügte die über dem Meer vor Long Island explodierte TWA-Maschine nicht über die neuesten Flugschreiber.
Die Trauer der Angehörigen ist zu verstehen. Auch ihr Wunsch, Gewißheit über die Gründe zu erlangen, die zu dem Absturz führten. Die Form aber, in der sie diesem Wunsch Ausdruck verleihen, zeigt, daß der technische Machbarkeitswahn alle Lebensbereiche erfaßt, zuletzt auch den der Trauer. Denn die Unfähigkeit, ohne genaues Maß und ohne absolute Sicherheit zu trauern, zeigt mehr und mehr die Unfähigkeit der Menschen, das Unberechenbare zu akzeptieren. Maßlos ist Trauer, die sich mit dem Verlust auseinandersetzt. Der öffentliche Aufstand mancher Angehöriger, die den "Verantwortlichen" mangelhafte Informationen über den TWA-Absturz vorwerfen, demonstriert die Tendenz, auch dem Tod noch etwas abzugewinnen. Oft, wie auch hier, ist es der Sinn. Denn der Tod darf nicht sinnlos sein. Zumindest möchte man ihn berechenbar, wenigstens prinzipiell, mit objektiven Daten so nah an ihn heran, wie es im Sinne der Grenzwertberechnung eben möglich ist. Und wenn man ihn um eine hundertstel Sekunde überholt hat, glaubt man ihn überwunden. Aber auch der neueste Flugschreiber wird bei nächster Gelegenheit zeigen, daß der Sinn des Todes nicht meßbar ist. Nicht einmal zu verfehlen. Denn der Tod hat keinen Sinn. Und dieselbe Technik, die ihm einen gibt, nimmt ihn auch wieder.


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