Ulf Winckler
Grenzwert des Sinns
Vertraute man der Aussage eines amerikanischen Experten,
dann wäre man ganz nahe an der Sicherheit dran
- und hätte sie doch verfehlt. Um eine hundertstel
Sekunde. Denn wenn man sie hätte - wie im Sport
- dann hätte man gewonnen. Nur: leider, leider,
verfügte die über dem Meer vor Long Island
explodierte TWA-Maschine nicht über die neuesten
Flugschreiber.
Die Trauer der Angehörigen ist zu verstehen. Auch
ihr Wunsch, Gewißheit über die Gründe
zu erlangen, die zu dem Absturz führten. Die Form
aber, in der sie diesem Wunsch Ausdruck verleihen,
zeigt, daß der technische Machbarkeitswahn alle
Lebensbereiche erfaßt, zuletzt auch den der Trauer.
Denn die Unfähigkeit, ohne genaues Maß und
ohne absolute Sicherheit zu trauern, zeigt mehr und
mehr die Unfähigkeit der Menschen, das Unberechenbare
zu akzeptieren. Maßlos ist Trauer, die sich mit
dem Verlust auseinandersetzt. Der öffentliche
Aufstand mancher Angehöriger, die den "Verantwortlichen"
mangelhafte Informationen über den TWA-Absturz
vorwerfen, demonstriert die Tendenz, auch dem Tod noch
etwas abzugewinnen. Oft, wie auch hier, ist es der
Sinn. Denn der Tod darf nicht sinnlos sein. Zumindest
möchte man ihn berechenbar, wenigstens prinzipiell,
mit objektiven Daten so nah an ihn heran, wie es im
Sinne der Grenzwertberechnung eben möglich ist.
Und wenn man ihn um eine hundertstel Sekunde überholt
hat, glaubt man ihn überwunden. Aber auch der
neueste Flugschreiber wird bei nächster Gelegenheit
zeigen, daß der Sinn des Todes nicht meßbar
ist. Nicht einmal zu verfehlen. Denn der Tod hat keinen
Sinn. Und dieselbe Technik, die ihm einen gibt, nimmt
ihn auch wieder.