Hans Tennstedt
Film und Alptraum
Längst hat es sich erwiesen, daß Filme nicht
nur Traumfabrikationen, sondern auch Alptraumfabrikationen
sind. Zu behaupten, jeder könne sich die Träume
aussuchen, die er träumen will, greift zu kurz.
Wer die Palette der Phaszinationen für Ekel, Gewalt,
Sexualität, Schönheit und Häßlichkeit,
bis hin zur Angstlust aufmerksam registriert, wird
hier nicht mehr von einer freien Entscheidung sprechen
können. Macher und Konsumenten von Filmen finden
sich getrieben: Die einen können nicht anders,
als in Szene zu setzen, die anderen nicht anders, als
hinzuschauen. So setzen sich die Menschen ins Bild.
Auch 15jährigen Kindern geschieht dies. Und dann
verwandelt sich der Junge aus Passau in den Zombie
des Videofilms, den er viele Male angeschaut hat, nimmt
eine Axt und spaltet seiner Cousine - nach dem "Filmvorbild",
wie es heißt - den Kopf. Handelt er "wie
im Traum" oder "im Traum", das ist hier
die Frage. Wird die Cousine in den Traum gezogen oder
durchdringen sich zwei Bildräume oder entsteigt
hier eine Figur dem Traum, um "draußen"
zu handeln? Geschieht dies in einer Zeit, in der Leben
zum Alptraum wird oder der Alptraum zum Leben? Fragen
über Fragen, will man es sich nicht einfach machen
und die Frage mit der einzigen nach dem Schuldigen
abkappen. Die Filme sind schuld, der Junge ist schuld,
die Eltern sind Schuld, die Gesellschaft ist schuld:
Mit solchen Zusprechungen entzieht man sich der Auseinandersetzung
über Gründe. Der Ruf nach Zensur wird laut
- und verhallt notwendig, weil ihm eine Mediengesellschaft
kein Echo bieten kann, denn sie kann ihre Träume
nur Produzieren, weil die Zensurschwelle herabgesetzt
wurde. Ohne das gäbe es keine Träume. Und
nur weil Filme Formen von Zensur so weit herabsetzen,
daß sie bei unterschiedlichen Mitschauern an
dieselben Gründe rühren, die Produzenten
dazu geführt haben, sie in Szene zu setzen, sind
sie "phaszinierend". Träume und Phantasiewelten
auszuagieren: dazu bedarf es nicht der Filme - aber
auch sie lassen Hintergründe im Handeln manifest
werden. Ein Kind, das sich erst in einer Phantasiewelt
von Märchen und Sagen "verliert", um
die Milchschwester schließlich mit dem gezielten
Wurf eines Ziegelsteins in den Kinderwagen zu töten,
handelt nicht wesentlich anders, als der Junge mit
der Axt. Das Problem ist nicht die Existenz von Bildräumen,
in denen alles möglich ist, sind nicht Wunscherfüllungen
von Größenwahn nach dem Bilde eines Zombie
oder eines Siegfried. Das Problem ist, daß Träumende
so lange mit ihren Träumen alleingelassen werden,
daß sie zwischen Räumen der Realität
nicht mehr zu unterscheiden vermögen. Und das
Problem ist, daß überall Idealbilder zur
Identifikation angeboten werden, ohne daß der
menschliche Wunsch, aus welchen Gründen auch immer
"so zu sein wie sie", in ethische Ideale
überführt würde, die nicht im Bild des
anderen "das Maß aller Dinge" finden.
Hier haben gewiß nicht nur die Eltern des Jungen
aus Passau versagt. Hier zeigt sich das Ergebnis einer
gesellschaftlichen Entwicklung, in der das "einem
Bild entsprechen" zum vorrangigen Wert geworden
ist. Dieselben Zusammenhänge, die schöne
Gestalten hervorbringen und diese zu Idealen verklären,
bringen auch ihre Zerstückelung hervor. Der Schlaf
der Vernunft erzeugt Monstren, denn die Vernunft träumt
sie als Revenants dessen, was auch dann nicht verschwindet,
wenn man vernünftig zu Werke geht. Mit der Tilgung
der Ethik aber verwirklicht sich die Vernunft einen
Traum: das Unvorstellbare vorstellbar zu machen. Es
gibt keinen Film, in dem nicht etwas davon genau das
ist, was die Mitschauer in seinen Bann zieht. Wollte
man es vermeiden, so müßte man den Film
als solchen verbieten.