Text-Nummer: 0098

Schaltung am: 31.07.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 3684
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Geschrieben am: 30.07.1996
Kürzel: HT
Originaltitel: Film und Alptraum
Copyright: Hans Tennstedt
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Hans Tennstedt

Film und Alptraum

Längst hat es sich erwiesen, daß Filme nicht nur Traumfabrikationen, sondern auch Alptraumfabrikationen sind. Zu behaupten, jeder könne sich die Träume aussuchen, die er träumen will, greift zu kurz. Wer die Palette der Phaszinationen für Ekel, Gewalt, Sexualität, Schönheit und Häßlichkeit, bis hin zur Angstlust aufmerksam registriert, wird hier nicht mehr von einer freien Entscheidung sprechen können. Macher und Konsumenten von Filmen finden sich getrieben: Die einen können nicht anders, als in Szene zu setzen, die anderen nicht anders, als hinzuschauen. So setzen sich die Menschen ins Bild.
Auch 15jährigen Kindern geschieht dies. Und dann verwandelt sich der Junge aus Passau in den Zombie des Videofilms, den er viele Male angeschaut hat, nimmt eine Axt und spaltet seiner Cousine - nach dem "Filmvorbild", wie es heißt - den Kopf. Handelt er "wie im Traum" oder "im Traum", das ist hier die Frage. Wird die Cousine in den Traum gezogen oder durchdringen sich zwei Bildräume oder entsteigt hier eine Figur dem Traum, um "draußen" zu handeln? Geschieht dies in einer Zeit, in der Leben zum Alptraum wird oder der Alptraum zum Leben? Fragen über Fragen, will man es sich nicht einfach machen und die Frage mit der einzigen nach dem Schuldigen abkappen. Die Filme sind schuld, der Junge ist schuld, die Eltern sind Schuld, die Gesellschaft ist schuld: Mit solchen Zusprechungen entzieht man sich der Auseinandersetzung über Gründe. Der Ruf nach Zensur wird laut - und verhallt notwendig, weil ihm eine Mediengesellschaft kein Echo bieten kann, denn sie kann ihre Träume nur Produzieren, weil die Zensurschwelle herabgesetzt wurde. Ohne das gäbe es keine Träume. Und nur weil Filme Formen von Zensur so weit herabsetzen, daß sie bei unterschiedlichen Mitschauern an dieselben Gründe rühren, die Produzenten dazu geführt haben, sie in Szene zu setzen, sind sie "phaszinierend". Träume und Phantasiewelten auszuagieren: dazu bedarf es nicht der Filme - aber auch sie lassen Hintergründe im Handeln manifest werden. Ein Kind, das sich erst in einer Phantasiewelt von Märchen und Sagen "verliert", um die Milchschwester schließlich mit dem gezielten Wurf eines Ziegelsteins in den Kinderwagen zu töten, handelt nicht wesentlich anders, als der Junge mit der Axt. Das Problem ist nicht die Existenz von Bildräumen, in denen alles möglich ist, sind nicht Wunscherfüllungen von Größenwahn nach dem Bilde eines Zombie oder eines Siegfried. Das Problem ist, daß Träumende so lange mit ihren Träumen alleingelassen werden, daß sie zwischen Räumen der Realität nicht mehr zu unterscheiden vermögen. Und das Problem ist, daß überall Idealbilder zur Identifikation angeboten werden, ohne daß der menschliche Wunsch, aus welchen Gründen auch immer "so zu sein wie sie", in ethische Ideale überführt würde, die nicht im Bild des anderen "das Maß aller Dinge" finden. Hier haben gewiß nicht nur die Eltern des Jungen aus Passau versagt. Hier zeigt sich das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der das "einem Bild entsprechen" zum vorrangigen Wert geworden ist. Dieselben Zusammenhänge, die schöne Gestalten hervorbringen und diese zu Idealen verklären, bringen auch ihre Zerstückelung hervor. Der Schlaf der Vernunft erzeugt Monstren, denn die Vernunft träumt sie als Revenants dessen, was auch dann nicht verschwindet, wenn man vernünftig zu Werke geht. Mit der Tilgung der Ethik aber verwirklicht sich die Vernunft einen Traum: das Unvorstellbare vorstellbar zu machen. Es gibt keinen Film, in dem nicht etwas davon genau das ist, was die Mitschauer in seinen Bann zieht. Wollte man es vermeiden, so müßte man den Film als solchen verbieten.


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