Hans Tennstedt
Der Geist des Terrorismus oder: Kann man ihm auf den Leib rücken?
Der Geist, der in den Festungen der Welt umgeht, ist
der Geist des Terrorismus. Er erzeugt Schrecken. Er
wird beschworen und bekämpft. Er soll ausgetrieben
werden. Er stört die Lebenden und trifft nur in
den seltensten Fällen auf Menschen, die sich fragen,
warum er nicht zur Ruhe kommt. Nichts scheint ihn abwehren
zu können: Er durchdringt die dicksten Bollwerke
und überwindet Sicherheitsbarrieren, die "eigentlich
kein Mensch überwinden kann". Auf geheimen
Wegen taucht er überall auf und tritt als Fanal
in Erscheinung. Er hält sich nicht an die Regeln,
nicht einmal an die der Gespensterwelt, mit der Aberglauben
den Geist zumindest etwas kontrollieren zu können
meint: Man muß mit ihm rechnen, Tag und Nacht.
Er hält sich schon gar nicht an die Gesetze und
verhöhnt sie, gleichgültig ob sie auf Strafe
oder Rache setzen: Menschen, die ihn verkörpern,
setzen sich darüber hinweg, indem sie ihr Leben
wegwerfen, einfach so. Der Geist des Terrorismus ist
unfaßbar und entzieht sich dem Zugriff jeder
Autorität: Journalisten sprechen von "hilflosem
Exorzismus", wenn sie politische Strategien gegen
den Terrorismus beschreiben. Manche fragen sich, ob
es ihn überhaupt gibt. Andere meinen, ohne seine
Wirksamkeit Ereignisse nicht erklären zu können.
Offenbar kann man dem Terrorismus nicht auf den Leib
rücken, weil er keinen hat. Er ist wesentlich
Geist, auch wenn dieser bisweilen Träger oder
Erscheinungsformen findet. Nicht zufällig aber
sind diese Erscheinungsformen zufällig und der
Gestaltlosigkeit des Geistes selbst entsprechend: Feuer,
Explosionen, Schüsse, die von irgendwo kommen,
Steine die von irgendwo fliegen. Sie kommen meist aus
dem Dunkeln, treten als Plötzlichkeit in Erscheinung
und werden in der Regel nur durch die Spuren dokumentierbar,
die sie in dem Festen hinterlassen, das sie zerreißen.
Den Menschen, denen Gesellschaft zur zweiten Natur
geworden ist, erscheint der Terrorismus als Ausbruch
einer Naturgewalt, gegen den man sich zwar mehr schlecht
als recht schützen, der aber nicht verhindert
werden kann. Das Fanal wird zum Blitz, gegen den der
richtige, flächendeckende Blitzableiter noch nicht
gefunden wurde. Noch gibt es nicht die dem entsprechenden
Wetterwarnungen, obwohl die Medien längst von
politischen Großwetterlagen sprechen und Politiker
sich auf G-7-Gipfel als Metereologen in Szene setzen,
die glauben, sie könnten die Entladungen des terroristischen
Geistes beeinflussen. Aber jeder weiß, daß
er in bestimmten Ballungsräumen exponierte Stellen
meiden muß, will er nicht riskieren, vom Blitz
erschlagen zu werden. Man wundert sich darüber,
daß die Menschen solchen Ereignissen schulterzuckend
begegnen: Sie bewegen sich nicht vorsichtiger, als
sie es tun, wenn es in den dunklen Wolken über
ihnen grollt. Wie in Atlanta. Im Gegenteil. Es zieht
sie an die besonderen Orte, an denen sie auf die Entladung
von Fanalen lauern. Mit derselben geheimnisvollen Phaszination,
mit der sie auf einer Hochebene trotz Gefahr die flüchtige
Spur eines Blitzes erwarten. Sie spüren, daß
die Wahrscheinlichkeit, getroffen zu werden, gering
ist. Sie spüren, daß die Wahrscheinlichkeit
wesentlich höher ist, von anderen Erscheinungsformen
des Geistes hinweggerafft zu werden, der sich, irgendwo
im Dunkeln, auch zu dem des Terrorismus verdichtet.
Sie spüren, daß in jedem Automobil etwas
von diesem Geist steckt, der in einem Land Jahr für
Jahr die Bevölkerung einer Stadt hinwegfegt. Und
sie spüren, daß alle gerne mit dem Feuer
spielen, in dem der Geist in Erscheinung tritt, sei
es der "olympische", dessen Geist in gezügelter
Form als Fackelstaffete ins Stadion getragen wird,
sei es der "terroristische", der in die Bombe
gesperrt wird, um schlagartig losgelassen zu werden.
Die Rationalität will, daß der Mythos ihr
diene. So soll der Geist gebändigt werden. Die
Rationalität will, daß einzig jener Geist
und Wille triumphiere, der von menschlicher Vernunft
gebunden werden kann. Deshalb identifizieren sie den
Geist mit der Vernunft und wollen seine Quellen austrocknen
wie manchen Politiker die Geldquellen des Terrorismus.
Der Geist des Terrorismus zeigt jenen, die nichts durch
die Maschen des Sicherheitsnetzes schlüpfen lassen
wollen, daß die Maschen niemals so eng geknüpft
werden können, daß gerichtete Entladungen
es nicht zerreißen könnten.
Warum aber entlädt sich der regellose Geist, im
Fanal, in der Explosion, in der Zerstörung? Warum
kann die offenbar notwendige Verausgabung des Zufalls
nicht in konstruktive Erneuerung investiert werden,
sondern muß als Destruktion in Erscheinung treten?
Dies läßt sich erst beantworten, wenn erkannt
wird, daß es ein Geist ist, der sich verwirklicht,
gleichgültig ob sich bei der terroristischen Verausgabung
um die eines einzelnen Ex-Polizisten handelt, der ein
besonderes gesellschaftliches Ansehen gewinnen möchte;
um die terroristischen Aktionen einer Gruppe, die das
Netz ihrer Verbindlichkeit an die Stelle einer herrschenden
setzen will; oder um die kriegerischen Aktivitäten
eines Staates, der eine andere Gesellschaft zerschlagen
muß, um eine ihm genehme zu befördern. Die
Chaotisierung von Ordnung ist durch Sicherheitsvorkehrungen
nicht zu vermeiden. Im Gegenteil: Je größer
die Sicherheitsmaßnahmen, desto explosiver und
punktueller die Verausgabung. Denn die Gewitter der
zweiten, der gesellschaftlichen Natur werden gerichtet
hervorgebracht.
Jeder Geist kommt erst dann zur Ruhe, wenn er sich zur
Ordnung gerufen findet. Diese ist allerdings in den
seltensten Fällen die Ordnung, die ruft, daß
man sich ihrer Lösung der Abtötung des Lebens
einzufügen habe. Eine Gesellschaft aber, die in
Sicherheit und Ordnung erstarrt, ist die potentielle
Struktur des Todes, in der sich nichts mehr regt, es
sei denn in Form der unruhigen Geister, die erst dann
aufhören zu laufen und sich zu verausgaben, wenn
sie mit einer Medaille in den Götterhimmel erhoben
wurden, und damit eine gesellschaftliche Position errungen
haben, in der sie sich zur Ruhe setzen können.
Erst wenn man begreift, daß der olympische Geist
sich aus den selben Quellen speist wie der terroristische,
wird man auch auf den Gipfeln der Politik aufhören
können, Wolken zu schieben und sich den Niederungen
des Geistes zuwenden, um die erneuernde Kraft seiner
Verausgabungen zum Zuge - nicht zum Ausbruch - kommen
zu lassen. Es sei denn, es bedarf der Blitzeinschläge,
um die Position der Gipfelbewohner abzusichern. Aber
die Anschläge in den und auf die Festungen eines
Landes, das sich für unangreifbar hielt und allein
im Besitz des richtigen Geistes, zeigen, daß
solche Strategien trügerisch sind. Blitze holen
Flugzeuge vom Himmel und durchschlagen Fundamente.
Und sie werden auch Gipfel treffen, denn gegen den
Ausbruch des Chaos gibt es keine Absicherung, wahrscheinlich
selbst an Orten nicht, an denen sich Politiker im Ernstfall
lebendig begraben wollen, in den Bunkern militärischer
Festungen. Deshalb gilt es Strategien zu entwickeln,
die das Zusammenspiel von Chaos und Ordnung produktiv
machen und die Verausgabung des Geistes zulassen. Man
hat versucht, die Naturgewalten zu kanalisieren und
Ströme zu begradigen. Nun fegen sie hinweg, was
sich gegen sie schützen wollte. Die Kanalisierungen
des Geistes zweiter Natur werden dem nicht nachstehen.
Noch staunen wir über die zivilisatorische Leistung
der Arenen von Atlanta wie über einen riesigen
Staudamm, dessen Gestalt den Dschungel vergessen macht,
in dem anderer Geist das Leben beseelt. Eine einzige
Bombe reicht, um diesem Schein ein Ende zu bereiten.
Die Bombe von Atlanta hat den Staudamm nicht einmal
angekratzt und die Explosion der TWA-Maschine war nichts
anderes als ein weiterer Unfall beim Feuerwerk seiner
Einweihung, der nur deshalb nicht akzeptiert werden
kann, weil ein Saboteur am Werke war und nicht der
in technische Rationalität gebundene Geist selbst,
der sich explosiv befreite. Der Geist der Bombe aber
schwebt immer über den Wassern und man hat sie,
wie in Carpenters "Dark Star", längst
Ontologie gelehrt, denn sie "verkörpert"
den Geist des "Es werde Licht". Deshalb sind
Veranstaltungen, wie eine der G-7-Gipfel zum Kampf
gegen den Geist des internationalen Terrorismus darstellt,
scheinheilig: solange, wie die Geist der Verausgabung
im internationalen Militarismus auf Flaschen abgezogen
wird, die auf eine unproduktive Entkorkung warten,
in der die Menschheit die Feste ihrer Selbstzerstörung
feiert - statt ihn in einem Feiern ohne Fest zum Zuge
kommen zu lassen, daß sich als permanenter Prozeß
der Erneuerung verwirklicht. Mit dem Geist des Terrorismus
kommt eine Menschheit nicht zur Ruhe, weil sie Grabesruhe
will. Die gefeierten Feste - wie die olympischen Spiele
von Atlanta - sind nur ein fades Wetterleuchten dessen,
was möglich wäre. Auch der letzte müde
Zuschauer wird das mittlerweile am eigenen Leibe erfahren
haben, denn die stellvertretende Verausgabung des Geistes
wird niemals ersetzen können, was die Sportler
am eigenen Leibe erfahren, bevor ihre Verausgabung
vergoldet wird und sie zur Statue erstarren.
Deshalb gilt es nicht, die Geldquellen zur Verausgabung
des Geistes auszutrocknen, sondern neue sprudeln zu
lassen. Wer sich ausrechnet, was in die ordentliche
Erfassung eines Blitzanschlages investiert wird (welche
Kosten die Klärung der Frage erzeugt, ob die TWA-Maschine
durch einen terroristischen oder einen technischen
Blitz vom Himmel geholt wurde), der kann sich auch
ausrechnen, was zur Befördung produktiver Verausgabungen
in anderen als den offiziell geförderten Kanälen
möglich wäre. Was eine offene Gesellschaft
braucht, das sind weniger Bewohner des Olymps, gleichgültig
auf welchem Gipfel. Was eine offene Gesellschaft braucht,
daß sind aufmerksame Seismographen für geistige
Verausgabungen, die Spuren anbieten, die andere sind
als jene, die den jeweils auftauchenden Geist an die
Merkmale von Rassismus, Fundamentalismus oder Kriminalität
binden. Solange die Buchhalter der Fanale Spuren archivieren
und deren Auftraggeber es dabei belassen, werden alternative
Formen der Verausgabung keinen Zug haben. Denn "was
zieht" ist nicht nur das, was die bestehende Verwaltung
des Mangels für zugkräftig hält. Der
Geist weht nicht, wo er will. In der zweiten Natur
gesellschaftlicher Strukturen weht er dort, wo ihm
Türen und Fenster geöffnet und Räume
und Passagen geschaffen werden. Werden sie geschlossen
oder verwehrt - nicht nur wie bei den olympischen Spielen,
sondern vor allem in den Jahrzehnten, in denen Spielräume
in Festungen verwandelt wurden -, so sprengt sich der
Geist den Weg frei. Und es ist das Vakuum, das dann
all die Züge aufsaugt, an die sich der Geist der
Verausgabung heftet, und die in den Merkmalen des Rassismus
und der Aggression Gestalt annehmen. Achtet eine Gesellschaft
nicht darauf, welche Ideale sie setzt und wie sie mit
der Setzung von Idealen umgeht, dann handelt sie sich
den Geist ein, der nach neuen Idealen sucht. Setzt
sie auf ideale Gestalten und Verkörperungen, dann
wird der Geist getrieben, Gestalt anzunehmen, und die
Verkörperungen zu zerstören, die den Raum
einnehmen, den das eigene Ideal besetzen soll. Wenn,
wie die Werbung es will, der Geist eines Sportlers
vor allem in seinen Schuhen weiterlebt und wenn der
Geist des Sportlers der Geist des Sports ist, und wenn
der Sportsgeist das Ideal der Gesellschaft ist, und
wenn der Name der Schuhe das Wort ist, das für
alle Namen derer steht, die sie getragen haben, dann
werden auch jene, die keinen Namen haben, das Wort
ergreifen, und wenn sie es sich nicht leisten können,
dann werden sie es sich nehmen, und wenn es sein muß
mit Waffengewalt. So einfach ist das. Das Wundern darüber,
daß jemand wegen eines Paares Schuhen umgebracht
wird, ist kein zeitgemäßes. Und wenn das
nicht geht, weil die Schuhe unerreichbar in einen Käfig
gesperrt werden, dessen Gitter unter Strom stehen,
dann werden sie das Gitter sprengen. Vielleicht auch
den Schuh. Warum? Weil dessen Geist dann wieder frei
wird.
Nun wird man sagen, daß aus all dem kein Schuh
wird. Daß es immer Leute geben wird, die anderen
ihre Schuhe vor die Tür stellen wollen. Daß
es immer einige geben wird, die auf so großem
Fuß leben wollen, daß ihnen kein Schuh
paßt. Daß es immer einige geben wird, die
sich blutige Füße holen wollen, egal welcher
Schuh ihnen zur Verfügung gestellt wird. Ist das
aber ein Grund dafür, sich nicht auf den Weg zu
machen? Die Suggestion, man sei immer schon angekommen,
wenn man nur den richtigen Schuh trägt, rechnet
nicht mit dem Geist der Verausgabung. Denn der will
laufen. Und wenn man ihm kein Ziel gibt, dann sucht
er sich eines.