Text-Nummer: 0101

Schaltung am: 08.08.1996
Rubrik(en): Politik, Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2659
Verfasser(in): Lutz Meiser
Geschrieben am: 05.07.1996
Kürzel: Mei
Originaltitel: Die Wiederkehr des Verdrängten
Copyright: Lutz Meiser
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Diskussion/Leserbriefe:

Lutz Meiser

Die Wiederkehr des Verdrängten

Was die Pogrome Nazi-Deutschlands, aber auch was Aspekte des deutschen Tagesgeschehens betrifft, von denen angenommen wird, sie seien mit vergangenen oder gegenwärtigem Faschismus oder politisch rechten Bewegungen verbunden, so scheinen sich Wissenschaftler und Kritiker in Deutschland um eine neue Form historischer Korrektheit zu bemühen. Mag sein, daß ein Kritiker solcher wissenschaftlicher und kritischer Bemühungen, Daniel Jonah Goldhagen, diese zurecht eine alte Form historischer Korrektheit nennt: charakterisiert von allgemeinen Aussagen über allgemeine Aspekte von Totalitarismus und seiner bürokratischen Maschinerie. Mag sein, daß es notwendig ist, wissenschaftliche Tendenzen anzufechten, die vermeiden wollen, Schlafende Hunde zu wecken, und daß es notwendig ist Kritiker zu verärgern, die zu wünschen scheinen, man möge weiter glauben, daß nur der Schäfer und die von ihm geschaffenen Umstände verantwortlich für all die Grausamkeiten des Holocaust sind - und nicht auch die individuelle Hingabe seiner Hunde. Letztlich aber ist dies eine akademische Diskussion und Goldhagen selbst bekräftigt dies in seiner langen Rechtfertigung, geschrieben für die deutschen Leser seines Buches und von der ZEIT als Dossier über das Versagen der Kritiker gedruckt. Fortsetzung folgt.
Was wir "neue historische Korrektheit" nennen, ist ein Anspruch auf Komplexität, der einer besonderen Neigung zur political correctnes. Wenn jemand von individueller Hingabe an Grausamkeit spricht oder - stärker - von Genuß, Freude oder Vergnügen, dann werden Leute nervös. Es ist Teil der political correctness, solche Aspekte nicht zu berühren. Die Reizbarkeit von Kritiker ist durch das Tabu und seine Regeln bedingt - wer etwas berührt, was tabu ist, wird selbst tabu. Aber wenn jemand den Skandal begeht und wagt, was niemand wagt, dann überschreiten jene, die es nicht taten, die Grenzen auch. Aber sie verfahren nach einem Prinzip das sagt: Was verdrängt wurde kommt zuerst in Form einer Verneinung zum Bewußtsein. Goldhagen berührt nicht nur ein Tabu, er rührt auch an einen wunden Punkt. Denn was die Geschichte des Holocaust in Deutschland angeht, ist der besondere Genußposten sadistischen Genießens eine Art politischer erogener Zone die juckt. Und viele Leute, die nicht daran zu kratzen wagten, tun es jetzt. Goldhagens Buch über Hitler und seine willigen Gefolgsleute ist nicht der Ausbruch einer Flechte, wie es manche seiner Kritiker diagnostizieren. Es ist die Wiederkehr des Verdrängten. Und deshalb wird Goldhagen in Deutschland bleiben, was im Englischen "displaced person" heißt - noch für geraume Zeit.


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