Lutz Meiser
Die Wiederkehr des Verdrängten
Was die Pogrome Nazi-Deutschlands, aber auch was Aspekte
des deutschen Tagesgeschehens betrifft, von denen angenommen
wird, sie seien mit vergangenen oder gegenwärtigem
Faschismus oder politisch rechten Bewegungen verbunden,
so scheinen sich Wissenschaftler und Kritiker in Deutschland
um eine neue Form historischer Korrektheit zu bemühen.
Mag sein, daß ein Kritiker solcher wissenschaftlicher
und kritischer Bemühungen, Daniel Jonah Goldhagen,
diese zurecht eine alte Form historischer Korrektheit
nennt: charakterisiert von allgemeinen Aussagen über
allgemeine Aspekte von Totalitarismus und seiner bürokratischen
Maschinerie. Mag sein, daß es notwendig ist,
wissenschaftliche Tendenzen anzufechten, die vermeiden
wollen, Schlafende Hunde zu wecken, und daß es
notwendig ist Kritiker zu verärgern, die zu wünschen
scheinen, man möge weiter glauben, daß nur
der Schäfer und die von ihm geschaffenen Umstände
verantwortlich für all die Grausamkeiten des Holocaust
sind - und nicht auch die individuelle Hingabe seiner
Hunde. Letztlich aber ist dies eine akademische Diskussion
und Goldhagen selbst bekräftigt dies in seiner
langen Rechtfertigung, geschrieben für die deutschen
Leser seines Buches und von der ZEIT als Dossier über
das Versagen der Kritiker gedruckt. Fortsetzung folgt.
Was wir "neue historische Korrektheit" nennen,
ist ein Anspruch auf Komplexität, der einer besonderen
Neigung zur political correctnes. Wenn jemand von individueller
Hingabe an Grausamkeit spricht oder - stärker
- von Genuß, Freude oder Vergnügen, dann
werden Leute nervös. Es ist Teil der political
correctness, solche Aspekte nicht zu berühren.
Die Reizbarkeit von Kritiker ist durch das Tabu und
seine Regeln bedingt - wer etwas berührt, was
tabu ist, wird selbst tabu. Aber wenn jemand den Skandal
begeht und wagt, was niemand wagt, dann überschreiten
jene, die es nicht taten, die Grenzen auch. Aber sie
verfahren nach einem Prinzip das sagt: Was verdrängt
wurde kommt zuerst in Form einer Verneinung zum Bewußtsein.
Goldhagen berührt nicht nur ein Tabu, er rührt
auch an einen wunden Punkt. Denn was die Geschichte
des Holocaust in Deutschland angeht, ist der besondere
Genußposten sadistischen Genießens eine
Art politischer erogener Zone die juckt. Und viele
Leute, die nicht daran zu kratzen wagten, tun es jetzt.
Goldhagens Buch über Hitler und seine willigen
Gefolgsleute ist nicht der Ausbruch einer Flechte,
wie es manche seiner Kritiker diagnostizieren. Es ist
die Wiederkehr des Verdrängten. Und deshalb wird
Goldhagen in Deutschland bleiben, was im Englischen
"displaced person" heißt - noch für
geraume Zeit.