Kerstin Hofmann
Brrrravo ...
Wahrscheinlich hat kein Magazin so sehr zur Klärung pubertärer Fronten beigetragen wie "Bravo", das papierne Tampon für feuchte Teens-Träume, das die Leidenstränen da kanalisiert, wo die Drüsen noch nichts anderes hervorbringen. So in etwa haben wir "Bravo" vor dreißig Jahren wohl gesehen, als wir selbst uns fragten, was ein Tampon ist und wozu es dient. Die Geschichte von "Bravo" dokumentiert Träume, die nicht dadurch weniger rätselhaft werden, daß viele Kinder in dem Magazin nach Schlüsseln suchen. Auch heute noch findet man Kinderzimmer, in denen die Wände entweder mit Pferdepostern oder mit Postern von Sangesgrößen tapeziert sind. Fistelstimmiger Gesang in Gibb-Manier wird immer noch von Gekreisch übertönt. Deshalb ist "Bravo" ein Unternehmen mit Vergangenheit und mit Zukunft: denn es löst nicht die Probleme der Pubertät, es gibt ihnen Zunder. Und vor allem geleitet es alle, die noch nicht einmal ahnen was auf sie zukommt, sicher in den Hafen von Idealen, von denen das Magazin selbst lebt. Wenn ein solches Magazin bis in die zweite oder dritte Generation überlebt hat, dann wird es zum Selbstläufer. Eltern, die ihre Lebensweisheiten daraus bezogen haben, werden es ihren Kindern nicht verweigern können. Das ist wie bei Coca Cola. Wer fragt heute noch nach Sinalco? Irgendwie scheinen wir zugegeben zu müssen, daß es eben doch ein besseres Prickelwasser gibt. Wird deshalb heute weiter Bravo gelesen und nicht "Sexfront"? Aber wir werden die Rätsel nicht lösen. Versuchen wir es in zwanzig Jahren noch einmal, wenn Bravo die Wechseljahre hinter sich hat.