Arno Niemuß
Warum Wissenschaftler der Natur und dem Geist nachlaufen
Gehen wir davon aus, daß es Geist und Natur gibt
und tun wir so als wüßten wir, was das ist,
jenseits dessen, was wir uns vorstellen, wenn wir die
Worte "Geist" und "Natur" hören.
Vergessen wir für einen Augenblick, daß
es Begriffe nicht schaffen, den Worten ihren Geist
auszutreiben, weil diese von Natur aus mehrdeutig sind
und die Begriffe dies nicht wegzuschaffen vermögen,
weil auch sie nur "zur Sprache bringen" und
diese nun einmal der Worte bedarf. Vergessen wir für
einen Augenblick, daß Begriffe die Sache nicht
erfassen, weil diese nun einmal, wenn sie begriffen
wurde, nicht mehr Sache ist, sondern Begriff. Vergessen
wir für einen Augenblick, daß Worte eine
Sache sind, die nicht im Begreifen aufgehen, daß
es mit dem Begriff so eine Sache ist, und überhaupt.
Stellen wir uns also einmal ganz dumm und fragen: Was
ist das, eine Dampfmaschine?
Fragen wir einen Naturwissenschaftler und einen Geisteswissenschaftler.
Nein, fragen wir sie nicht vor ihren Kathedern. Fragen
wir sie, nachdem sie der Natur etwas freien Lauf gelassen
haben, also während eines Intermezzos passagerer
Halbnüchternheit, in jenem Schwebezustand also,
in dem der Geist der von ihm reichen Getränke
noch nicht ganz geschwunden ist, aber doch so weit
abgeschlagen, daß auf zusammenhängende Sätze
zu hoffen ist.
Dazu müssen wir uns selbst in diesen Zustand versetzen.
Das ist nur fair. Und es hat den Vorteil, zwischen
der Trockenheit bierernster Argumentation und feuchter
schenkelklatschender Häme Tritt fassen zu können,
wenn auch schwankend. Diesen Schwebezustand zu halten,
ist nicht einfach. Manchmal versucht es auch ein Ordinarius,
zum Beispiel dann, wenn er aus den Wandelhallen der
Wissenschaft in die Stadt herabsteigt, um die einfachen
Menschen an den Disputen teilhaben zu lassen. Dann
wird er populistisch und schlägt Töne an,
die der letzte Satz anklingen läßt. Dann
nennt er Kollegen auch schon mal "Großkopfete"
und "Abgedrehte" und kann sich der schulterklopfenden
Lacher gewiß sein. Wenn es im Feuilleton gemütlich
wird haben wir ihn also erreicht, den Schwebezustand.
Gut, Adorno hätte das vielleicht degoutant gefunden
und zu bedenken gegeben (hätte man ihm zu bedenken
gegeben, daß es sich vielleicht um Humor handelt),
daß Humor schnell zu einem feuchten Humus werden
kann, auf dem auch die Rancune wächst. Aber wir
sind nun einmal der Aufforderung eines James Joyce
gefolgt und haben das Getränk gewechselt, als
wir den Berliner Beitrag von Eberhard Schütz über
"integrative Magie" im Feuilleton des Berliner
Tagesspiegels lasen. Und siehe da: Plötzlich bemerkten
wir den sublimen Witz, der zwischen den Zeilen jenes
Beitrags hervorquillt, der sich mit der Frage beschäftigt,
warum Geisteswissenschaftler Naturwissenschaftlern
nachlaufen.
Nein, wir meinen nicht die Tatsache, daß hier
einer (Schütz, Geisteswissenschaftler) darüber
redet, daß ein anderer (Sokal, Naturwissenschaftler)
darüber redet, daß "Geisteswissenschaftler"
(Lacan, Psychoanalytiker und Miller, Filmemacher) darüber
reden, daß Naturwissenschaftler über das
reden, was sie für Natur halten. Solche Stafetten
des Hörensagens (auch "Stille Post"
genannt) sind seit Platons Symposion bekannt und sind
ein beliebtes Stilmitteln nicht nur von Ordinarien
für Neue Deutsche Literatur (Schütz). Nein,
wir meinen auch nicht die Tatsache, daß hier
ein Geisteswissenschaftler mitlacht, wenn ein Naturwissenschaftler
darüber lacht, daß Geisteswissenschaftler
darüber lachen, daß Naturwissenschaftler
den Witz nicht verstehen, den sie selbst zur Sprache
bringen, wenn sie Natur zu begreifen versuchen. Denn
daß die Sprache hinter dem vergessen wird, was
sich sagt in dem, was sich begreift und daß man
gerne auch die Tatsache vergißt, daß man
sagt, wenn man Begriffenes und Erkenntnisse mitteilt,
kennt man schon von Physikern, die über die Liebe
der Natur (genitivus objectivus natürlich) sprechen.
Nein, wir meinen den sublimen Witz, daß ein Geisteswissenschaftler
(Schütz) meint, Sokals naturwissenschaftliche
Ente mit dem Titel "Die Grenzen überschreitend
- Zu einer transformativen Hermeneutik der Quantentheorie"
sei eine Karikatur geisteswissenschaftlicher Verfahrensweisen,
nur weil dies der Naturwissenschaftler (Sokal) behauptet,
obwohl doch für jeden Naturwissenschaftler mit
Geist klar ist, daß dieser Text eine geistvolle
Karikatur naturwissenschaftlicher Beschreibungsversuche
der Natur ist. Aber die Natur des Geisteswissenschaftlers
ist es nun einmal, den Naturwissenschaftlern nachzulaufen
(sagt Schütz). Wir finden das komisch. Natürlich
sind unsere Lesarten nicht weniger komisch - sie müssen
es ja sein, bei dem Aufwand, den wir treiben, um aus
einem Berliner Beitrag zur Debatte über das Verhältnis
von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften ein
wenig Geist herauszudestillieren. Aber das ist halt
unsere Natur.
Wir versuchen, wie erwähnt, einzig das Niveau des
Beitrages zu halten, der uns dazu angeregt hat, ein
wenig durch die Natur eines wissenschaftlichen Geistes
zu torkeln, der findet, daß man aus der Debatte
zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern "besorgniserregende
Schlüsse" ziehen kann. Wir indes wollen (dem
Zeitgeist gemäß) drei positive ziehen (man
muß das Imitierte immer überbieten, sonst
handelt man sich in wissenschaftlichen Kreisen den
Vorwurf des formalen Plagiats ein):
1. Der Geist sucht die Natur heim. 2. Und die Heimsuchungen
des Geistes durch die Natur sind auch nicht ohne. 3.
Und der Wissenschaftler wird auch dann nicht ganz nüchtern,
wenn er von beiden Seiten gleichmäßig geohrfeigt
wird, weil er nicht damit aufhören kann, seine
Nase zwischen Dinge zu stecken, von denen er nichts
versteht.
Der Autor hat einen natürlichen Stuhl für Neuen Deutschen Geist in Auerbachs Keller