Text-Nummer: 0116

Schaltung am: 28.08.96
Rubrik(en): Kultur, Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 5780
Verfasser(in): Arno Niemuß
Originaltitel: Warum Wissenschaftler der Natur und dem Geist nachlaufen
Copyright: Arno Niemuß

Arno Niemuß

Warum Wissenschaftler der Natur und dem Geist nachlaufen

Gehen wir davon aus, daß es Geist und Natur gibt und tun wir so als wüßten wir, was das ist, jenseits dessen, was wir uns vorstellen, wenn wir die Worte "Geist" und "Natur" hören. Vergessen wir für einen Augenblick, daß es Begriffe nicht schaffen, den Worten ihren Geist auszutreiben, weil diese von Natur aus mehrdeutig sind und die Begriffe dies nicht wegzuschaffen vermögen, weil auch sie nur "zur Sprache bringen" und diese nun einmal der Worte bedarf. Vergessen wir für einen Augenblick, daß Begriffe die Sache nicht erfassen, weil diese nun einmal, wenn sie begriffen wurde, nicht mehr Sache ist, sondern Begriff. Vergessen wir für einen Augenblick, daß Worte eine Sache sind, die nicht im Begreifen aufgehen, daß es mit dem Begriff so eine Sache ist, und überhaupt. Stellen wir uns also einmal ganz dumm und fragen: Was ist das, eine Dampfmaschine?
Fragen wir einen Naturwissenschaftler und einen Geisteswissenschaftler. Nein, fragen wir sie nicht vor ihren Kathedern. Fragen wir sie, nachdem sie der Natur etwas freien Lauf gelassen haben, also während eines Intermezzos passagerer Halbnüchternheit, in jenem Schwebezustand also, in dem der Geist der von ihm reichen Getränke noch nicht ganz geschwunden ist, aber doch so weit abgeschlagen, daß auf zusammenhängende Sätze zu hoffen ist.
Dazu müssen wir uns selbst in diesen Zustand versetzen. Das ist nur fair. Und es hat den Vorteil, zwischen der Trockenheit bierernster Argumentation und feuchter schenkelklatschender Häme Tritt fassen zu können, wenn auch schwankend. Diesen Schwebezustand zu halten, ist nicht einfach. Manchmal versucht es auch ein Ordinarius, zum Beispiel dann, wenn er aus den Wandelhallen der Wissenschaft in die Stadt herabsteigt, um die einfachen Menschen an den Disputen teilhaben zu lassen. Dann wird er populistisch und schlägt Töne an, die der letzte Satz anklingen läßt. Dann nennt er Kollegen auch schon mal "Großkopfete" und "Abgedrehte" und kann sich der schulterklopfenden Lacher gewiß sein. Wenn es im Feuilleton gemütlich wird haben wir ihn also erreicht, den Schwebezustand.
Gut, Adorno hätte das vielleicht degoutant gefunden und zu bedenken gegeben (hätte man ihm zu bedenken gegeben, daß es sich vielleicht um Humor handelt), daß Humor schnell zu einem feuchten Humus werden kann, auf dem auch die Rancune wächst. Aber wir sind nun einmal der Aufforderung eines James Joyce gefolgt und haben das Getränk gewechselt, als wir den Berliner Beitrag von Eberhard Schütz über "integrative Magie" im Feuilleton des Berliner Tagesspiegels lasen. Und siehe da: Plötzlich bemerkten wir den sublimen Witz, der zwischen den Zeilen jenes Beitrags hervorquillt, der sich mit der Frage beschäftigt, warum Geisteswissenschaftler Naturwissenschaftlern nachlaufen.
Nein, wir meinen nicht die Tatsache, daß hier einer (Schütz, Geisteswissenschaftler) darüber redet, daß ein anderer (Sokal, Naturwissenschaftler) darüber redet, daß "Geisteswissenschaftler" (Lacan, Psychoanalytiker und Miller, Filmemacher) darüber reden, daß Naturwissenschaftler über das reden, was sie für Natur halten. Solche Stafetten des Hörensagens (auch "Stille Post" genannt) sind seit Platons Symposion bekannt und sind ein beliebtes Stilmitteln nicht nur von Ordinarien für Neue Deutsche Literatur (Schütz). Nein, wir meinen auch nicht die Tatsache, daß hier ein Geisteswissenschaftler mitlacht, wenn ein Naturwissenschaftler darüber lacht, daß Geisteswissenschaftler darüber lachen, daß Naturwissenschaftler den Witz nicht verstehen, den sie selbst zur Sprache bringen, wenn sie Natur zu begreifen versuchen. Denn daß die Sprache hinter dem vergessen wird, was sich sagt in dem, was sich begreift und daß man gerne auch die Tatsache vergißt, daß man sagt, wenn man Begriffenes und Erkenntnisse mitteilt, kennt man schon von Physikern, die über die Liebe der Natur (genitivus objectivus natürlich) sprechen.
Nein, wir meinen den sublimen Witz, daß ein Geisteswissenschaftler (Schütz) meint, Sokals naturwissenschaftliche Ente mit dem Titel "Die Grenzen überschreitend - Zu einer transformativen Hermeneutik der Quantentheorie" sei eine Karikatur geisteswissenschaftlicher Verfahrensweisen, nur weil dies der Naturwissenschaftler (Sokal) behauptet, obwohl doch für jeden Naturwissenschaftler mit Geist klar ist, daß dieser Text eine geistvolle Karikatur naturwissenschaftlicher Beschreibungsversuche der Natur ist. Aber die Natur des Geisteswissenschaftlers ist es nun einmal, den Naturwissenschaftlern nachzulaufen (sagt Schütz). Wir finden das komisch. Natürlich sind unsere Lesarten nicht weniger komisch - sie müssen es ja sein, bei dem Aufwand, den wir treiben, um aus einem Berliner Beitrag zur Debatte über das Verhältnis von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften ein wenig Geist herauszudestillieren. Aber das ist halt unsere Natur.
Wir versuchen, wie erwähnt, einzig das Niveau des Beitrages zu halten, der uns dazu angeregt hat, ein wenig durch die Natur eines wissenschaftlichen Geistes zu torkeln, der findet, daß man aus der Debatte zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern "besorgniserregende Schlüsse" ziehen kann. Wir indes wollen (dem Zeitgeist gemäß) drei positive ziehen (man muß das Imitierte immer überbieten, sonst handelt man sich in wissenschaftlichen Kreisen den Vorwurf des formalen Plagiats ein):
1. Der Geist sucht die Natur heim. 2. Und die Heimsuchungen des Geistes durch die Natur sind auch nicht ohne. 3. Und der Wissenschaftler wird auch dann nicht ganz nüchtern, wenn er von beiden Seiten gleichmäßig geohrfeigt wird, weil er nicht damit aufhören kann, seine Nase zwischen Dinge zu stecken, von denen er nichts versteht.

Der Autor hat einen natürlichen Stuhl für Neuen Deutschen Geist in Auerbachs Keller


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