Lutz Meiser
Heraus mit der Wahrheit: Was wissen wir schon?
Es wird darauf hinauslaufen, daß der junge Mann aus Amerika die Wahrheit gesagt hat. Und es wird darauf hinauslaufen, daß seine wissenschaftlichen Kritiker recht haben, wenn sie sagen, daß er nicht genug Wissen produziert hat, um den Holocaust zu erklären. Nur: Sie haben zwar recht, sagen aber nicht die Wahrheit. Der Skandal des Auftretens Goldhagens liegt nun genau hier: Er fordert die Wissenschaftler auf, endlich die Wahrheit zu sagen. Sie fordern ihn im Gegenzug dazu auf zu sagen, woher er weiß, daß das die Wahrheit ist. Was Goldhagen recht gibt: Es muß erlaubt sein, die Wahrheit zu sagen, auch wenn diese, bei allem was man so weiß, unbequem ist. Was den Wissenschaftlern recht gibt: Man sollte Wahrheit und Wissen nicht miteinander verwechseln. Was dem Wissenschaftler Goldhagen recht gibt: Man sollte Wissenschaft nicht mit dem Verschweigen von Wahrheiten verwechseln. Was wir vom Holocaust wissen, kann nicht wahr sein. Und von seiner Wahrheit wissen wir nichts. Das darf aber nicht dazu führen, daß wir den Mund halten, bis wir alles wissen. Es darf aber auch nicht dazu führen, die Summe eines Wissens für die Wahrheit zu halten. Es kann aber dazu führen, daß wir uns die Wahrheit dessen eingestehen, was wir schon immer gewußt haben. Indem wir uns vergewissern, warum wir davon nichts wissen wollen. Die Wahrheit ist, daß jetzt nicht Tausende zu Veranstaltungen mit Goldhagen laufen, weil sie endlich wissen wollen. Sie wollen einen sehen, der die Wahrheit sagt, obwohl er weiß. Was ihn sympathisch zu machen scheint, daß ist sein Wissen, daß man die Wahrheit nie ganz, sondern immer nur zur Hälfte sagen kann. Und daß er darauf beharrt, die eine Hälfte zu sagen, auch wenn die andere vielleicht von denen gesagt wird, denen sein Wissen nicht ausreicht. Haben wir also auch den Mut zu einer Wahrheit: Wissen wir jetzt wirklich mehr?