Text-Nummer: 0121

Schaltung am: 18.09.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 9539
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Originaltitel: Geist? Eigentum?
Copyright: Hans Tennstedt

Hans Tennstedt

Geist? Eigentum?

Furcht vor Ideenklau geht um. Denn nicht jedes Nachdenken von Gedanken und Nachsprechen von Gesprochenem stößt auf Billigung. Gegen solches Plagiat kann man nichts unternehmen - höchstens schweigen. Jeder "Geistesarbeiter" aber, der von seiner Arbeit leben muß, weiß: Schweigen ist eben nicht Gold. Und auch Reden ist nicht Silber, denn die Gedanken müssen aufs Papier oder auf den Bildschirm gebracht werden, damit sie in klingende Münze umgesetzt werden können. Doch wie den Tauschwert - oft karg genug - realisieren, wenn wilde Haufen am Rande der Datenautobahn lauern, mit räuberischer Absicht, um die in langen Denknächten mühe- und qualvoll entbundenen Texte zu stehlen und in fremde Länder zu verkaufen. Gesetzeshüter werden gerufen, das Eigentum zu schützen: daß die Kopfgeburt ihre Väter und Mütter ernähren soll, ist angesichts der wundgeschriebenen Finger nur recht und billig.
Dies alles klingt plausibel und wie ein legitimer Anspruch. Und daß Texte im Internet zur Zeit vogelfrei zu sein scheinen, daß also jeder mit ihnen machen kann was er will, ohne rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen, ist für Journalisten kein angenehmer Gedanke. Wer möchte schon dem ausgeschlachteten Kadaver seines sorgsam gepflegten Textes in irgendeiner Homepageabsteige begegnen? Kein schöner Anblick, das. Und wer möchte sich beim Frühstück schon verschlucken, wenn er in seiner heimischen Zeitung plötzlich einem Text begegnet, den er schon mehrmals vergeblich anzubieten versucht hat? Nun steht er da, etwas geliftet, und sieht dazu noch aus, als habe die Geschlechtsumwandlung bei einem Pfuscher im Hinterzimmer einer Redaktion stattgefunden, die noch mit Bleisatz arbeitet. Schlimme Sache, das.
Die Welt des Netzes hängt also voller Zweitgeiger - wenn man den kursierenden Befürchtungen traut. Sie nutzen schamlos die guten Beziehungen aus, die sie zu Zeitungsredaktionen haben. Sie lauern am Internetportal, warten in Ruhe ab, bis das Elaborat eines der vogelfreien Journalisten abgelehnt wurde, zücken dann die Maus und setzen sie dem Armen auf die digitale Brust. Der rückt sein Produkt heraus - und merkt es nicht einmal. Textvampire sind allgegenwärtig. Haben sie die - natürlich immer - bedeutungsvollen Gedanken abgesogen, so nutzen sie wiederum schamlos ihre guten Kontakte und laben die Öffentlichkeit mit dem zweiten Aufguß fremder Geistesergüsse. Und diese hält den ihr vorgesetzten Digest für frisches Hirn. Eklig.
Für Textproduzenten sieht es in den dunklen Wäldern des Internets also nicht gut aus. Der "Dämon Copyright" muß beschworen werden und mancher "Cyberguru" wird als agent provocateur enttarnt, der die Textproduzenten dazu animieren will, ihr einziges Kapital kostenlos zu verschleudern (siehe Zeit Nr. 35/1996). Die Forderungen mehren sich, das Dickicht zu roden, um Übersicht zu schaffen, und sichere Wege anzulegen, auf denen man unbehelligt ans Ziel kommt. Dabei drängt sich aber die Frage auf, ob hier nicht einige Dinge verwechselt werden.
Ist das Internet ein waldiges Dickicht, ist es ein urbanes Geflecht von Verkehrswegen oder - wie der Essener Medienwissenschaftler Norbert Bolz meint - ein "globales Dorf"? Die Metaphern kursieren. Dadurch ist "Internet" zu einem Zeichen geworden, das repräsentiert, was Kritiker befürchten oder hoffen oder schlicht meinen, die es verwenden. Derweil zieht die Datenkarawane weiter. Es ist ganz einfach: Die Metapher sagt, wie einer oder eine das Internet "sieht" - und diese Sicht bestimmt, wie man sich im Internet, mit ihm oder gegen es verhält. Unternehmen, die es aufgrund eines gewissen vorrangigen Interesses der Sensationspresse für einen Rotlichtbezirk halten, in dem hauptsächlich Kinderschändung und Leichenzerstückelung gezeigt wird, werden um ihren guten Ruf besorgt sein - während für andere seriöse Firmen eine neue Quelle zur Umsatzsteigerung längst sprudelt. Es gibt Textproduzenten, die sich über die Thesen Esther Dysons zum "Geistigen Eigentum im Internet" aufregen (siehe Zeit Nr. 35/1996), weil sie ihnen andere Erwerbsstrategien empfiehlt, während Schreibende, die den schnellen Datenverkehr als Erleichterung ihrer Tätigkeit ansehen, längst auf Dienstleistungen zurückgreifen, die nur durch das Netz möglich geworden sind. Ein Beispiel für neue Wege, zugleich ein Beispiel dafür, daß die Beschwörung der Qualitäts- und Inhaltslosigkeit durch die Leitungen gejagter Daten auch nur eine Sicht darstellt, ist das Angebot von Ragman's Rake. (siehe http://www.alabaster.de/RagmansRake/) Hier werden journalistische Texte redaktioneller Nutzung zur Verfügung gestellt, die es in sich haben. Jeder kann solche Dienstleister finden, der nicht - mit welchem Interesse auch immer - dem Voyeurismus der Belanglosigkeit, der kindischen gadgets oder des bebilderten Thrills frönt. Der wirklich an der Lösung von Copyright-Fragen Interessierte wird in den von Ragman's Rake gegebenen Regeln für den Textverkehr den Versuch eines praktischen Beitrags zur Frage finden. Das zeigt, das es interessanter sein kann, sich mit Ansätzen im Internet Handelnder auseinanderzusetzen, als mit einer Metaphernflut von Vermeintlichkeiten.
Was zur Frage des "geistigen Eigentums" zurückführt. Geist? Eigentum? Das Internet wirft alte Fragen neu auf, mehr nicht. Wer mit Sprache umgeht, sie als "Material" seines Produktionsprozesses nutzt und "Geist" als Produktivkraft, der befindet sich hier auf der Ebene des Nießbrauches. Das heißt auch: Er teilt sich das Genutzte mit vielen, die auf ein gemeinsames "Kapital" dadurch zurückgreifen können, daß sie es nicht verschleudern. Das Internet zeigt deutlich, daß es hier kein Eigentumsrecht gibt - lediglich einen zu pflegenden gemeinsamen Besitz. Das einzige tatsächliche Eigentum der Textarbeiter sind ihre Produktionsmittel - sie schreiben nach wie vor mit Kopf, Herz und Hand (und mit den technischen Prothesen natürlich, ohne die sie sich nicht bewegen können). Bleibt also das Produkt.
Manchmal drängt sich der Eindruck auf, daß jene am lautesten über den drohenden Verlust "geistigen Eigentums" räsonieren, die selbst die Inflationierung von Textenprodukten vorantreiben - verbunden mit einer Entwertung, wie sie jede Massenware trifft, wenn Kapital dadurch verschleudert wird, daß es sich in Billigprodukten vergegenständlicht. Sicherlich sind Zeitungsredaktionen an dieser Entwicklung nicht unbeteiligt, wenn sie Textquickies, die einander gleichen wie leere Plastikeierbecher, als Füllstoff für ihre Spalten nutzen. Insofern taugt die Sprache der politischen Ökonomie zur ethischen Diskussion (was zunächst nicht anderes heißt als zur Diskussion über einen nichtinflationären Gebrauch der Wörter): Aus Produkten, die keinen darstellerischen Mehrwert schaffen, will der Rest des in ihnen gebundenen Geistes so schnell wie möglich entweichen, deshalb läßt er sich auch so leicht abkupfern. Viele Kritiken, Kommentare, Berichte, Essays sind längst zu jenen Formhülsen geworden, die einzig zu verausgaben ihre Emittenden das Internet verdächtigen.
Über Produkte also, deren Originalität sich nur durch die auswechselbare Signatur ihrer Produzenten darstellt, im Kontext der Frage des "geistigen Eigentums" zu streiten, gleicht der Schlacht an den Wühltischen des Schlußverkaufs großer Kaufhäuser. Daß Zeitungsredaktionen sich an der Jagd auf Ideenschnäppchen beteiligen, kann ihnen eigentlich nicht verübelt werden, wenn jeder jedes kleinste Ideechen, das er im Durchzug des Zeitgeistes aufgeschnappt hat, als geistige Leistung anpreist. Damit soll nichts gegen den alltäglichen Abfall gesagt werden, den jeder mal produziert, der darauf angewiesen ist, daß am Monatsende die Miete bezahlt werden kann. Aber muß man das kollektive und permanente Recyceln solcher Resteverwertung als geistige Leistung verausgaben, auf die ein Eigentumsrecht nur der hat, der am schnellsten wühlt?
Texte, in denen sich das sprachliche und geistige Kapital aller in Form und Stil derart darstellt, daß aus ihnen abgekupferte Ideen ebenso offensichtlich sind wie dreistes Plagiat, werfen die Frage nach dem "geistigen Eigentum" bemerkenswerter Weise gar nicht auf. Weder ein Journalist, noch eine Redaktion kann es sich leisten, das Copyright auf einen textlichen Mehrwert zu umgehen, der es verdient, so genannt zu werden. Aber auch hier geben die Entwicklungen des Internets Anlaß zur Hoffnung: Texte, über die heute unter der Parole "mein geistiges Eigentum" gestritten wird, werden dereinst ohnehin von Wortkombinationsprogrammen geschrieben werden. Dann wird es wieder darauf ankommen, wer was aus solcher Massenware macht: Einen interessanten Text zum Beispiel, der den Geist anregt - und nicht nur das oberflächige Speichern einer Information initiiert, deren Wortlaut derjenige, der sie verpackt hat, aus dem dürftigen Fundus zieht, den der Thesaurus des Journalismus preisgibt (wenn er denn überhaupt installiert ist). Daß sich Zeitungsredaktionen heute kaum noch darum bemühen (oder kaum noch andere bemühen), die Textemissionen von Nachrichtenagenturen einer geistigen Bearbeitung, geschweige denn Durcharbeitung zu überlassen, wird im Zuge der Möglichkeiten des Internets nicht mehr mit dem Hinweis auf Zeitprobleme entschuldigt werden können. Denn es fordert, wie Nutzer in vielen anderen Bereichen, auch Textproduzenten und -verwerter dazu heraus, sich aus Netzen zu lösen, in die sie sich verstrickt haben und gibt dem Geist eine neue Chance. Wenn sie das In-Besitz-Nehmen des Internets nicht mit einer Aufgabe des "geistigen Eigentums" verwechseln.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]