Hans Tennstedt
Geist? Eigentum?
Furcht vor Ideenklau geht um. Denn nicht jedes Nachdenken
von Gedanken und Nachsprechen von Gesprochenem stößt
auf Billigung. Gegen solches Plagiat kann man nichts
unternehmen - höchstens schweigen. Jeder "Geistesarbeiter"
aber, der von seiner Arbeit leben muß, weiß:
Schweigen ist eben nicht Gold. Und auch Reden ist nicht
Silber, denn die Gedanken müssen aufs Papier oder
auf den Bildschirm gebracht werden, damit sie in klingende
Münze umgesetzt werden können. Doch wie den
Tauschwert - oft karg genug - realisieren, wenn wilde
Haufen am Rande der Datenautobahn lauern, mit räuberischer
Absicht, um die in langen Denknächten mühe-
und qualvoll entbundenen Texte zu stehlen und in fremde
Länder zu verkaufen. Gesetzeshüter werden
gerufen, das Eigentum zu schützen: daß die
Kopfgeburt ihre Väter und Mütter ernähren
soll, ist angesichts der wundgeschriebenen Finger nur
recht und billig.
Dies alles klingt plausibel und wie ein legitimer Anspruch.
Und daß Texte im Internet zur Zeit vogelfrei
zu sein scheinen, daß also jeder mit ihnen machen
kann was er will, ohne rechtliche Konsequenzen befürchten
zu müssen, ist für Journalisten kein angenehmer
Gedanke. Wer möchte schon dem ausgeschlachteten
Kadaver seines sorgsam gepflegten Textes in irgendeiner
Homepageabsteige begegnen? Kein schöner Anblick,
das. Und wer möchte sich beim Frühstück
schon verschlucken, wenn er in seiner heimischen Zeitung
plötzlich einem Text begegnet, den er schon mehrmals
vergeblich anzubieten versucht hat? Nun steht er da,
etwas geliftet, und sieht dazu noch aus, als habe die
Geschlechtsumwandlung bei einem Pfuscher im Hinterzimmer
einer Redaktion stattgefunden, die noch mit Bleisatz
arbeitet. Schlimme Sache, das.
Die Welt des Netzes hängt also voller Zweitgeiger
- wenn man den kursierenden Befürchtungen traut.
Sie nutzen schamlos die guten Beziehungen aus, die
sie zu Zeitungsredaktionen haben. Sie lauern am Internetportal,
warten in Ruhe ab, bis das Elaborat eines der vogelfreien
Journalisten abgelehnt wurde, zücken dann die
Maus und setzen sie dem Armen auf die digitale Brust.
Der rückt sein Produkt heraus - und merkt es nicht
einmal. Textvampire sind allgegenwärtig. Haben
sie die - natürlich immer - bedeutungsvollen Gedanken
abgesogen, so nutzen sie wiederum schamlos ihre guten
Kontakte und laben die Öffentlichkeit mit dem
zweiten Aufguß fremder Geistesergüsse. Und
diese hält den ihr vorgesetzten Digest für
frisches Hirn. Eklig.
Für Textproduzenten sieht es in den dunklen Wäldern
des Internets also nicht gut aus. Der "Dämon
Copyright" muß beschworen werden und mancher
"Cyberguru" wird als agent provocateur enttarnt,
der die Textproduzenten dazu animieren will, ihr einziges
Kapital kostenlos zu verschleudern (siehe Zeit Nr.
35/1996). Die Forderungen mehren sich, das Dickicht
zu roden, um Übersicht zu schaffen, und sichere
Wege anzulegen, auf denen man unbehelligt ans Ziel
kommt. Dabei drängt sich aber die Frage auf, ob
hier nicht einige Dinge verwechselt werden.
Ist das Internet ein waldiges Dickicht, ist es ein urbanes
Geflecht von Verkehrswegen oder - wie der Essener Medienwissenschaftler
Norbert Bolz meint - ein "globales Dorf"?
Die Metaphern kursieren. Dadurch ist "Internet"
zu einem Zeichen geworden, das repräsentiert,
was Kritiker befürchten oder hoffen oder schlicht
meinen, die es verwenden. Derweil zieht die Datenkarawane
weiter. Es ist ganz einfach: Die Metapher sagt, wie
einer oder eine das Internet "sieht" - und
diese Sicht bestimmt, wie man sich im Internet, mit
ihm oder gegen es verhält. Unternehmen, die es
aufgrund eines gewissen vorrangigen Interesses der
Sensationspresse für einen Rotlichtbezirk halten,
in dem hauptsächlich Kinderschändung und
Leichenzerstückelung gezeigt wird, werden um ihren
guten Ruf besorgt sein - während für andere
seriöse Firmen eine neue Quelle zur Umsatzsteigerung
längst sprudelt. Es gibt Textproduzenten, die
sich über die Thesen Esther Dysons zum "Geistigen
Eigentum im Internet" aufregen (siehe Zeit Nr.
35/1996), weil sie ihnen andere Erwerbsstrategien empfiehlt,
während Schreibende, die den schnellen Datenverkehr
als Erleichterung ihrer Tätigkeit ansehen, längst
auf Dienstleistungen zurückgreifen, die nur durch
das Netz möglich geworden sind. Ein Beispiel für
neue Wege, zugleich ein Beispiel dafür, daß
die Beschwörung der Qualitäts- und Inhaltslosigkeit
durch die Leitungen gejagter Daten auch nur eine Sicht
darstellt, ist das Angebot von Ragman's Rake. (siehe
http://www.alabaster.de/RagmansRake/) Hier werden journalistische
Texte redaktioneller Nutzung zur Verfügung gestellt,
die es in sich haben. Jeder kann solche Dienstleister
finden, der nicht - mit welchem Interesse auch immer
- dem Voyeurismus der Belanglosigkeit, der kindischen
gadgets oder des bebilderten Thrills frönt. Der
wirklich an der Lösung von Copyright-Fragen Interessierte
wird in den von Ragman's Rake gegebenen Regeln für
den Textverkehr den Versuch eines praktischen Beitrags
zur Frage finden. Das zeigt, das es interessanter sein
kann, sich mit Ansätzen im Internet Handelnder
auseinanderzusetzen, als mit einer Metaphernflut von
Vermeintlichkeiten.
Was zur Frage des "geistigen Eigentums" zurückführt.
Geist? Eigentum? Das Internet wirft alte Fragen neu
auf, mehr nicht. Wer mit Sprache umgeht, sie als "Material"
seines Produktionsprozesses nutzt und "Geist"
als Produktivkraft, der befindet sich hier auf der
Ebene des Nießbrauches. Das heißt auch:
Er teilt sich das Genutzte mit vielen, die auf ein
gemeinsames "Kapital" dadurch zurückgreifen
können, daß sie es nicht verschleudern.
Das Internet zeigt deutlich, daß es hier kein
Eigentumsrecht gibt - lediglich einen zu pflegenden
gemeinsamen Besitz. Das einzige tatsächliche Eigentum
der Textarbeiter sind ihre Produktionsmittel - sie
schreiben nach wie vor mit Kopf, Herz und Hand (und
mit den technischen Prothesen natürlich, ohne
die sie sich nicht bewegen können). Bleibt also
das Produkt.
Manchmal drängt sich der Eindruck auf, daß
jene am lautesten über den drohenden Verlust "geistigen
Eigentums" räsonieren, die selbst die Inflationierung
von Textenprodukten vorantreiben - verbunden mit einer
Entwertung, wie sie jede Massenware trifft, wenn Kapital
dadurch verschleudert wird, daß es sich in Billigprodukten
vergegenständlicht. Sicherlich sind Zeitungsredaktionen
an dieser Entwicklung nicht unbeteiligt, wenn sie Textquickies,
die einander gleichen wie leere Plastikeierbecher,
als Füllstoff für ihre Spalten nutzen. Insofern
taugt die Sprache der politischen Ökonomie zur
ethischen Diskussion (was zunächst nicht anderes
heißt als zur Diskussion über einen nichtinflationären
Gebrauch der Wörter): Aus Produkten, die keinen
darstellerischen Mehrwert schaffen, will der Rest des
in ihnen gebundenen Geistes so schnell wie möglich
entweichen, deshalb läßt er sich auch so
leicht abkupfern. Viele Kritiken, Kommentare, Berichte,
Essays sind längst zu jenen Formhülsen geworden,
die einzig zu verausgaben ihre Emittenden das Internet
verdächtigen.
Über Produkte also, deren Originalität sich
nur durch die auswechselbare Signatur ihrer Produzenten
darstellt, im Kontext der Frage des "geistigen
Eigentums" zu streiten, gleicht der Schlacht an
den Wühltischen des Schlußverkaufs großer
Kaufhäuser. Daß Zeitungsredaktionen sich
an der Jagd auf Ideenschnäppchen beteiligen, kann
ihnen eigentlich nicht verübelt werden, wenn jeder
jedes kleinste Ideechen, das er im Durchzug des Zeitgeistes
aufgeschnappt hat, als geistige Leistung anpreist.
Damit soll nichts gegen den alltäglichen Abfall
gesagt werden, den jeder mal produziert, der darauf
angewiesen ist, daß am Monatsende die Miete bezahlt
werden kann. Aber muß man das kollektive und
permanente Recyceln solcher Resteverwertung als geistige
Leistung verausgaben, auf die ein Eigentumsrecht nur
der hat, der am schnellsten wühlt?
Texte, in denen sich das sprachliche und geistige Kapital
aller in Form und Stil derart darstellt, daß
aus ihnen abgekupferte Ideen ebenso offensichtlich
sind wie dreistes Plagiat, werfen die Frage nach dem
"geistigen Eigentum" bemerkenswerter Weise
gar nicht auf. Weder ein Journalist, noch eine Redaktion
kann es sich leisten, das Copyright auf einen textlichen
Mehrwert zu umgehen, der es verdient, so genannt zu
werden. Aber auch hier geben die Entwicklungen des
Internets Anlaß zur Hoffnung: Texte, über
die heute unter der Parole "mein geistiges Eigentum"
gestritten wird, werden dereinst ohnehin von Wortkombinationsprogrammen
geschrieben werden. Dann wird es wieder darauf ankommen,
wer was aus solcher Massenware macht: Einen interessanten
Text zum Beispiel, der den Geist anregt - und nicht
nur das oberflächige Speichern einer Information
initiiert, deren Wortlaut derjenige, der sie verpackt
hat, aus dem dürftigen Fundus zieht, den der Thesaurus
des Journalismus preisgibt (wenn er denn überhaupt
installiert ist). Daß sich Zeitungsredaktionen
heute kaum noch darum bemühen (oder kaum noch
andere bemühen), die Textemissionen von Nachrichtenagenturen
einer geistigen Bearbeitung, geschweige denn Durcharbeitung
zu überlassen, wird im Zuge der Möglichkeiten
des Internets nicht mehr mit dem Hinweis auf Zeitprobleme
entschuldigt werden können. Denn es fordert, wie
Nutzer in vielen anderen Bereichen, auch Textproduzenten
und -verwerter dazu heraus, sich aus Netzen zu lösen,
in die sie sich verstrickt haben und gibt dem Geist
eine neue Chance. Wenn sie das In-Besitz-Nehmen des
Internets nicht mit einer Aufgabe des "geistigen
Eigentums" verwechseln.