Text-Nummer: 0122

Schaltung am: 18.09.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2619
Verfasser(in): Robin Stein
Originaltitel: Farbige Wandobjekte
Copyright: Robin Stein

Robin Stein

Farbige Wandobjekte

Die Galerie Treppenhaus in der Steglitzer Albrechtstraße (Zugang an der Autobahnunterführung) ist keine der üblichen Berliner Galerien. Die "Farbigen Wandobjekte" von Petra Tödter, dort bis zum 10. Oktober zu sehen, sind keine üblichen Objekte. Wer Gelegenheit hatte, auch die erste diesjährige Ausstellung der Künstlerin Ende Februar im Druckhaus Berlin-Centrum zu besuchen, wird vielleicht zustimmen: Die Objekte brauchen unterschiedliche Räume; neue Räume, auf die sie reagieren und in denen sie zu neuen Konfigurationen zusammentreten können. Der Künstlerin wären mehrere Galeristen zu wünschen.
"Farb-Akkorde", "Cluster" nennt der Katalogtext zur ersten Ausstellung 1996 die Wandobjekte. Und er scheut den Vergleich mit den Arbeiten Kandinskys nicht. Wir halten den Vergleich für verfehlt: Nicht deshalb, weil der Umgang Tödters mit Form und Farbe ein vollständig anderer wäre; sondern deshalb, weil sie solche Vergleiche, die durch Nähe adeln sollen, nicht nötig hat und deshalb, weil wir die Rückführung des Neuen auf Bekanntes in der Kunst generell für verfehlt halten.
Tödter schafft unregelmäßig vieleckige Holzkörper, schließt deren Poren mit Acrylspachtel und trägt in mehreren Schichten pigmentsatte Farben auf, bis ein Farbraumkörper entsteht, der für sich niemals "rund" ist, sondern als kantiger Ton im Raum steht. Bisweilen verliert sich ein solcher Ton - wie ein versprengter Oberton, der sich von den anderen Clustern gelöst hat - auf einer einzelnen Wand. Meist aber treten die Farbraumkörper in Gruppen zu zwei bis fünf zusammen, machen Zwei- bis Fünfklang, verklumpen oder zerstreuen ihren Zusammenhang.
Hier nun wird die Reaktion der Cluster auf die Räume deutlich, auf das Material der Wände, auf die architektonische Form-Akustik. Mit der Hängung ihrer "Farbigen Wandobjekte" - und das ist längst nicht die ganze Wirkung - gibt Tödter den Räumen formal Resonanz. Die Serie der Objekte in den Räumen des Berliner Druckhauses entfaltete und zerstreute die Gruppen und Cluster als farbige Dissonanzen auf weißem Grund. Die Serie der Objekte in der Galerie Treppenhaus, deren Räume einem Besucher die Assoziation "Speersche Architektur" entlockten, klumpt sich gegen rohen Stein zu runderen Konsonanzen. Tödters Arbeiten stehen für sich und interpretieren die Räume, in denen sie für sich stehen. Das gab es lange nicht zu sehen.

Ausstellung vom 6.9. - 4.10.1996 in der Galerie Treppenhaus (Di-Fr 15-18 Uhr, Albrechtstraße 129, 12165 Berlin-Steglitz; Katalog "Farbige Wandobjekte", Frankfurt 1996 (Edition Delta Tau Kunst/Materialis)


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