Robin Stein
Farbige Wandobjekte
Die Galerie Treppenhaus in der Steglitzer Albrechtstraße
(Zugang an der Autobahnunterführung) ist keine
der üblichen Berliner Galerien. Die "Farbigen
Wandobjekte" von Petra Tödter, dort bis zum
10. Oktober zu sehen, sind keine üblichen Objekte.
Wer Gelegenheit hatte, auch die erste diesjährige
Ausstellung der Künstlerin Ende Februar im Druckhaus
Berlin-Centrum zu besuchen, wird vielleicht zustimmen:
Die Objekte brauchen unterschiedliche Räume; neue
Räume, auf die sie reagieren und in denen sie
zu neuen Konfigurationen zusammentreten können.
Der Künstlerin wären mehrere Galeristen zu
wünschen.
"Farb-Akkorde", "Cluster" nennt
der Katalogtext zur ersten Ausstellung 1996 die Wandobjekte.
Und er scheut den Vergleich mit den Arbeiten Kandinskys
nicht. Wir halten den Vergleich für verfehlt:
Nicht deshalb, weil der Umgang Tödters mit Form
und Farbe ein vollständig anderer wäre; sondern
deshalb, weil sie solche Vergleiche, die durch Nähe
adeln sollen, nicht nötig hat und deshalb, weil
wir die Rückführung des Neuen auf Bekanntes
in der Kunst generell für verfehlt halten.
Tödter schafft unregelmäßig vieleckige
Holzkörper, schließt deren Poren mit Acrylspachtel
und trägt in mehreren Schichten pigmentsatte Farben
auf, bis ein Farbraumkörper entsteht, der für
sich niemals "rund" ist, sondern als kantiger
Ton im Raum steht. Bisweilen verliert sich ein solcher
Ton - wie ein versprengter Oberton, der sich von den
anderen Clustern gelöst hat - auf einer einzelnen
Wand. Meist aber treten die Farbraumkörper in
Gruppen zu zwei bis fünf zusammen, machen Zwei-
bis Fünfklang, verklumpen oder zerstreuen ihren
Zusammenhang.
Hier nun wird die Reaktion der Cluster auf die Räume
deutlich, auf das Material der Wände, auf die
architektonische Form-Akustik. Mit der Hängung
ihrer "Farbigen Wandobjekte" - und das ist
längst nicht die ganze Wirkung - gibt Tödter
den Räumen formal Resonanz. Die Serie der Objekte
in den Räumen des Berliner Druckhauses entfaltete
und zerstreute die Gruppen und Cluster als farbige
Dissonanzen auf weißem Grund. Die Serie der Objekte
in der Galerie Treppenhaus, deren Räume einem
Besucher die Assoziation "Speersche Architektur"
entlockten, klumpt sich gegen rohen Stein zu runderen
Konsonanzen. Tödters Arbeiten stehen für
sich und interpretieren die Räume, in denen sie
für sich stehen. Das gab es lange nicht zu sehen.
Ausstellung vom 6.9. - 4.10.1996 in der Galerie Treppenhaus (Di-Fr 15-18 Uhr, Albrechtstraße 129, 12165 Berlin-Steglitz; Katalog "Farbige Wandobjekte", Frankfurt 1996 (Edition Delta Tau Kunst/Materialis)