Hans Tennstedt
Elternphantasien
Es muß leider festgestellt werden: Den facettenreichsten
Beitrag zur Frage des Umgangs mit "Triebtätern"
lieferte die letzte Folge der Krimi-Serie Fitz: "Männerphantasien".
Das Chaos der Verstrickungen von Experten, Ermittlern,
Tätern und Betroffenen wurde hier in verdichteter
Form gezeigt. Allen jenen, die mit einem Aufschrei
der Empörung und Lynchgelüsten auf das neu
erwachte Medieninteresse an Fällen von "Kinderschändung"
und Vergewaltigung reagieren, dürften die beiden
Folgen "Fitz" zumindest eines vor Augen führen:
Selbstgerechtigkeit ist vollkommen fehl am Platze.
Gerade die Reaktion auf die letzten Gewalttaten gegen
Kinder, die von manchen Medien sensationslüstern
ausgeschlachtet wurden, zeigen, daß es manchmal
nur eines geringen Anstoßes bedarf, um über
die Grenze zur Gewalt "getrieben" zu werden.
Gewisse sadistische sexuelle Fixierungen, die Täter
zur Gewalt an ihren Opfern treiben, unterscheiden sich
strukturell nicht von jenen, die zur Gewalt an Tätern
- oder vemeintlichen Tätern - treiben. Der Drang,
Gewalt gegen andere auszuagieren, bedarf nur eines
"Objekts", das dazu geeignet erscheint. Das
macht die Hilflosigkeit aller "Beteiligter"
aus, der Experten, der Täter, der Opfer, der Angehörigen
und aller, die sich dafür halten: Wie, wann und
unter welchen Bedingungen sich ein "Objekt"
dem gewaltbereiten Täter "aufdrängt"
oder wie es ihm "aufgedrängt" wird,
ist grundsätzlich nicht berechenbar. Die Begegnung
zwischen unbewußten Wünschen und den Begehrensobjekten,
die nicht nur in den Phantasien sondern in der Tat
stattfinden, sind grundsätzlich nicht kalkulierbar.
Der Schrei nach Rache deckt dabei nur die Tatsache
zu, daß sexuell getriebene Wesen sadomasochistische
Neigungen in sich tragen - und er zeigt, wie brüchig
die Verlötungen des Triebs mit den ethischen Idealen
sind, die seinem Lauern auf Befriedigung andere Ziele
geben. Es gilt festzuhalten, daß auch der sich
Rächende einen Trieb befriedigt - und das es scheinheilig
ist, dies als ethische Leistung zu behaupten. In Zeiten
der Hilflosigkeit, in der wir alle wieder einmal damit
konfrontiert werden, daß das Ich nicht Herr im
eigenen Haus ist, daß wir wieder besseres Wissen
handeln, wenn sich die Bedingungen nur verführerisch
genug gestalten, reden wir mit gutem Grund von "Massenhysterie"
oder vom "Kochen der Volksseele". Und schon
begegnen wir wieder der Triebhaftigkeit, diesmal als
kollektiver, die zu schüren nicht zufällig
als "Hetze" bezeichnet wird.
Das grundsätzliche Dilemma: Schweigen über
sexuelle Gewalt ist ebensowenig eine Lösung des
Problems wie über sie zu reden. Denn schnell kann
ersteres zur "stillschweigenden" Duldung
führen, letzteres zur "geschwätzigen"
Hetze. Formen sexueller Gewalt zur Sprache zu bringen
und durch pädagogische und therapeutische Einflußnahme
zu "binden" - denn mehr ist nicht möglich
-, kann in einem Klima des Schweigens und der Hetze
nicht sinnvoll geschehen. Dabei ist es vielleicht nicht
unwesentlich festzustellen, daß Hetze und Schweigen
gleichsam Aggregatzustände der öffentlichen
Auseinandersetzung sind, die gerne in einander umschlagen.
Zwischentöne finden in diesem "Prozeß
der Auseinandersetzung" kaum Widerhall. Die gesellschaftliche
Aufgabe, die in der stärkeren und damit auch haltbareren
Verlötung des Triebes mit der Ethik liegt, bedarf
in pädagogischer und therapeutischer Arbeit eines
langen Atems, den die - sei's auch verständliche
- Wut nicht zu gewähren bereit ist. Sie gleicht
dem haßerfüllten Rächer, der seinem
Opfer auf der Brust kniet, es würgt und anschreit,
sich gefälligst etwas einfallen zu lassen. Lassen
wir Pädagogen und Therapeuten also wieder zu Luft
kommen und fragen sie dann, wie sie sich Lösungen
vorstellen. Doch hören wir dann auch zu - oder
schreien wir dann haßgetrieben an anderer Stelle
unsere Entrüstung darüber heraus, daß
sich bei manchen die Liebe zum anderen als sexuelle
Gewalt zeigt? Doch, wie gesagt, es ist nicht die Zeit
über die Konsequenzen der Einsicht zu sprechen,
daß ein "Kinderschänder" ein Kind,
das für ihn zum Objekt wurde, auf seine Art mit
ähnlicher Intensität liebt (ohne Anführungstriche)
wie die Eltern, die ihn dafür am liebsten umbringen
würden. Erst wenn es möglich ist, diese Einsicht
- und sich daraus ergebende therapeutische und pädagogische
Konsequenzen - ohne die kurzatmigen Schuldzuweisungen
zur Sprache zu bringen, können sich neue Wege
zeigen. Wahrscheinlich aber sind wir alle zu sehr in
unseren Haß verliebt und in die Befriedigung,
die es uns verschafft, ihn zumindest zur Sprache zu
bringen, als daß wir auf das Hecheln nach Rache
verzichten wollen. Deshalb tun wir auch so, als seinen
die brüchigen ethischen Bretter, die wir über
die Triebschächte legen, ausreichend. Den ersten
Stein werfen nicht selten jene, die nur darauf lauern,
bis wiedereinmal ein Kind in den Brunnen gefallen ist.
Dazu gehören auch Zeitungen, die glauben machen
wollen, ihre Titelseiten seinen tragfähig genug.