Text-Nummer: 0131

Schaltung am: 04.10.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 4959
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Originaltitel: Elternphantasien
Copyright: Hans Tennstedt

Hans Tennstedt

Elternphantasien

Es muß leider festgestellt werden: Den facettenreichsten Beitrag zur Frage des Umgangs mit "Triebtätern" lieferte die letzte Folge der Krimi-Serie Fitz: "Männerphantasien". Das Chaos der Verstrickungen von Experten, Ermittlern, Tätern und Betroffenen wurde hier in verdichteter Form gezeigt. Allen jenen, die mit einem Aufschrei der Empörung und Lynchgelüsten auf das neu erwachte Medieninteresse an Fällen von "Kinderschändung" und Vergewaltigung reagieren, dürften die beiden Folgen "Fitz" zumindest eines vor Augen führen: Selbstgerechtigkeit ist vollkommen fehl am Platze.
Gerade die Reaktion auf die letzten Gewalttaten gegen Kinder, die von manchen Medien sensationslüstern ausgeschlachtet wurden, zeigen, daß es manchmal nur eines geringen Anstoßes bedarf, um über die Grenze zur Gewalt "getrieben" zu werden. Gewisse sadistische sexuelle Fixierungen, die Täter zur Gewalt an ihren Opfern treiben, unterscheiden sich strukturell nicht von jenen, die zur Gewalt an Tätern - oder vemeintlichen Tätern - treiben. Der Drang, Gewalt gegen andere auszuagieren, bedarf nur eines "Objekts", das dazu geeignet erscheint. Das macht die Hilflosigkeit aller "Beteiligter" aus, der Experten, der Täter, der Opfer, der Angehörigen und aller, die sich dafür halten: Wie, wann und unter welchen Bedingungen sich ein "Objekt" dem gewaltbereiten Täter "aufdrängt" oder wie es ihm "aufgedrängt" wird, ist grundsätzlich nicht berechenbar. Die Begegnung zwischen unbewußten Wünschen und den Begehrensobjekten, die nicht nur in den Phantasien sondern in der Tat stattfinden, sind grundsätzlich nicht kalkulierbar. Der Schrei nach Rache deckt dabei nur die Tatsache zu, daß sexuell getriebene Wesen sadomasochistische Neigungen in sich tragen - und er zeigt, wie brüchig die Verlötungen des Triebs mit den ethischen Idealen sind, die seinem Lauern auf Befriedigung andere Ziele geben. Es gilt festzuhalten, daß auch der sich Rächende einen Trieb befriedigt - und das es scheinheilig ist, dies als ethische Leistung zu behaupten. In Zeiten der Hilflosigkeit, in der wir alle wieder einmal damit konfrontiert werden, daß das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist, daß wir wieder besseres Wissen handeln, wenn sich die Bedingungen nur verführerisch genug gestalten, reden wir mit gutem Grund von "Massenhysterie" oder vom "Kochen der Volksseele". Und schon begegnen wir wieder der Triebhaftigkeit, diesmal als kollektiver, die zu schüren nicht zufällig als "Hetze" bezeichnet wird.
Das grundsätzliche Dilemma: Schweigen über sexuelle Gewalt ist ebensowenig eine Lösung des Problems wie über sie zu reden. Denn schnell kann ersteres zur "stillschweigenden" Duldung führen, letzteres zur "geschwätzigen" Hetze. Formen sexueller Gewalt zur Sprache zu bringen und durch pädagogische und therapeutische Einflußnahme zu "binden" - denn mehr ist nicht möglich -, kann in einem Klima des Schweigens und der Hetze nicht sinnvoll geschehen. Dabei ist es vielleicht nicht unwesentlich festzustellen, daß Hetze und Schweigen gleichsam Aggregatzustände der öffentlichen Auseinandersetzung sind, die gerne in einander umschlagen. Zwischentöne finden in diesem "Prozeß der Auseinandersetzung" kaum Widerhall. Die gesellschaftliche Aufgabe, die in der stärkeren und damit auch haltbareren Verlötung des Triebes mit der Ethik liegt, bedarf in pädagogischer und therapeutischer Arbeit eines langen Atems, den die - sei's auch verständliche - Wut nicht zu gewähren bereit ist. Sie gleicht dem haßerfüllten Rächer, der seinem Opfer auf der Brust kniet, es würgt und anschreit, sich gefälligst etwas einfallen zu lassen. Lassen wir Pädagogen und Therapeuten also wieder zu Luft kommen und fragen sie dann, wie sie sich Lösungen vorstellen. Doch hören wir dann auch zu - oder schreien wir dann haßgetrieben an anderer Stelle unsere Entrüstung darüber heraus, daß sich bei manchen die Liebe zum anderen als sexuelle Gewalt zeigt? Doch, wie gesagt, es ist nicht die Zeit über die Konsequenzen der Einsicht zu sprechen, daß ein "Kinderschänder" ein Kind, das für ihn zum Objekt wurde, auf seine Art mit ähnlicher Intensität liebt (ohne Anführungstriche) wie die Eltern, die ihn dafür am liebsten umbringen würden. Erst wenn es möglich ist, diese Einsicht - und sich daraus ergebende therapeutische und pädagogische Konsequenzen - ohne die kurzatmigen Schuldzuweisungen zur Sprache zu bringen, können sich neue Wege zeigen. Wahrscheinlich aber sind wir alle zu sehr in unseren Haß verliebt und in die Befriedigung, die es uns verschafft, ihn zumindest zur Sprache zu bringen, als daß wir auf das Hecheln nach Rache verzichten wollen. Deshalb tun wir auch so, als seinen die brüchigen ethischen Bretter, die wir über die Triebschächte legen, ausreichend. Den ersten Stein werfen nicht selten jene, die nur darauf lauern, bis wiedereinmal ein Kind in den Brunnen gefallen ist. Dazu gehören auch Zeitungen, die glauben machen wollen, ihre Titelseiten seinen tragfähig genug.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]