Text-Nummer: 0134

Schaltung am: 10.10.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 5415
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Originaltitel: Sexuelle Belästigung
Copyright: Hans Tennstedt

Hans Tennstedt

Sexuelle Belästigung

So absurd die Diskussion auch anmuten mag, die in Amerika zur Zeit über die wechselseitige "sexuelle Belästigung" bei Kindern geführt wird, sie führt doch die Hilflosigkeit der Erwachsenen eindringlich vor Augen. Wenn ein sechsjähriger Junge von einer Schule mit einer "Disziplinarstrafe" belegt wird, weil er einer Klassenkameradin einen Kuß auf die Wange gegeben hat, so mag das ein Extrem sein. Es ist aber auch ein zeichen dafür, daß Erwachsene in einem Klima der Orientierungslosigkeit und der verschwommenen Regeln, Werte und Ideale des Zusammenlebens Maßstäbe verloren haben. Allerdings: Woher sollen solche Maßstäbe kommen? Wer sich der Auseinandersetzung mit kindlicher Sexualität verweigert, der wird kein Augenmaß für das Verhältnis von Zärtlichkeit und sexueller Attacke gewinnen.
In einem Klima argwöhnischer Beobachtung der Handlungsweisen von Kindern, in dem es schon als "böses Zeichen" erscheint, wenn sich die Hand eines kleinen Jungen zu oft in der Tasche bewegt oder das Reiten eines kleinen Mädchens auf einer Schaukel von allzu heftigem Gerutsche begleitet ist, kann die Vergesellschaftung des Verdikts nicht ausbleiben. Zu hören, daß es Erwachsene "ekelerregend" finden, wenn Kinder miteinander "Doktor" spielen, gibt zu denken. Die Desexualisierung der sexuellen Neigungen durch "Verekeln" und die Disziplinierung durch die Kriminalisierung des Restes an Zärtlichkeit, der bleibt, macht deutlich: Die Auseinandersetzung über "sexuelle Belästigung" gründet sich nicht nur auf die Erfahrung von tatsächlich schlimmen Attacken, sondern auch auch auf ein konstitutives Unvermögen, mit "lästiger Sexualität" umzugehen.
Von einem unverkrampften Umgang mit kindlichen Äußerungen sexueller Wünsche sind aber nicht nur in Amerika viele Erwachsene weit entfernt. Auch hierzulande verunsichert die scheinbare Allgegenwart von Kinderschändung und Inzest die Eltern und hemmt ihre Auseinandersetzung mit kindlichen Äußerungsformen, die zunächst schlicht eines sind: menschlich. Unter dem argwöhnischen Blick einer voyeuristischen Öffentlichkeit, der bisweilen paranoide Tendenzen erzeugt wenn er auch in heimischen und familiären Räumen verspürt wird, beginnen sich viele zu fragen, ob "das Thema" nicht lieber ganz ausgeklammert werden sollte. Die Haltung des "Darüber redet man nicht" greift wieder um sich, weil das Reden schon zu nah am Handeln angesiedelt zu sein scheint. Im Gegensatz zum scheinbar offenen Gespräch über Kindesmißhandlung wird tatsächlich der Bereich der Sexualität sukzessive tabuiert. Wer aber an das Tabu rührt - und sei es nur durch Worte - der wird selbst tabu.
Allgemeine Verkrampfung ist das Resultat. Verkrampfung im Umgang mit kindlicher Zärtlichkeit, aber auch mit Komplimenten, die als "Anmache" interpretiert werden, mit flüchtigen Berührungen, die immer schon den Charakter der Attacke haben, mit Flirt, der als Verrichtung gilt, den anderen oder die andere mit den Augen auszuziehen.
Die Frage ist: Was ist "sexuell", was ist zulässige sexuelle Annäherung auf den unterschiedlichsten Stufen der Begegnung zwischen Frauen und Männern (denn, bitte schön, woher sollen denn sonst die Kinder kommen); was ist zulässige wechselseitige Verführung und was nicht.
Jeder kennt die Verhaltensweisen, mit denen Kinder versuchen, zu sexueller Annäherung zu verführen. Nicht daß sie es tun, ist das Problem, sondern wie Erwachsene - und nach ihrem Vorbild - andere Kinder damit umgehen. Der kleine Junge, der sich angesichts eines schönen Mädchens in die Hosen macht, obwohl er schon längst "sauber" ist, ist angemacht und macht an. Kaum ein Erwachsener kann das Spektrum der kindlichen Verführungsabsichten übersehen, daß zwischen solchem Handeln und dem Kuß auf die Wange oder den Doktorspielen liegt. Ist es also erlaubter Ausdruck sexueller Wünsche, wenn ein Kind sich selbst in die Hose macht, ein unerlaubter Ausdruck, wenn es seiner Freundin an die Hose macht? Gilt es demnächst Babys zu disziplinieren, wenn sie vor lauter Lust beim Wickeln dem Vater auf das Hemd machen, weil es sich um eine sexuelle Belästigung handelt?
Grenzen zwischen dem, was erlaubt sein muß, und dem, was nicht erlaubt sein darf, müssen ohne Zweifel gezogen werden. Diese Grenzen können aber nicht in angemessener Weise gezogen werden, wenn eine unverkrampfte Auseinandersetzung mit kindlicher Sexualität - und auch erwachsener Sexualität - tabu bleibt. Angemessene Normen und Regeln bilden sich nur, wenn diese von Erwachsenen gesetzt werden und Gesetze als solche anerkannt werden. Übereifrige Erzieher, die familiäre Regeln mit gesellschaftlichen Gesetzen verwechseln und Eltern, die den Schwellenraum der Schule zwischen Familie und Gesellschaft nicht als einen der Erprobung von Regeln und Gesetzen begreifen können, erweisen "ihren" Kindern einen Bärendienst. Darüberhinaus gilt es zu fragen, welche Form der sexuellen Belästigung es darstellt, wenn die Auffassung zur Norm erklärt wird, daß menschlich angemessene sexuelle Neigungen "ekelhaft" und verwerflich sein sollen.
Übrigens: Was nicht zur Sprache gebracht wird, das findet in anderer Weise Ausdruck. Und wer sich "lästiger Sexualität" dadurch erwehren will, daß er jede kindlich-zärtliche Regung als sexuelle Belästigung brandmarkt, den wird solche Stigmatisierung einst wieder einholen. Er soll sich über den Verlust an Zärtlichkeit von Kindern gegenüber gealterten Eltern nicht beschweren.


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