Text-Nummer: 0140

Schaltung am: 23.10.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2550
Verfasser(in): Simone Frantzen
Originaltitel: Unrechtszuschreibung
Copyright: Simone Frantzen

Simone Frantzen

Unrechtszuschreibung

Nun haben es die Schriftsteller schriftlich: Die Argumente der Rechtschreibreformgegener sind falsch. Und die Schriftsteller sollen sich nicht so haben. Denn die literarische Produktion, so der Präsident der Kultusministerkonferenz Reck, sei ja von den Neuregelungen der Rechtschreibung gar nicht betroffen. Dies wirft nun allerdings ein neues Licht auf den Geist, dem sich die Reform verdankt. Denn um die literarische Produktion als unbetroffen von Maßnahmen zu sehen, die Sinn und Erscheinungsform von Buchstaben und Wörtern nicht dem sprachgeschichtlichen Alterungsprozeß überlassen, sondern den Textspiegel zeitgemäß liften, zeugt von einer naiven Sicht, was die Beeinflussung der literarischen Produktion durch regelmentierende Setzungsakte angeht.
Vielleicht sollte man den Präsidenten der Kultusministerkonferenz aber auch beim Wort nehmen und die Rechtschreibungsreform zum Anlaß, die literarische Produktion auch wieder als Störung normativer Sprachlichkeit zu erinnern. Auffällig am gegenwärtigen Streit über die Reform ist, daß besondere literarische Darstellungsweisen und Herausforderungen einer standardisierten Schriftlichkeit kaum berücksichtigt werden. Auch im sogenannten funktionalen Geschäftsverkehr könnte es manches in Bewegung bringen, sich etwa an die Art zu erinnern, wie ein James Joyce oder ein Arno Schmidt mit Buchstaben und Satzzeichen umgegangen sind.
Tendenziell aber lernen die Schüler der Zukunft, daß unrechtzuschreiben dasselbe ist wie Unrecht zu schreiben oder Unrecht zuschreiben, statt Erfahrungen mit dem zu machen, was es buchstäblich heißt un(r)echt rechtsuschreiben was mit links auch geht. Aber warum sollte einem Schüler auch gezeigt werden, wie die Sprache nuschlt, wenn es doch darum geht, ihm das Nuscheln abzugewöhnen, damit sich die Textverarbeitungssysteme nicht verlesen. Warum sollte gezeigt werden, was es heißt, mit Buchstaben zu malen, wenn aus jedem Buchstaben ein eineindeutiges Zeichen werden soll. Irgendwann wird er mit dem Finger auf das "ß" zeigen und fragen, warum dieser komische Buchstabe nur noch niest, obwohl er doch offensichtlich und für aller Ohren hörbar nießt. Aber auch wenn wir noch w e i t e r g e h e n könnten, wollen wir hier nicht weitergehen. Es gibt in der Tat ein Schreiben, bei dem die Buchstaben vor den Augen tanzen, wenn der Sinn Tanzen ist. Wo der Sinn uniformer Aufmarsch ist, da salutieren die Wörter dem Duden.


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