Simone Frantzen
Unrechtszuschreibung
Nun haben es die Schriftsteller schriftlich: Die Argumente
der Rechtschreibreformgegener sind falsch. Und die
Schriftsteller sollen sich nicht so haben. Denn die
literarische Produktion, so der Präsident der
Kultusministerkonferenz Reck, sei ja von den Neuregelungen
der Rechtschreibung gar nicht betroffen. Dies wirft
nun allerdings ein neues Licht auf den Geist, dem sich
die Reform verdankt. Denn um die literarische Produktion
als unbetroffen von Maßnahmen zu sehen, die Sinn
und Erscheinungsform von Buchstaben und Wörtern
nicht dem sprachgeschichtlichen Alterungsprozeß
überlassen, sondern den Textspiegel zeitgemäß
liften, zeugt von einer naiven Sicht, was die Beeinflussung
der literarischen Produktion durch regelmentierende
Setzungsakte angeht.
Vielleicht sollte man den Präsidenten der Kultusministerkonferenz
aber auch beim Wort nehmen und die Rechtschreibungsreform
zum Anlaß, die literarische Produktion auch wieder
als Störung normativer Sprachlichkeit zu erinnern.
Auffällig am gegenwärtigen Streit über
die Reform ist, daß besondere literarische Darstellungsweisen
und Herausforderungen einer standardisierten Schriftlichkeit
kaum berücksichtigt werden. Auch im sogenannten
funktionalen Geschäftsverkehr könnte es manches
in Bewegung bringen, sich etwa an die Art zu erinnern,
wie ein James Joyce oder ein Arno Schmidt mit Buchstaben
und Satzzeichen umgegangen sind.
Tendenziell aber lernen die Schüler der Zukunft,
daß unrechtzuschreiben dasselbe ist wie Unrecht
zu schreiben oder Unrecht zuschreiben, statt Erfahrungen
mit dem zu machen, was es buchstäblich heißt
un(r)echt rechtsuschreiben was mit links auch geht.
Aber warum sollte einem Schüler auch gezeigt werden,
wie die Sprache nuschlt, wenn es doch darum geht, ihm
das Nuscheln abzugewöhnen, damit sich die Textverarbeitungssysteme
nicht verlesen. Warum sollte gezeigt werden, was es
heißt, mit Buchstaben zu malen, wenn aus jedem
Buchstaben ein eineindeutiges Zeichen werden soll.
Irgendwann wird er mit dem Finger auf das "ß"
zeigen und fragen, warum dieser komische Buchstabe
nur noch niest, obwohl er doch offensichtlich und für
aller Ohren hörbar nießt. Aber auch wenn
wir noch w e i t e r g e h e n könnten, wollen
wir hier nicht weitergehen. Es gibt in der Tat ein
Schreiben, bei dem die Buchstaben vor den Augen tanzen,
wenn der Sinn Tanzen ist. Wo der Sinn uniformer Aufmarsch
ist, da salutieren die Wörter dem Duden.