Text-Nummer: 0143

Schaltung am: 30.10.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 3785
Verfasser(in): Birte Dettmer
Originaltitel: Wo wohnen wir eigentlich?
Copyright: Birte Dettmer

Birte Dettmer

Wo wohnen wir eigentlich?

Ein Amerikaner, angesprochen darauf, daß Straßen in Europa Namen von Personen tragen, antwortete: Meinen Kindern gebe ich Namen. Straßen sollten Nummern haben. Und weitere Einwände brachte das Gespräch: Stellen Sie sich den Streit vor! Welche Person ist es Wert, daß eine Straße nach ihr benannt wird? Wer bestimmt darüber? Die Mischung aus verkehrspolitischer und traditionspolitischer Pragmatik, die in solchen Einwänden begegnet, könnte im Sinne Tucholskys zuusammengefaßt werden: Von den Straßennamen einer Stadt erwarte ich, daß sie mir bei der Orientierung helfen. Einen Namen habe ich selbst.
Aber wollen wir wirklich auf Straßennamen verzichten? Sind sie nicht beredte Zeugnisse der Geisteslage eines Landes? Sollten wir darauf verzichten, den Umgang mit Geschichte auch aus dem Antlitz einer Stadt ablesen zu können, das sich mit seinen Straßennamen in nachdenkliche Falten legt? Finden wir hier nicht ein interessantes Feld, das vom Zeitgeist durchfurcht wird und uns manchen Eindruck vom Umgang mit Alterungsprozessen und Traditionen bietet? Vor allem, wenn es von Zeit zu Zeit ein Lifting gibt, mit dem alte Spuren, die sich in das Antlitz einer Stadt eingegraben haben, getilgt werden sollen?
In der deutschen Hauptstadt geht die Diskussion über neue und alte Straßennamen in die nächste Runde. Soll der "Platz der Republik" demnächst "Willy-Brandt-Platz" heißen? Wird die "Leberstraße" oder wird der "Tempelhofer Weg" den Namen von Marlene Dietrich tragen? Wird eine Straße durch ihre Umbenennung zur Hauptstraße geadelt oder ist ein Platz nun doch zu bedeutend, um den Namen eines einzigen - wenn auch verdienten - Politikers zu tragen? Welche Kosten erzeugt es für ansässige Geschäftsleute, ihre Geschäftspapiere ändern zu müssen? Dies sind die Fragen der Politiker, die ihre eigenen Interessen vertreten und die ihrer Wähler, die der Hauptstadt ein neues Gesicht verpassen wollen - jedoch nicht um jeden Preis.
Jeder will seinen persönlichen täglichen Ärger vermeiden. Man kann einen CDU-Abgeordneten verstehen, der in einem Taxi nicht dauernd an einen sozialdemokratischen Kanzler oder Bürgermeister erinnert werden will, wenn er sein Ziel angibt. Wahrscheinlich verkrampft sich beim Schreiben der Adresse manche Hand, wenn der Name der "Verräterin" deutscher Interessen auf den Umschlag stehen soll. Und welcher seriöse Geschäftsmann mag als Geschäftanschrift schon gerne "Tingeltangelsteig" angeben?
Der Streit um die Straßennamen zeigt, daß es für die Bewohner einer Straße nicht unwichtig ist, wo sie zu Hause sind. Deshalb ist für ein vollständig anderes Straßenbenennungsverfahren zu plädieren: Die Anwohner einigen sich mehrheitlich auf einen Namen. Jeder kann Vorschläge machen und diese begründen. Ein Straßenname bleibt solange erhalten, bis sich eine neue Mehrheit für einen neuen Namen findet. Und findet sich ein solcher Name bis zu einem Stichtag nicht, so erhält die Straße eine Koordinate, denn mehr als ein auffindbarer Ort ist von den Bewohnern offenbar nicht gewünscht.
Ein nicht praktikables Verfahren? Mitnichten. Es klärte manches. Es erforderte eine aktive Teilnahme an der Gestaltung des Antlitzes einer Stadt. Es erforderte die argumentative Auseinandersetzung. Es wäre praktizierte Erinnerungsarbeit. Es wäre programmatische Politik. Leute kämen miteinander ins Gespräch. Sie würden erfahren, wo sie zu Hause sind. Und vielleicht erhielte die Stadt ein ungeschminktes Antlitz, das nicht dem entspricht, wie es von manchen gesehen wird oder von anderen gesehen werden soll, sondern wie es ist. Ihr wollt neue Namen? Dann verdient sie euch, indem ihr euch an die Arbeit macht. Denn ihr müßt immer damit rechnen, daß man euch den Namen für ein zu Hause nimmt, für daß es in der Stadt keinen Platz mehr gibt.


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