Birte Dettmer
Wo wohnen wir eigentlich?
Ein Amerikaner, angesprochen darauf, daß Straßen
in Europa Namen von Personen tragen, antwortete: Meinen
Kindern gebe ich Namen. Straßen sollten Nummern
haben. Und weitere Einwände brachte das Gespräch:
Stellen Sie sich den Streit vor! Welche Person ist
es Wert, daß eine Straße nach ihr benannt
wird? Wer bestimmt darüber? Die Mischung aus
verkehrspolitischer und traditionspolitischer Pragmatik,
die in solchen Einwänden begegnet, könnte
im Sinne Tucholskys zuusammengefaßt werden: Von
den Straßennamen einer Stadt erwarte ich, daß
sie mir bei der Orientierung helfen. Einen Namen habe
ich selbst.
Aber wollen wir wirklich auf Straßennamen verzichten?
Sind sie nicht beredte Zeugnisse der Geisteslage eines
Landes? Sollten wir darauf verzichten, den Umgang mit
Geschichte auch aus dem Antlitz einer Stadt ablesen
zu können, das sich mit seinen Straßennamen
in nachdenkliche Falten legt? Finden wir hier nicht
ein interessantes Feld, das vom Zeitgeist durchfurcht
wird und uns manchen Eindruck vom Umgang mit Alterungsprozessen
und Traditionen bietet? Vor allem, wenn es von Zeit
zu Zeit ein Lifting gibt, mit dem alte Spuren, die
sich in das Antlitz einer Stadt eingegraben haben,
getilgt werden sollen?
In der deutschen Hauptstadt geht die Diskussion über
neue und alte Straßennamen in die nächste
Runde. Soll der "Platz der Republik" demnächst
"Willy-Brandt-Platz" heißen? Wird die
"Leberstraße" oder wird der "Tempelhofer
Weg" den Namen von Marlene Dietrich tragen? Wird
eine Straße durch ihre Umbenennung zur Hauptstraße
geadelt oder ist ein Platz nun doch zu bedeutend, um
den Namen eines einzigen - wenn auch verdienten - Politikers
zu tragen? Welche Kosten erzeugt es für ansässige
Geschäftsleute, ihre Geschäftspapiere ändern
zu müssen? Dies sind die Fragen der Politiker,
die ihre eigenen Interessen vertreten und die ihrer
Wähler, die der Hauptstadt ein neues Gesicht verpassen
wollen - jedoch nicht um jeden Preis.
Jeder will seinen persönlichen täglichen Ärger
vermeiden. Man kann einen CDU-Abgeordneten verstehen,
der in einem Taxi nicht dauernd an einen sozialdemokratischen
Kanzler oder Bürgermeister erinnert werden will,
wenn er sein Ziel angibt. Wahrscheinlich verkrampft
sich beim Schreiben der Adresse manche Hand, wenn der
Name der "Verräterin" deutscher Interessen
auf den Umschlag stehen soll. Und welcher seriöse
Geschäftsmann mag als Geschäftanschrift schon
gerne "Tingeltangelsteig" angeben?
Der Streit um die Straßennamen zeigt, daß
es für die Bewohner einer Straße nicht unwichtig
ist, wo sie zu Hause sind. Deshalb ist für ein
vollständig anderes Straßenbenennungsverfahren
zu plädieren: Die Anwohner einigen sich mehrheitlich
auf einen Namen. Jeder kann Vorschläge machen
und diese begründen. Ein Straßenname bleibt
solange erhalten, bis sich eine neue Mehrheit für
einen neuen Namen findet. Und findet sich ein solcher
Name bis zu einem Stichtag nicht, so erhält die
Straße eine Koordinate, denn mehr als ein auffindbarer
Ort ist von den Bewohnern offenbar nicht gewünscht.
Ein nicht praktikables Verfahren? Mitnichten. Es klärte
manches. Es erforderte eine aktive Teilnahme an der
Gestaltung des Antlitzes einer Stadt. Es erforderte
die argumentative Auseinandersetzung. Es wäre
praktizierte Erinnerungsarbeit. Es wäre programmatische
Politik. Leute kämen miteinander ins Gespräch.
Sie würden erfahren, wo sie zu Hause sind. Und
vielleicht erhielte die Stadt ein ungeschminktes Antlitz,
das nicht dem entspricht, wie es von manchen gesehen
wird oder von anderen gesehen werden soll, sondern
wie es ist. Ihr wollt neue Namen? Dann verdient sie
euch, indem ihr euch an die Arbeit macht. Denn ihr
müßt immer damit rechnen, daß man
euch den Namen für ein zu Hause nimmt, für
daß es in der Stadt keinen Platz mehr gibt.