Hermann Althaus

Text-Nummer: 0145
Schaltung am: 04.11.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2257
Verfasser(in): Hermann Althaus
Originaltitel: Grammophon Hitler
Copyright: Hermann Althaus

Hermann Althaus

Grammophon Hitler

zu: Brigitte Hamann: "Hilters Wien. Lehrjahre eines Diktators." München (Piper)1996, 652 Seiten, 58 DM

Seit Karl Kraus schrieb: "Zu Hitler fällt mir nichts ein", ist die Liste der Bücher, die Einfältiges über Hitler verbreiten, stetig gewachsen. Das Buch von Brigitte Hamann "Hitlers Wien" gehört nicht dazu. Der Untertitel zeigt, wo die Autorin auf Spurensuche ist: "Lehrjahre eines Diktators". Durch ihre umfang- und materialreiche Studie bestätigt sie die Vermutung Ernst Blochs in "Erbschaft dieser Zeit", daß es sich beim NS um ein Unternehmen hochgradigen Eklektizismus handelte, dadurch, daß sie auch Hitler als individuelles Sammelbecken unterschiedlichster politisch-ideologischer und religiöser Strömungen, Meinungen, Überzeugungen beschreibt, den Diktator als Palimpsest textueller Bruchstücke, die er am Rande seiner Lehr- und Wanderjahre aufgesammelt hat. Haman verweist auf Hitlers Gedächtnis: Begabt mit den Fähigkeiten des Grammophons, einmal Aufgelesenes bisweilen wörtlich reproduzieren zu können, ist Hitler ein idealer Sedimentationsraum für Abhub aus Sektengeschwätz, in dem sich aufbewahrt, was sonst schnell dem Vergessen verfallen würde. Dies alles ist ohne Zweifel interessant, im Detail sicherlich auch neu. Die umfangreiche Studie Brigitte Hamanns wirft aber erneut die Frage auf, ob aus der Fülle des Informationsmaterials heraus konstruierbar ist, was eine Person wie Hitler dazu prädestinierte, Verkörperung des Ideals der Deutschen zu werden. Es scheint als könne man Wissen und noch mehr Wissen über eine Person akkumulieren, ohne wirklich jenem Zug auf die Spur zu kommen, der all jene Facetten und Bruchstücke zu einem tragfähigen Ganzen verband. Es scheint, als könne man Erklärungen und noch mehr Erklärungen liefern, ohne dem Zug auf die Spur zu kommen, der zur Identifikation der Deutschen sowohl mit ihrem Ideal und Führer geeignet war, als auch angesichts seiner untereinander. Man erfährt bei Brigitte Hamann, daß Hitler als Bub gerne auf den Friedhof gegangen sei und auf Ratten geschossen habe. Man muß angesichts des unbestreitbar interessanten Buches aufpassen, daß man aus solchen Informationen nicht die Allegorie Deutschlands pinselt und dann meint, man habe begriffen.


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