Robin Stein
Kenotaph der Kunst
Die Art und Weise, mit der das 34 Bände umfassende
"Dictionary of Art" des Macmillan-Verlags
zu London nun auch im Bode-Museum zu Berlin präsentiert
wurde, hinterläßt beim Betrachter gemischte
Gefühle. Die riesigen Buchrücken, als Kulissen
der Präsentation zwischen die Säulen des
Museums gestellt, vermittelten weniger den Rahmen einer
Geburt oder Taufe als den einer Gedenkfeier. So erschien
das Bode-Museum einmal mehr als Kenotaph der Kunst
- zumal sie ihm diesmal gleichsam eingesargt angeliefert
werden sollte. Begraben also in 34 Bänden von
6800 Autoren: Die Kunst aus 20 Jahrhunderten, die die
Autoren zumindest eines Grabsteines für Wert erachten.
Vor diesen Friedhof der Kunst wird der Leser immer
dann treten, wenn er im stillen Gedenken einer künstlerischen
Leistung ein paar Minuten mit dem Abgelebten verbringen
will. Er wird sich also das Wesentliche über einen
Künstler - oder besser noch eine Kunstrichtung
- von einem Artikel vorbeten lassen und das Grab dann
zufrieden schließen, angesichts der repräsentativen
Verpackung glaubend, er habe die Quintessenz über
die Kunst eingesogen. Hier wird der Leser den "wesentlichen
Werken" eines Künstlers begegnen und für
zukünftige Generationen wird der Name eines Künstlers
sich nun endgültig mit dem einen oder anderen
seiner "repräsentativen Bilder" verbinden.
Für Kunst als Prozeß ist ihre dictionäre
Einsargung zwar keine Katastrophe. Vielleicht wird
das Bestattungsritual, das im Bode-Museum stattfand,
manche Perfomance-Künstler gar anregen. Für
Kunst als Palimpsest von Spuren allerdings kommt das
Erscheinen dieses schon "Lexikon für das
21. Jahrhundert" genannten "Dictionary of
Art" einer Tilgungsabsicht nahe. Hier sedimentriert
sich die Kunst als das Wissen über sie. Alles
andere - so der Gestus dieser monumentalen Präsentation
- ist nur Stückwerk. Und dem Verwesungsprozeß
der Artefakte kann nun gelassener zugeschaut werden:
Findet er doch unter goldenen Lettern statt, die sagen:
Hier ruht in Frieden: ART.
Doch Vorsicht ist geboten. Denn im Kenotaph des Bode-Museums
ist auch das Dictionary of Art ein Kenotaph, Sarg in
einem Sarg. So schreitet man denn vom Gebäude
über das Werk zum Einband und zum Artikel fort
und findet letztlich: die Leere. Wenn überhaupt,
dann liegt Kunst anderswo begraben. Wir vermuten aber,
daß es sich hier um eine vorschnelle Beerdigung
des Prozesses handelt, den Kunst auch solchen Abstrusitäten
wie dem "Dictionary of Art" macht.