Text-Nummer: 0146

Schaltung am: 06.11.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2463
Verfasser(in): Robin Stein
Originaltitel: Kenotaph der Kunst
Copyright: Robin Stein

Robin Stein

Kenotaph der Kunst

Die Art und Weise, mit der das 34 Bände umfassende "Dictionary of Art" des Macmillan-Verlags zu London nun auch im Bode-Museum zu Berlin präsentiert wurde, hinterläßt beim Betrachter gemischte Gefühle. Die riesigen Buchrücken, als Kulissen der Präsentation zwischen die Säulen des Museums gestellt, vermittelten weniger den Rahmen einer Geburt oder Taufe als den einer Gedenkfeier. So erschien das Bode-Museum einmal mehr als Kenotaph der Kunst - zumal sie ihm diesmal gleichsam eingesargt angeliefert werden sollte. Begraben also in 34 Bänden von 6800 Autoren: Die Kunst aus 20 Jahrhunderten, die die Autoren zumindest eines Grabsteines für Wert erachten. Vor diesen Friedhof der Kunst wird der Leser immer dann treten, wenn er im stillen Gedenken einer künstlerischen Leistung ein paar Minuten mit dem Abgelebten verbringen will. Er wird sich also das Wesentliche über einen Künstler - oder besser noch eine Kunstrichtung - von einem Artikel vorbeten lassen und das Grab dann zufrieden schließen, angesichts der repräsentativen Verpackung glaubend, er habe die Quintessenz über die Kunst eingesogen. Hier wird der Leser den "wesentlichen Werken" eines Künstlers begegnen und für zukünftige Generationen wird der Name eines Künstlers sich nun endgültig mit dem einen oder anderen seiner "repräsentativen Bilder" verbinden. Für Kunst als Prozeß ist ihre dictionäre Einsargung zwar keine Katastrophe. Vielleicht wird das Bestattungsritual, das im Bode-Museum stattfand, manche Perfomance-Künstler gar anregen. Für Kunst als Palimpsest von Spuren allerdings kommt das Erscheinen dieses schon "Lexikon für das 21. Jahrhundert" genannten "Dictionary of Art" einer Tilgungsabsicht nahe. Hier sedimentriert sich die Kunst als das Wissen über sie. Alles andere - so der Gestus dieser monumentalen Präsentation - ist nur Stückwerk. Und dem Verwesungsprozeß der Artefakte kann nun gelassener zugeschaut werden: Findet er doch unter goldenen Lettern statt, die sagen: Hier ruht in Frieden: ART.
Doch Vorsicht ist geboten. Denn im Kenotaph des Bode-Museums ist auch das Dictionary of Art ein Kenotaph, Sarg in einem Sarg. So schreitet man denn vom Gebäude über das Werk zum Einband und zum Artikel fort und findet letztlich: die Leere. Wenn überhaupt, dann liegt Kunst anderswo begraben. Wir vermuten aber, daß es sich hier um eine vorschnelle Beerdigung des Prozesses handelt, den Kunst auch solchen Abstrusitäten wie dem "Dictionary of Art" macht.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]