Hans Tennstedt
Adjektive Information
Es sind oft nur einzelne Wörter. Sie tauchen in
der Nähe des Randes von Meldungen auf, sind gleichsam
den vermeintlichen Hauptinformation beigeworfen, wie
es ihr lateinischer Name sagt: Adjektive. Sie geben
sich den Anschein des Fallenlassens einer Information.
Sie bezeugen den Gestus der Beiläufigkeit: Ach,
übrigens, es war nicht nur ein Straßenräuber,
es war ein türkischer Straßenräuber
... Solche Adjektive bestimmen das ihnen folgende Sustantiv
näher. Im Rahmen journalistischer Meldungen sollen
sie scheinbar einen Mehrwert an Information produzieren.
Doch tun sie dies? Oder reproduzieren sie schlicht
kursierende Suggestionen? Welchen Informationswert
hat es bei Meldungen, daß der Verbrecher nicht
nur ein Typ war, sondern darüberhinaus ein südländischer
Typ? Selbst im Rahmen eines Fahndungsaufrufs ist diese
Information ohne großen Wert: Verhaftet wird
ihretwegen wohl niemand - zumindest nicht in gerechtfertigter
Weise. Auch die Neigung, sie als Zusatzinformation
zu etikettieren, dürfte sie kaum rechtfertigen.
Was bei Fahndungsaufrufen noch minimalen Informationswert
haben mag: In der schlichten Meldung, die einen erneuten
Kriminalfall archiviert, hat sie ihn nicht. Die Verwendung
solcher Adjektive (türkisch, südländisch,
ausländisch) bedient ein bestimmtes Interesse.
Wörter wie "jüdisch-bolschewistisch",
"der Russe" oder "gelbe Gefahr"
stehen in der Tradition solcher Wortverbindungen. Sie
zeigen, daß derjenige, der sie schreibt, weiß,
daß derjenige, der sie liest, schon wissen wird
was damit gemeint ist. Solche Adjektive machen die
Situation klar. Alles klar? sagen sie. Und der Leser
nickt, beiläufig eben und nur beiläufig.
Denn eigentlich wußte er es vorher schon. Nicht
nur, daß es mal wieder ein Verbrechen gab, sondern
daß es solch ein Verbrecher war.
Es muß ein Grundkonsens über Ereignisse und
Zustände herrschen, damit der Informationswert
einer Meldung sich als maskierter Suggestionswert zeigt.
An den verwendeten Adjektiven läßt sich
ablesen, wie es um diesen Grundkonsens beschaffen ist.
Denn ihre Verwendung zeigt: Niemand wundert sich über
die fallengelassenen Wörter. Wer sich aber über
die Verwendung eines Adjektivs wie "südländisch"
zur Beschreibung eines Straßenräubers nicht
ebenso wundert, wie über das Adjektiv "nordländisch",
das sich niemals findet, der hat an diesem Konsens
teil. Und daß es selbstverständlich scheint,
einen Räuber als "südländisch"
beschrieben zu finden, zeigt, daß alle anderen
offenbar wenig Informationswert tragen: die "schönen",
"französisch-deutschen", "christlichen"
und "arbeit- und wohnunghabenden" Verbrecher.