Text-Nummer: 0148

Schaltung am: 13.11.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2633
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Originaltitel: Adjektive Information
Copyright: Hans Tennstedt

Hans Tennstedt

Adjektive Information

Es sind oft nur einzelne Wörter. Sie tauchen in der Nähe des Randes von Meldungen auf, sind gleichsam den vermeintlichen Hauptinformation beigeworfen, wie es ihr lateinischer Name sagt: Adjektive. Sie geben sich den Anschein des Fallenlassens einer Information. Sie bezeugen den Gestus der Beiläufigkeit: Ach, übrigens, es war nicht nur ein Straßenräuber, es war ein türkischer Straßenräuber ... Solche Adjektive bestimmen das ihnen folgende Sustantiv näher. Im Rahmen journalistischer Meldungen sollen sie scheinbar einen Mehrwert an Information produzieren. Doch tun sie dies? Oder reproduzieren sie schlicht kursierende Suggestionen? Welchen Informationswert hat es bei Meldungen, daß der Verbrecher nicht nur ein Typ war, sondern darüberhinaus ein südländischer Typ? Selbst im Rahmen eines Fahndungsaufrufs ist diese Information ohne großen Wert: Verhaftet wird ihretwegen wohl niemand - zumindest nicht in gerechtfertigter Weise. Auch die Neigung, sie als Zusatzinformation zu etikettieren, dürfte sie kaum rechtfertigen.
Was bei Fahndungsaufrufen noch minimalen Informationswert haben mag: In der schlichten Meldung, die einen erneuten Kriminalfall archiviert, hat sie ihn nicht. Die Verwendung solcher Adjektive (türkisch, südländisch, ausländisch) bedient ein bestimmtes Interesse. Wörter wie "jüdisch-bolschewistisch", "der Russe" oder "gelbe Gefahr" stehen in der Tradition solcher Wortverbindungen. Sie zeigen, daß derjenige, der sie schreibt, weiß, daß derjenige, der sie liest, schon wissen wird was damit gemeint ist. Solche Adjektive machen die Situation klar. Alles klar? sagen sie. Und der Leser nickt, beiläufig eben und nur beiläufig. Denn eigentlich wußte er es vorher schon. Nicht nur, daß es mal wieder ein Verbrechen gab, sondern daß es solch ein Verbrecher war.
Es muß ein Grundkonsens über Ereignisse und Zustände herrschen, damit der Informationswert einer Meldung sich als maskierter Suggestionswert zeigt. An den verwendeten Adjektiven läßt sich ablesen, wie es um diesen Grundkonsens beschaffen ist. Denn ihre Verwendung zeigt: Niemand wundert sich über die fallengelassenen Wörter. Wer sich aber über die Verwendung eines Adjektivs wie "südländisch" zur Beschreibung eines Straßenräubers nicht ebenso wundert, wie über das Adjektiv "nordländisch", das sich niemals findet, der hat an diesem Konsens teil. Und daß es selbstverständlich scheint, einen Räuber als "südländisch" beschrieben zu finden, zeigt, daß alle anderen offenbar wenig Informationswert tragen: die "schönen", "französisch-deutschen", "christlichen" und "arbeit- und wohnunghabenden" Verbrecher.


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