Text-Nummer: 0151

Schaltung am: 16.11.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 7648
Verfasser(in): Robin Stein
Originaltitel: Tendenzen der gegenwärtigen Ausstellungskritik
Copyright: Robin Stein

Robin Stein

Tendenzen der gegenwärtigen Austellungskritik

Es scheint charakteristisch für den gegenwärtigen Stand der Kunstkritik, daß sie sich als Ausstellungskritik ausweist. Die Aufmerksamkeit der Feuilletonisten ist derart auf Präsentationsweisen von Kunst fixiert, daß Texte, die Kunst präsentieren, Raritäten geworden sind. Liegt das daran, daß der Austellungswert von Kunst inzwischen den ästhetischen Wert der Werke vollständig verdrängt hat? Die Frage mit "ja" zu beantworten wäre eine bequeme Erklärung. Sie wäre überdies unzutreffend. Allerorten gibt es aktive interessante Künstler. Der starre Blick der "Kunstkritik" auf die Großveranstaltungen des Marktes indes suggeriert, daß sich das Publikum mangels "ansprechender" Gegenwartskunst nur für das Bewährte interessiert. Die Ausstellungskritik der Gegenwart interessiert die Kunst als gehandelte, nicht als handelnde.
Als Beispiel dafür mag das Feuilleton des Berliner "Tagesspiegel" gelten. (Es wäre aber unfair, die Tendenz nur hier zu lokalisieren. Sie findet sich in vielen Tageszeitungen.) Schon der Titel einer der Rubriken des "Tagesspiegel" verkehrt im Grunde die Reihenfolge: Statt "Kunst & Markt" müßte sie "Markt & Kunst" oder schlicht "Kunstmarkt" heißen. Im Vordergrund der Artikel und Kritiken stehen in der Regel (Groß-)Ausstellungen, Auktionen und Präsentationen marktführender großer Galerien. Das Interesse gilt vorwiegend der "arrivierten" Kunst - also solcher, die nicht nur auf dem Markt angekommen ist, sondern im Grunde schon bei den Käufern. Von der - vor allem von Galeristen - oft beschworenen Unterscheidung zwischen Kunsthandel und Galeriebetrieb (dessen Anliegen gerade die Förderung gewagter und "nichtarrivierter" Kunst sei) ist nicht viel zu merken. Hinweise auf neue Tendenzen und neue ästhetische Herausforderungen bleiben marginal. Dies gilt auch für die allgemeine Rubrik "Kultur", auf die sich der Leser verwiesen sehen mag, den in erster Linie Kunst und erst in zweiter der Markt interessiert.
So widmet der Tagesspiegel charakteristischer Weise dem sogenannten "Zeitgeist-Skandal" einen zweispaltigen Kommentar. (Tagesspiegel vom 15.11.96) Interessant scheint vorrangig, wie Kunstmanager wie Joachimides mit öffentlichen (Lotto-)Geldern umgehen, welche verwerflichen Entwicklungen eine (Groß-)Ausstellungsplanung nimmt, was CDU- und SPD-Abgeordnete dazu zu sagen haben. Der Kommentar gipfelt in dem Satz: "Auch Kunst bedarf der Kontrolle - gerade auch im Interesse der vielen seriös arbeitenden Kulturschaffenden in der Stadt." Er ist typisch für die Tendenzen der gegenwärtigen Ausstellungskritik. Denn von Kunst ist in diesem Kommentar so gut wie gar nicht die Rede. Daß der Kommentator nicht in der Lage ist, seine - nicht unzutreffende - Kritik anders zu schließen, ist bezeichnend. Lautete der Satz: "Auch Kulturmanagement bedarf der Kontrolle - gerade auch im Interesse der vielen ignorierten Kunstschaffenden in der Stadt", so weckte dies Hoffnungen.
Hoffnungen auf eine zumindest gleichgewichtige Präsenz der Kunstkritik im Feuilleton jedoch scheinen zur Zeit verfehlt. Der wahre Zeitgeist-Skandal liegt darin, daß der Leser mit Zahlen und Preisen von Kunstwerken gefüttert wird (vgl. den Artikel "Einzelne Ausreißer" zur Art Cologne im Tagespiegel vom 16.11.96), bei denen sich dem sogenannten "Normalbürger" angesichts der wirtschaftlichen Krise der Magen umdreht. Kaum jemand, der es nicht "zum Kotzen" findet, was an Geldern für Kunst "verschleudert" wird - und nicht nachvollziehbar, wie das "Kulturschaffende" in Zeiten der Not vieler tun können. Intrigen und Klüngelwirtschaft werden ausgestellt. Erwähnenswert scheinen nur noch Werke, die jenseits der Millionengrenze gehandelt werden.
Und wenn es tatsächlich zu einem Hinweis auf Kunstwerke kommt, die noch nicht den Stempel des Handelbaren tragen, dann werden ästhetische Provokationen ausgewählt, die entgültig den Appetit auf Kunst verderben sollen. Unter der Überschrift "Die Kunst des Kindlichen" (Tagespiegel vom 16.11.96) wird die Rancune bedient, die der Kunstfeindschaft Futter gibt. Die Kritikerin widmet sich genüßlich jenen Preziosen der Art Cologne, bei deren Schilderung sie sich der Häme der Claquere gewiß sein kann: Ohne eine Ahnung davon, daß auf einen heute teuer gehandelten Picasso oder auf Duchamps "Flaschentrockner" einst ebenso reagiert wurde, wie heute auf "in Formalin eingelegte Fische" mit "gestrickten Schals".
Nun soll hier diesem Artefakt Bill Scangas oder seinen "Fröschchen" in "gehäkelten Höschen" nicht vorauseilend ein herausragender Platz in der Kunstgeschichte erobert werden. Auch wenn manche Kunst in vorauseilendem Gehorsam den Markt bedient, so gibt es doch immer wieder ästhetische Provokationen, bei denen Kunst-Philister das eigene Augensausen mit ästhetischem Tiefenschwindel verwechseln. Für die Tendenzen der gegenwärtigen Ausstellungskritik ist vielmehr interessant, daß die Rancune noch nicht einmal der Kunst eines Scanga (oder einer Patricia Waller oder einer Maria Gonzalez) gilt, sondern deren Galeristen, insofern zwischen den Zeilen die unausgesprochene Frage steht: Wie kann man so etwas nur ausstellen?
Der Kunst selbst gegenüber erweisen sich die Kommentare und Kritiken der gegenwärtigen Ausstellungskritik als hilflos. Das dürftige Begriffsinstrumentarium reicht von aufgesammelten Standardsätzen des Feuilletons - man redet vom "Auraverlust" der Kunst wie im Sport vom "Prinzip Hoffnung", wenn es um den Kampf gegen den Abstieg geht - bis zur kategorisch verausgabten begrifflichen Befindlichkeit. So wenig etwa das Prinzip Hoffnung in den Kontext der Blochschen Ästhitik des Vorscheins gestellt wird, so wenig erinnert die Verwendungsweise des Begriffs "Aura" an die Bestimmung, die Benjamin ihm in Hinblick auf das "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" gegeben hat.
Der Verwendung von zu feuilletonistischen Allgemeinplätzen abgesunkenen Begriffen der ästhetischen Theorie korrespondiert die Unfähigkeit, zwischen Kritik und Kommentar zu unterscheiden. Wahrheits- und Sachgehalte von Kunst (und auch ihrer Ausstellung) werden durch die Textur selbstgestrickter und -gehäkelter Begriffsmuster frottiert - und solche Frottage als Relief des Sachverhaltes ausgegeben.
Es geht nicht darum, dagegen zu polemisieren, daß bildende Kunst (und ihre Ausstellungen) von einem Kritiker oder Kommentator mit eigenen Augen wahrgenommen werden. Es geht nicht darum zu kritisieren, daß Wahrgenommenes subjektiv zur Sprache gebracht wird. Aber es geht darum, dagegen zu protestieren, daß das forsche Auftreten einer kunstkritischen Halbbildung als Verausgabung der Wahrheit über Kunst das einzige ist, was die Tendenzen der gegenwärtigen Ausstellungskritik bestimmt.
So ist es jedem unbenommen, das Augenmerk auf kulturelle (Groß-)Veranstaltungen zu lenken - statt auf ästhetisches Handeln der Kunst selbst. Fragwürdig aber ist es, die Differenzen zwischen dem zu verschleifen, was in Kunst zählt und was für Kunst bezahlt wird. So ist es jedem unbenommen, Kunstwerke "kindlich" oder "kindisch" zu nennen - ohne darauf hinzuweisen, daß es eigentlich jede "nichtarrivierte" Kunst ist, weil sie mit naivem Protest auf die Gesetze des Marktes pfeifft und ihre Formen und Materialien mit dem Gestus des "enfant terrible" verausgabt. Dumm aber ist es, davon zu sprechen, daß "der subtile Schauder zeitgenössischer Kunst (...) nur um die Kategorie des Kindlichen erweitert (ist)". Es sei denn man begreift einen solchen Satz als ästhetische Herausforderung im Sinne Scangas und erkennt, daß hier - "subtil" versteht sich - dem Fisch des "Schauders" der Strickschal des "Kategorialen" umgelegt wird, nachdem die "zeitgenössische Kunst" durch zeitgenössische Ausstellungskritik in der kategorialen Soße des "Kindlichen" gebeizt wurde.


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