Robin Stein
Tendenzen der gegenwärtigen Austellungskritik
Es scheint charakteristisch für den gegenwärtigen
Stand der Kunstkritik, daß sie sich als Ausstellungskritik
ausweist. Die Aufmerksamkeit der Feuilletonisten ist
derart auf Präsentationsweisen von Kunst fixiert,
daß Texte, die Kunst präsentieren, Raritäten
geworden sind. Liegt das daran, daß der Austellungswert
von Kunst inzwischen den ästhetischen Wert der
Werke vollständig verdrängt hat? Die Frage
mit "ja" zu beantworten wäre eine bequeme
Erklärung. Sie wäre überdies unzutreffend.
Allerorten gibt es aktive interessante Künstler.
Der starre Blick der "Kunstkritik" auf die
Großveranstaltungen des Marktes indes suggeriert,
daß sich das Publikum mangels "ansprechender"
Gegenwartskunst nur für das Bewährte interessiert.
Die Ausstellungskritik der Gegenwart interessiert die
Kunst als gehandelte, nicht als handelnde.
Als Beispiel dafür mag das Feuilleton des Berliner
"Tagesspiegel" gelten. (Es wäre aber
unfair, die Tendenz nur hier zu lokalisieren. Sie findet
sich in vielen Tageszeitungen.) Schon der Titel einer
der Rubriken des "Tagesspiegel" verkehrt
im Grunde die Reihenfolge: Statt "Kunst &
Markt" müßte sie "Markt &
Kunst" oder schlicht "Kunstmarkt" heißen.
Im Vordergrund der Artikel und Kritiken stehen in der
Regel (Groß-)Ausstellungen, Auktionen und Präsentationen
marktführender großer Galerien. Das Interesse
gilt vorwiegend der "arrivierten" Kunst -
also solcher, die nicht nur auf dem Markt angekommen
ist, sondern im Grunde schon bei den Käufern.
Von der - vor allem von Galeristen - oft beschworenen
Unterscheidung zwischen Kunsthandel und Galeriebetrieb
(dessen Anliegen gerade die Förderung gewagter
und "nichtarrivierter" Kunst sei) ist nicht
viel zu merken. Hinweise auf neue Tendenzen und neue
ästhetische Herausforderungen bleiben marginal.
Dies gilt auch für die allgemeine Rubrik "Kultur",
auf die sich der Leser verwiesen sehen mag, den in
erster Linie Kunst und erst in zweiter der Markt interessiert.
So widmet der Tagesspiegel charakteristischer Weise
dem sogenannten "Zeitgeist-Skandal" einen
zweispaltigen Kommentar. (Tagesspiegel vom 15.11.96)
Interessant scheint vorrangig, wie Kunstmanager wie
Joachimides mit öffentlichen (Lotto-)Geldern umgehen,
welche verwerflichen Entwicklungen eine (Groß-)Ausstellungsplanung
nimmt, was CDU- und SPD-Abgeordnete dazu zu sagen haben.
Der Kommentar gipfelt in dem Satz: "Auch Kunst
bedarf der Kontrolle - gerade auch im Interesse der
vielen seriös arbeitenden Kulturschaffenden in
der Stadt." Er ist typisch für die Tendenzen
der gegenwärtigen Ausstellungskritik. Denn von
Kunst ist in diesem Kommentar so gut wie gar nicht
die Rede. Daß der Kommentator nicht in der Lage
ist, seine - nicht unzutreffende - Kritik anders zu
schließen, ist bezeichnend. Lautete der Satz:
"Auch Kulturmanagement bedarf der Kontrolle -
gerade auch im Interesse der vielen ignorierten Kunstschaffenden
in der Stadt", so weckte dies Hoffnungen.
Hoffnungen auf eine zumindest gleichgewichtige Präsenz
der Kunstkritik im Feuilleton jedoch scheinen zur Zeit
verfehlt. Der wahre Zeitgeist-Skandal liegt darin,
daß der Leser mit Zahlen und Preisen von Kunstwerken
gefüttert wird (vgl. den Artikel "Einzelne
Ausreißer" zur Art Cologne im Tagespiegel
vom 16.11.96), bei denen sich dem sogenannten "Normalbürger"
angesichts der wirtschaftlichen Krise der Magen umdreht.
Kaum jemand, der es nicht "zum Kotzen" findet,
was an Geldern für Kunst "verschleudert"
wird - und nicht nachvollziehbar, wie das "Kulturschaffende"
in Zeiten der Not vieler tun können. Intrigen
und Klüngelwirtschaft werden ausgestellt. Erwähnenswert
scheinen nur noch Werke, die jenseits der Millionengrenze
gehandelt werden.
Und wenn es tatsächlich zu einem Hinweis auf Kunstwerke
kommt, die noch nicht den Stempel des Handelbaren tragen,
dann werden ästhetische Provokationen ausgewählt,
die entgültig den Appetit auf Kunst verderben
sollen. Unter der Überschrift "Die Kunst
des Kindlichen" (Tagespiegel vom 16.11.96) wird
die Rancune bedient, die der Kunstfeindschaft Futter
gibt. Die Kritikerin widmet sich genüßlich
jenen Preziosen der Art Cologne, bei deren Schilderung
sie sich der Häme der Claquere gewiß sein
kann: Ohne eine Ahnung davon, daß auf einen heute
teuer gehandelten Picasso oder auf Duchamps "Flaschentrockner"
einst ebenso reagiert wurde, wie heute auf "in
Formalin eingelegte Fische" mit "gestrickten
Schals".
Nun soll hier diesem Artefakt Bill Scangas oder seinen
"Fröschchen" in "gehäkelten
Höschen" nicht vorauseilend ein herausragender
Platz in der Kunstgeschichte erobert werden. Auch wenn
manche Kunst in vorauseilendem Gehorsam den Markt bedient,
so gibt es doch immer wieder ästhetische Provokationen,
bei denen Kunst-Philister das eigene Augensausen mit
ästhetischem Tiefenschwindel verwechseln. Für
die Tendenzen der gegenwärtigen Ausstellungskritik
ist vielmehr interessant, daß die Rancune noch
nicht einmal der Kunst eines Scanga (oder einer Patricia
Waller oder einer Maria Gonzalez) gilt, sondern deren
Galeristen, insofern zwischen den Zeilen die unausgesprochene
Frage steht: Wie kann man so etwas nur ausstellen?
Der Kunst selbst gegenüber erweisen sich die Kommentare
und Kritiken der gegenwärtigen Ausstellungskritik
als hilflos. Das dürftige Begriffsinstrumentarium
reicht von aufgesammelten Standardsätzen des Feuilletons
- man redet vom "Auraverlust" der Kunst wie
im Sport vom "Prinzip Hoffnung", wenn es
um den Kampf gegen den Abstieg geht - bis zur kategorisch
verausgabten begrifflichen Befindlichkeit. So wenig
etwa das Prinzip Hoffnung in den Kontext der Blochschen
Ästhitik des Vorscheins gestellt wird, so wenig
erinnert die Verwendungsweise des Begriffs "Aura"
an die Bestimmung, die Benjamin ihm in Hinblick auf
das "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit" gegeben hat.
Der Verwendung von zu feuilletonistischen Allgemeinplätzen
abgesunkenen Begriffen der ästhetischen Theorie
korrespondiert die Unfähigkeit, zwischen Kritik
und Kommentar zu unterscheiden. Wahrheits- und Sachgehalte
von Kunst (und auch ihrer Ausstellung) werden durch
die Textur selbstgestrickter und -gehäkelter
Begriffsmuster frottiert - und solche Frottage als
Relief des Sachverhaltes ausgegeben.
Es geht nicht darum, dagegen zu polemisieren, daß
bildende Kunst (und ihre Ausstellungen) von einem Kritiker
oder Kommentator mit eigenen Augen wahrgenommen werden.
Es geht nicht darum zu kritisieren, daß Wahrgenommenes
subjektiv zur Sprache gebracht wird. Aber es geht darum,
dagegen zu protestieren, daß das forsche Auftreten
einer kunstkritischen Halbbildung als Verausgabung
der Wahrheit über Kunst das einzige ist, was die
Tendenzen der gegenwärtigen Ausstellungskritik
bestimmt.
So ist es jedem unbenommen, das Augenmerk auf kulturelle
(Groß-)Veranstaltungen zu lenken - statt auf
ästhetisches Handeln der Kunst selbst. Fragwürdig
aber ist es, die Differenzen zwischen dem zu verschleifen,
was in Kunst zählt und was für Kunst bezahlt
wird. So ist es jedem unbenommen, Kunstwerke "kindlich"
oder "kindisch" zu nennen - ohne darauf hinzuweisen,
daß es eigentlich jede "nichtarrivierte"
Kunst ist, weil sie mit naivem Protest auf die Gesetze
des Marktes pfeifft und ihre Formen und Materialien
mit dem Gestus des "enfant terrible" verausgabt.
Dumm aber ist es, davon zu sprechen, daß "der
subtile Schauder zeitgenössischer Kunst (...)
nur um die Kategorie des Kindlichen erweitert (ist)".
Es sei denn man begreift einen solchen Satz als ästhetische
Herausforderung im Sinne Scangas und erkennt, daß
hier - "subtil" versteht sich - dem Fisch
des "Schauders" der Strickschal des "Kategorialen"
umgelegt wird, nachdem die "zeitgenössische
Kunst" durch zeitgenössische Ausstellungskritik
in der kategorialen Soße des "Kindlichen"
gebeizt wurde.