Text-Nummer: 0154

Schaltung am: 22.11.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 4617
Verfasser(in): Simone Frantzen
Originaltitel: Die Schule als selbstreinigendes System?
Copyright: Simone Frantzen

Simone Frantzen

Die Schule als selbstreinigendes System?

Auch kleine Ursachen können große Wirkungen zeitigen. Festgefügtes kann selbst dann aus den Fugen geraten, wenn ein einem kleinen Steinchen gerüttelt wird. Nun reinigen Schüler und Schülerinnen Berliner Schulen ihre Unterrichtsräume also selbst. Längst fällig, meinen manche - und halten das auch in pädagogischer Hinsicht für vertretbar. Doch die Einwände mehren sich: Während die einen die Vernichtung von Arbeitsplätzen befürchten, sorgen sich andere um die Gesundheit ihrer Kinder. Gefahr, so die Verlautbarung einer Elternvertretung aus dem Süden Berlins, drohe den Kindern durch Unfälle beim Putzen. Die Konzentrationschwächen der Kinder nach Unterrichtsschluß, deren ganze Aufmerksamkeit dem Lernen gelte, verursachten zudem Hygienedefizite. Damit werde das Risiko allergischer Reaktionen erhöht.
Die Umwandlung der Schulen von "gereinigten" in "selbstreinigende Systeme" ist ein Vorgang, der offenbar selbst allergische Reaktionen erzeugt. Die Notwendigkeit dieser Umwandlung - eine Forderung von Reformpädagogen - ist aber nur schwer verstehbar, wenn die Maßnahmen nicht von weitergehenden pädagogischen und institutionellen Veränderungen begleitet werden. Daß der Übergang zu "selbstreinigenden Systemen" als isolierte Maßnahme fragwürdig ist, auch das bezeugen die Reaktionen befremdeter Eltern und Gewerkschafter.
Wird das Reinigen ihres Lebens- und Arbeitsbereiches von Schülern einzig als "Minderarbeit" aufgefaßt, die dem Stopfen von Haushaltslöchern dient, so haben Eltern vielleicht recht, die vermuten, daß "unter dem Deckmantel der Sauberkeitserziehung" andere Motive verborgen werden sollen.
Staatliche Reformschulen haben schon vor der leidigen Koppelung des Reinigens von Unterrichtsräumen an politische Sparprogramme gezeigt, daß ein veränderter Umgang von Schülern mit einem ihrer wichtigsten Lebens- und Arbeitsbereiche das Arbeitsplatz- und Hygienesystem nicht aus den Fugen bringen muß. Dazu ist es allerdings notwendig, Schule nicht allein als Wissensabfüllstation zu begreifen. Wenn es im Schulsystem hauptsächlich darum geht, Wissen über etwas einzutrichtern, dann muß es aus den Fugen geraten, wenn klinische Bedingungen in Frage gestellt werden, die systemgerecht scheinen. Wenn Wissensvermittlung aseptisch wird - zum Beispiel durch Teilhabe von Schülern an scheinbar "schulfremdem" Gebrauchswissen - dann beeinträchtigt das sicherlich die "reine" Lehre.
Kann Schule mehr sein als ein Ort, der eher an eine Kaserne oder Klinik erinnert und den es so schnell wie möglich zu verlassen gilt, wenn die Lernoperationen des Tages beendet sind? Wie kann sich der schulische Raum gestalten, damit Schüler (und Eltern) es als selbstverständlich ansehen, ihn selbst zu pflegen? Welche Praxis kann die Schule von einem "gereinigten" in ein "selbstreinigendes System" verwandeln; von einem Dienstleistungssystem, in dem man sich Wissen abholt, in einen Lehr- und Lern- und Lebensbereich, in dem auch die Teilhabe an einem Lebenswissen selbstverständlich ist; von einer Einzelkämpferausbildungsanstalt zu einem Spielraum für Teamarbeit?
Solche Fragen rücken auch die schlichte Diskussion über das Beseitigen des Schmutzes, den man selbst erzeugt hat, in ein anderes Licht. Denn erst eine sinnvolle Schulperspektive wirft die Frage auf, ob es Sinn macht, sich zu kümmern. Auch jene Kinder, die Eltern für überfordert halten, sich um die Pflege ihrer Klassenräume zu kümmern, dürften sich nicht als überfordert erweisen, wenn es um Räume geht, die ihnen etwas bedeuten, in denen sie sich gerne aufhalten und nicht nur unter Zwang. Es gibt Beispiele. Schon vor Jahren etwa wurde in der Wiesbadener Helene-Lange-Schule damit begonnen, Schule lebbar zu machen. Hier allerdings diente die Verwandlung der Schule in ein "selbstreinigendes System" nicht der Stopfung von Haushaltslöchern. Und durch den Wegfall von Arbeitsplätzen wurden neue geschaffen. Vielleicht ist es charakteristisch, daß in Berliner Schulen Kinder zum Putzen damit geködert werden sollen, daß ein Teil der eingesparten Mittel für die Anschaffung von Büchern zur Verfügung gestellt wird. In der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden stellte man einen Theaterregisseur ein und fügte den sonstigen ganztägigen Projektarbeiten ein Theaterprojekt hinzu. Daß in einer solchen Schule die Reinigung der Räume durch Schüler eine Selbstverständlichkeit ist und nichteinmal ein "Preis" der für neue Möglichkeiten zu zahlen ist, zeigt, daß es auch anders geht. Die momentane Diskussion in Berlin zeigt, daß aber auch warum Welten zwischen Schule als Lebensraum und Schule als Dienstleistungssystem liegen.


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