Simone Frantzen
Die Schule als selbstreinigendes System?
Auch kleine Ursachen können große Wirkungen
zeitigen. Festgefügtes kann selbst dann aus den
Fugen geraten, wenn ein einem kleinen Steinchen gerüttelt
wird. Nun reinigen Schüler und Schülerinnen
Berliner Schulen ihre Unterrichtsräume also selbst.
Längst fällig, meinen manche - und halten
das auch in pädagogischer Hinsicht für vertretbar.
Doch die Einwände mehren sich: Während die
einen die Vernichtung von Arbeitsplätzen befürchten,
sorgen sich andere um die Gesundheit ihrer Kinder.
Gefahr, so die Verlautbarung einer Elternvertretung
aus dem Süden Berlins, drohe den Kindern durch
Unfälle beim Putzen. Die Konzentrationschwächen
der Kinder nach Unterrichtsschluß, deren ganze
Aufmerksamkeit dem Lernen gelte, verursachten zudem
Hygienedefizite. Damit werde das Risiko allergischer
Reaktionen erhöht.
Die Umwandlung der Schulen von "gereinigten"
in "selbstreinigende Systeme" ist ein Vorgang,
der offenbar selbst allergische Reaktionen erzeugt.
Die Notwendigkeit dieser Umwandlung - eine Forderung
von Reformpädagogen - ist aber nur schwer verstehbar,
wenn die Maßnahmen nicht von weitergehenden pädagogischen
und institutionellen Veränderungen begleitet werden.
Daß der Übergang zu "selbstreinigenden
Systemen" als isolierte Maßnahme fragwürdig
ist, auch das bezeugen die Reaktionen befremdeter Eltern
und Gewerkschafter.
Wird das Reinigen ihres Lebens- und Arbeitsbereiches
von Schülern einzig als "Minderarbeit"
aufgefaßt, die dem Stopfen von Haushaltslöchern
dient, so haben Eltern vielleicht recht, die vermuten,
daß "unter dem Deckmantel der Sauberkeitserziehung"
andere Motive verborgen werden sollen.
Staatliche Reformschulen haben schon vor der leidigen
Koppelung des Reinigens von Unterrichtsräumen
an politische Sparprogramme gezeigt, daß ein
veränderter Umgang von Schülern mit einem
ihrer wichtigsten Lebens- und Arbeitsbereiche das Arbeitsplatz-
und Hygienesystem nicht aus den Fugen bringen muß.
Dazu ist es allerdings notwendig, Schule nicht allein
als Wissensabfüllstation zu begreifen. Wenn es
im Schulsystem hauptsächlich darum geht, Wissen
über etwas einzutrichtern, dann muß es
aus den Fugen geraten, wenn klinische Bedingungen in
Frage gestellt werden, die systemgerecht scheinen.
Wenn Wissensvermittlung aseptisch wird - zum Beispiel
durch Teilhabe von Schülern an scheinbar "schulfremdem"
Gebrauchswissen - dann beeinträchtigt das sicherlich
die "reine" Lehre.
Kann Schule mehr sein als ein Ort, der eher an eine
Kaserne oder Klinik erinnert und den es so schnell
wie möglich zu verlassen gilt, wenn die Lernoperationen
des Tages beendet sind? Wie kann sich der schulische
Raum gestalten, damit Schüler (und Eltern) es
als selbstverständlich ansehen, ihn selbst zu
pflegen? Welche Praxis kann die Schule von einem "gereinigten"
in ein "selbstreinigendes System" verwandeln;
von einem Dienstleistungssystem, in dem man sich Wissen
abholt, in einen Lehr- und Lern- und Lebensbereich,
in dem auch die Teilhabe an einem Lebenswissen selbstverständlich
ist; von einer Einzelkämpferausbildungsanstalt
zu einem Spielraum für Teamarbeit?
Solche Fragen rücken auch die schlichte Diskussion
über das Beseitigen des Schmutzes, den man selbst
erzeugt hat, in ein anderes Licht. Denn erst eine sinnvolle
Schulperspektive wirft die Frage auf, ob es Sinn macht,
sich zu kümmern. Auch jene Kinder, die Eltern
für überfordert halten, sich um die Pflege
ihrer Klassenräume zu kümmern, dürften
sich nicht als überfordert erweisen, wenn es um
Räume geht, die ihnen etwas bedeuten, in denen
sie sich gerne aufhalten und nicht nur unter Zwang.
Es gibt Beispiele. Schon vor Jahren etwa wurde in der
Wiesbadener Helene-Lange-Schule damit begonnen, Schule
lebbar zu machen. Hier allerdings diente die Verwandlung
der Schule in ein "selbstreinigendes System"
nicht der Stopfung von Haushaltslöchern. Und durch
den Wegfall von Arbeitsplätzen wurden neue geschaffen.
Vielleicht ist es charakteristisch, daß in Berliner
Schulen Kinder zum Putzen damit geködert werden
sollen, daß ein Teil der eingesparten Mittel
für die Anschaffung von Büchern zur Verfügung
gestellt wird. In der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden
stellte man einen Theaterregisseur ein und fügte
den sonstigen ganztägigen Projektarbeiten ein
Theaterprojekt hinzu. Daß in einer solchen Schule
die Reinigung der Räume durch Schüler eine
Selbstverständlichkeit ist und nichteinmal ein
"Preis" der für neue Möglichkeiten
zu zahlen ist, zeigt, daß es auch anders geht.
Die momentane Diskussion in Berlin zeigt, daß
aber auch warum Welten zwischen Schule als Lebensraum
und Schule als Dienstleistungssystem liegen.