Richard Binz
Recherchen im Internet?
Auf dem Journalistentag der IG Medien werden Journalisten
davor gewarnt, sich auf das Internet als Recherchehilfe
für ihre Arbeit zu verlassen. Durch das Internet
übermittelte Informationen seien häufig nicht
abgesichert oder nachprüfbar.
Sicherlich ist die ebenfalls erhobene Forderung zu begrüßen,
die Ausbildung von Journalisten den neuen Medienbedingungen
anzupassen. Dies würde vielleicht auch endlich
dazu führen, daß mit den Arbeitsbedingungen
des Internet in einer selbstverständlicheren Weise
umgegangen wird. Auch die Diskussionen des Journalistentags
bestärken den Eindruck, daß es der Aufklärung
über den "Mythos Internet" und seiner
Nutzungsmöglichkeiten bedarf. Allzuoft wird hier
ein Popanz aufgebaut, der eher von nebulösen Ahnungen
über die Gefahren eines Hilfsmittels zeugt, als
von den faktischen Abläufen. Die Erfahrung zeigt,
daß sich - bis auf wenige Ausnahmen, die es auch
in anderen Bereichen gibt - kaum ein Journalist, der
häufig mit dem Internet arbeitet, der kritiklosen
Übernahme von Informationen schuldig macht. Das
Risiko, Falschmeldungen zu verbreiten, beschwören
nicht selten jene, die die Nutzer des Internets als
Gefangene in einem weltumspannenden Spinnennetz sehen,
aus dem sie sich nicht zu lösen vermögen
- jene also, denen das Internet nicht zu einem alltäglichen
Arbeitsmittel geworden ist. Wer das Internet kennt,
der weiß um seine Bedingungen. Hier bedarf es
keiner zusätzlichen ethischen Schulung, um Gefahren
zu begegnen. Wer Informationen, die er über einen
anonymen Telefonanruf erhalten hat, als Meldung veröffentlicht,
ohne weiter zu recherchieren, der läuft sicherlich
Gefahr, Falschmeldungen zu verbreiten. Dennoch wird
kaum jemand an der Integrität und Fähigkeit
von Journalisten zweifeln, nur weil sie das Telefon
benutzen. Welche Haltung steckt also hinter der Warnung,
daß sich Hörer, Leser und Zuschauer künftig
nicht mehr darauf verlassen können, solide recherchierte
Informationen zu erhalten? Das Internet ist ein Kommunikationsmittel,
mehr nicht. Es bietet nicht mehr Raum zur "Fiktionalisierung"
als jedes andere Massenmedium. Insofern bedarf es auch
keiner Erweiterung der journalistischen Ethik - lediglich
der Anerkennung der bestehenden.