Text-Nummer: 0156

Schaltung am: 02.12.96
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2246
Verfasser(in): Richard Binz
Originaltitel: Recherchen im Internet?
Copyright: Richard Binz

Richard Binz

Recherchen im Internet?

Auf dem Journalistentag der IG Medien werden Journalisten davor gewarnt, sich auf das Internet als Recherchehilfe für ihre Arbeit zu verlassen. Durch das Internet übermittelte Informationen seien häufig nicht abgesichert oder nachprüfbar.
Sicherlich ist die ebenfalls erhobene Forderung zu begrüßen, die Ausbildung von Journalisten den neuen Medienbedingungen anzupassen. Dies würde vielleicht auch endlich dazu führen, daß mit den Arbeitsbedingungen des Internet in einer selbstverständlicheren Weise umgegangen wird. Auch die Diskussionen des Journalistentags bestärken den Eindruck, daß es der Aufklärung über den "Mythos Internet" und seiner Nutzungsmöglichkeiten bedarf. Allzuoft wird hier ein Popanz aufgebaut, der eher von nebulösen Ahnungen über die Gefahren eines Hilfsmittels zeugt, als von den faktischen Abläufen. Die Erfahrung zeigt, daß sich - bis auf wenige Ausnahmen, die es auch in anderen Bereichen gibt - kaum ein Journalist, der häufig mit dem Internet arbeitet, der kritiklosen Übernahme von Informationen schuldig macht. Das Risiko, Falschmeldungen zu verbreiten, beschwören nicht selten jene, die die Nutzer des Internets als Gefangene in einem weltumspannenden Spinnennetz sehen, aus dem sie sich nicht zu lösen vermögen - jene also, denen das Internet nicht zu einem alltäglichen Arbeitsmittel geworden ist. Wer das Internet kennt, der weiß um seine Bedingungen. Hier bedarf es keiner zusätzlichen ethischen Schulung, um Gefahren zu begegnen. Wer Informationen, die er über einen anonymen Telefonanruf erhalten hat, als Meldung veröffentlicht, ohne weiter zu recherchieren, der läuft sicherlich Gefahr, Falschmeldungen zu verbreiten. Dennoch wird kaum jemand an der Integrität und Fähigkeit von Journalisten zweifeln, nur weil sie das Telefon benutzen. Welche Haltung steckt also hinter der Warnung, daß sich Hörer, Leser und Zuschauer künftig nicht mehr darauf verlassen können, solide recherchierte Informationen zu erhalten? Das Internet ist ein Kommunikationsmittel, mehr nicht. Es bietet nicht mehr Raum zur "Fiktionalisierung" als jedes andere Massenmedium. Insofern bedarf es auch keiner Erweiterung der journalistischen Ethik - lediglich der Anerkennung der bestehenden.


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