Lutz Meiser

Text-Nummer: 0168
Schaltung am: 16.01.97
Rubrik(en): Kultur, Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 3992
Verfasser(in): Lutz Meiser
Originaltitel: Kohls Holocaust?
Copyright: Lutz Meiser

Lutz Meiser

Kohls Holocaust?

Die Frage der Vergleichbarkeit des Holocaust, der Vernichtung von Juden in den KZs des NS-Deutschland, mit anderen Pogromen, befördert nicht nur zwischen Historikern einen immerwährend schwelenden Streit. Auch der Vergleich zwischen anderen staatsterroristischen Maßnahmen wird immer dann beeinflußt, wenn der Holocaust ins Spiel kommt. Die Verfolgung von Religionsgemeinschaften im Namen der eigenen Kultur war und ist kein einmaliger Akt in der Geschichte, ganz davon abgesehen, daß die Judenverfolgung im 3. Reich durch Anbindung an Rasseideologien keinen einfachen Hakenkreuzzug gegen eine fremde Religion darstellt. Über die Berechtigung, gegen die Religion "Scientology" und vor allem ihre rituellen Praktiken zu Felde zu ziehen, kann gestritten werden; ebenso über die Berechtigung, solche Feldzüge zu kritisieren, wie es jene amerikanischen Prominenten in einem offenen Brief an Bundeskanzler Kohl taten. Der Stil allerdings, in dem letzteres geschieht, macht nachdenklich. Aus europäischer Perspektive fällt es nicht leicht, den Nazi-Vergleich einfach nur als Ausdruck einer vermeintlich grassierenden Oberflächlichkeit historischen Denkens im amerikanischen Bewußtsein der Gegenwart abzutun. Man darf jenen 33 Unterzeichnern, die gegen die deutsche Politik in Sachen Scientology protestieren, keine politische Naivität unterstellen. Der Vergleich ist nicht unterlaufen, er ist Kalkül. Und das macht den offenen Brief zu einem der größten Ärgernisse im Verhältnis der deutsch-amerikanischen Nachkriegsgeschichte. Hier wird wider besseres Wissen eine Kontinuität jener Politik (nicht Mentalität) unterstellt, die den Holocaust möglich gemacht hat. Ist ist hohe Zeit, daß Fragen des Verhältnisses von Staat und Kirche in dem Kontext erörtert werden, der ihm gegenwärtig angemessen ist. Unangemessene Vergleiche sind - bei aller Fragwürdigkeit, die darin liegt, Scientology ihren Religions-Status zu bestreiten - nicht nur schädlich und verhärten die Fronten, sie bewirken auch einen Abzug des Interesses von der Sache, um die es geht. Denn weder das Auftreten von Scientology in Deutschland, noch die politische Reaktion darauf, noch die Kritik an dieser ist eine reine Stilfrage. Wenn es um Diskriminierung, Denunziation und demagogischer Diskreditierung von Gegnern geht, dann kann auf Beweise für antidemokratische Tendenzen verzichtet werden. Wer im Rahmen demokratischer Prinzipien streitet, der hat solche Beweise auf den Tisch zu legen. Das gilt sowohl für die deutsche Politik gegenüber Scientology als auch für die amerikanische Kritik gegenüber dem, was Kohl für sie verkörpert. Der Demagogie macht sich jener verdächtig, der solche Beweise nicht erbringt.
Ein erster Schritt wird es sein, zwischen religiösen und kriminellen Handlungen zu unterscheiden. Fragwürdig wird die Verfolgung einer Glaubensgemeinschaft erst, wenn nicht bewiesen werden kann, daß unter dem Deckmantel der Religion kriminelle Aktivitäten entfaltet werden. Dies werden auch die Unterzeichner des offenen Briefes an Kohl nachvollziehen können. Denn an Clinton hat es einen solchen selbst da nicht gegeben, als die Davidaner-Sekte in einem Feuersturm unterging.
Wer an die Macht des Geldes "glaubt" ist nicht von vornherein kriminell. Aber auch wer tatsächlicher Kriminalität Einhalt gebieten will, der ist nicht automatisch ein Verfechter der NS-Ideologie. Wer also der Inflationierung der Unterstellungen begegnen will, der muß Fakten und Kriterien auf den Tisch legen und diese in einer für die amerikanische und deutsche Öffentlichkeit nachvollziehbaren Weise belegen. Aufgabe der Medien ist es, dies zu unterstützen - auch wenn die kurze, griffige Unterstellung einen größeren Sensationswert hat. Denn die Mißtöne im gegenwärtigen deutsch-amerikanischen Verhältnis nicht nur der Politik, sondern auch der privaten Meinungen, verdanken sich nicht der Tatsache, daß man sich nicht verstünde. Sie verdanken sich der Tatsache, daß man zu schnell versteht.


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