Text-Nummer: 0175

Schaltung am: 20.02.97
Rubrik(en): Kultur, Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 2888
Verfasser(in): Robin Stein
Originaltitel: Das Ficktum brutum der Kunst
Copyright: Robin Stein

Robin Stein

Das ficktum brutum der Kunst

"Spritzers Stift. Ficktum brutum der Kunst" - Rolf-Hermann Gellers Collagen- und Textbuch hält, was der Titel verspricht: Die Ausführungen und Darstellungen in diesem Buch sind sexual-betont, sogar bis zur Obsession, und damit auch skandalös. Sie unterscheiden sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von der üblichen Berichterstattung: Sie räumen der Authentizität den Vorrang gegenüber der vermarktungsbezogenen Lüge ein und verzichten auf die seichte Dramaturgie der volksnahen Kunstpädagogik. Das macht sie zu einer schwerverdaulichen Kost für diejenigen, die sich daran gewöhnt haben, in einer multimedialen Welt vor allem Fiktives und Virtuelles vorgesetzt zu bekommen.
Nur jemand wie Geller - Maler, Grafiker, Designer und perfomance-Künstler von Rang - kann es gelingen, eine Künstlerentwicklung mit dem Blick, dem Empfinden und den technischen Mitteln eines Künstlers in Wort und Bild aufzuzeigen. Das Vorhaben ist gewaltig - eigentlich nicht zu schaffen. Doch es ist gerade die von ihm beschriebene Obsession, die ihn dieses riesige Pensum bewältigen läßt.
Leserinnen und Lesern, Betrachterinnen und Betrachtern wird mit diesem Buch einiges zugemutet: Vor allem aber erhalten sie die seltene Chance, am nachträglich dokumentierten und darstellerisch umgesetzten Werdegang eines Künstlers teilhaben zu können. Geller - selbst als Didaktiker im Hochschulbereich tätig - sieht sein Werk durchaus als Alternative zur herkömmlichen akademischen Ausbildung. Er beantwortet die Frage: Wie wird man Künstler? nicht mit der Bemerkung: Indem man sich bei einer Kunsthochschule bewirbt. Er fragt: Du willst wissen, wie einer Künstler wird? und antwortet: Dann sieh her und lies das.
"Spritzers Stift" räumt mit den Betulichkeiten auf, die glauben, es gäbe irgendwelche rationalen Kriterien, nach denen über den Weg eines Kreativen zu seinem Tun befunden werden könnte. Jedem, dem nach einer Bewerbung wiedereinmal seine Mappe zurückgegeben wurde, sei die Ansicht und Lektüre dieses Buches empfohlen - und auch jenen, die als wohlwollend von der Akademie Akzeptierte sich nun für Künstler halten. Wer sich also für das Ficktum brutum der Kunst interessiert, für jene Züge, die einen Künstler charakterisieren, und jenen einen Zug, der bei allen Künstlern die ästhetische Verausgabung bestimmt, der kommt um "Spritzers Stift" nicht herum.
Das Buch besteht aus 150 hervorragender sw-Abbildungen der farbigen Originalcollagen Gellers, 50 Textseiten und der vierfarbigen Reproduktion einer jener Arbeiten, auf die der in den Collagen dokumentierte "Ausbildungsweg" hinausläuft. Im Preis ist ganz offenbar schon die Vergünstigung für Auszubildende berücksichtigt:
Rolf-Hermann S.F. Geller, Spritzers Stift, Ficktum brutum der Kunst, Edition Delta Tau Kunst / Materialis Verlag, ISBN 3-885535-176-5, 352 Seiten, 150 sw-Abbildungen, 1 farbige Reproduktion, DM 39.90


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