Text-Nummer: 0176

Schaltung am: 26.02.97
Rubrik(en): Kultur, Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 5974
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Originaltitel: Vom Klon-Schaf zum Klon-Mensch?
Copyright: Hans Tennstedt

Hans Tennstedt

Vom Klon-Schaf zum Klon-Mensch?

Nach dem erfolgreichen Klonen eines Schafes durch britische Wissenschaftler ist erneut eine heftige Diskussion über Fragen der Wissenschaftsethik entbrannt. Einerseits wird - wie die Sprecherin der Deutschen Bischofskonferenz Heike Thome verlauten läßt - den Menschen die Berechtigung abgesprochen, "in die Schöpfung einzugreifen". Andererseits behauptet Bundesforschungsminister Rüttgers, daß Wissenschaft nicht in einem Niemandsland stattfindet, in dem es keine Ethik gibt. Läßt man Beschwichtigungen und Beschwörungen von wissenschaftlicher, politischer und kirchlicher Seite einmal beiseite - sie reagieren wieder einmal kraftlos auf eine wissenschaftliche Realisierung des Machbaren - so sind vor allem die Perspektiven aber auch Phantasien und Phantasmen interessant, die von der nun greifbaren Möglichkeit erzeugt werden, auch Menschen zu klonen.
Die Herstellung des geklonten Menschen ist nur eine Frage der Zeit:

Es wäre - in Erinnerung an die wissenschaftlichen Experimente der Vergangenheit - naiv zu glauben, daß nicht irgendwann irgendwo gemacht wird, was gemacht werden kann. Man kann die Anwesenheit des Frankensteinhaften in der Wissenschaft leugnen soviel man will: Unter besonderen Bedingungen werden sich Wissenschaftler finden, die aus eigenem Antrieb oder von politischen Forderungen gedrängt die Mittel einsetzen werden, die die Forschung bereitstellt. Die Erosion gegenwärtiger Wissenschaftsethik oder die Umwertung von Werten, wie sie vom Nationalsozialismus betrieben wurde, ist nicht auszuschließen. Kein gesetzliches oder moralisches Verbot wird den Klon-Menschen verhindern. Deshalb ist es an der Zeit, über die Phantasmen zu reden, die Entscheidungsträger und ihre potentiellen wissenschaftlichen Exekutoren dazu treiben könnten, die Probe aufs Exempel zu machen.
Manche dieser Phantasmen werden im Kleid wissenschaftspolitischer Rationalität daherkommen, gepaart mit einer ethischen Zirkularität:
Es besteht die Notwendigkeit, Menschen zu klonen, um Wissen darüber zu haben, wie sich ein geklonter Mensch von einem nicht geklonten unterscheidet. Es ist damit ethisch geboten, wissenschaftliche Erfahrungen mit dem Klonen von Menschen zu machen, weil es amoralische Wissenschaftler geben wird, die sich von ethischen Einwänden nicht aufhalten lassen werden.
Bevorzugtes Feld dieser Rationalität werden Forschungslaboratorien der Geheimdienste, des militärisch-politischen Komplexes und ähnlicher Institutionen sein, die immer schon vorgaben, Gefahren studieren zu müssen, um sie abwenden zu können. Die Öffentlichkeit wird von solchen Erfahrungen "verschont" bleiben - wie seinerzeit etwa die amerikanische Öffentlichkeit, als junge Soldaten einer Atombombenexplosion ausgesetzt wurden, um deren Langzeitwirkung studieren zu können. Auch solches Handeln wird nicht vermeidbar sein. Die Basis für seine vermeintliche Berechtigung wäre ihm nur zu entziehen, wenn jede als "rational" verausgabte Begründung als Rechtfertigung des individuellen Größenwahns, der perversen Begehrungen eines Wissenschaftlers oder einer auch kollektiven Paranoia entschleiert werden könnte:
Die Erschaffung des Klon-Menschen wird stattfinden, weil die die Möglichkeit, sich als Schöpfer zu wähnen, die Erfahrung,
Schöpfer zu sein, mehr befriedigt als nur wissenschaftliche "Neugier". Das Phantasma, Herr über Leben und Tod zu sein, stützt dabei die Befriedigung des Antriebs. Es als solches zur Sprache zu bringen, bedeutet aber, in der Wissenschaft mehr und mehr zu thematisieren, warum ein Wissenschaftler wissen will. Der Schein des "objektiven" Interesses im Dienste "wissenschaftlicher Objektivität" ist als solcher zu benennen. Zugleich gilt es im Rahmen der Wissenschaften selbst mit reinem fach- und feldspezifischem Forschen Schluß zu machen. Gegen eine Identifikation subjektiver Beweggründe und Antriebe mit wissenschaftlicher Objektivität kann nur dann eine neue ethische Orientierung geltend gemacht werden, wenn Wissenschaftler nicht mehr in abgeschotteten Räumen forschen, deren Wände nur scheinbar für Einflüsse von außen durchlässig sind. Hier gilt es neue Organisationskonzepte zu berücksichtigen, in denen Projektformationen zu institutionalisierten Forschungsgruppen zumindest ein Korrektiv bilden. Was der Unternehmens- und Wissenschaftsberater, Kulturmanager und Psychoanalytiker Robert Krokowski vorschlägt, könnte hier einen gangbaren Weg eröffnen: An die Stelle von reinen fachorientierten Forschungsgruppen sind Forschungsformationen zu setzen, in denen neben den jeweiligen Forschungsexperten auch andere Personen anwesend sind. Solche Formationen dienen nicht in erster Linie der "Kontrolle" sondern einer Erweiterung der Forschung um Dimensionen, die in gegenwärtig arbeitenden Forschungsinstituitionen nicht selten ausgeblendet werden. Kein Wissenschaftler muß dazu verführt werden, in seiner Arbeit Schritte machen zu können, die sich seinen eigenen Phantasmen verdanken.
In solchen Formationen wäre auch bei der britischen Forschungsgruppe, die ein Klon-Schaf entwickelt hat, die Frage gestellt worden: Warum? Und wenn die Antwort gewesen wäre: Daraus ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten! so wäre die Frage gestellt worden: Welche? Und wären die ungeahneten Möglichkeiten konkret benannt worden, so wäre zu erörtern gewesen, ob diese auch eine überindividuelle Notwendigkeit darstellen.
Nehmen wir Krokowskis Ansatz ernst, so würden solche Fragen gerade von Personen in den Formationen gestellt werden, die nicht Fachleute sind. Plausibel also wären die Forschungsschritte und -ergebnisse Personen zu machen, die aus anderen als fachspezifischen Gründen zur Sprache bringen wollen und sollen, warum und wozu etwas getan wird. Die Wissenschaft bedarf in Zukunft nicht der Beschwörung und Beschwichtigung, sie bedarf neuer Arbeits- und Leistungskonzepte, generell einer neuen Formierung ihres Handelns. Daß die Auseinandersetzung darüber weiterzutreiben ist, zeigt die aktuelle Klon-Debatte mehr als deutlich.


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