Hans Tennstedt
Vom Klon-Schaf zum Klon-Mensch?
Nach dem erfolgreichen Klonen eines Schafes durch britische
Wissenschaftler ist erneut eine heftige Diskussion
über Fragen der Wissenschaftsethik entbrannt.
Einerseits wird - wie die Sprecherin der Deutschen
Bischofskonferenz Heike Thome verlauten läßt
- den Menschen die Berechtigung abgesprochen, "in
die Schöpfung einzugreifen". Andererseits
behauptet Bundesforschungsminister Rüttgers, daß
Wissenschaft nicht in einem Niemandsland stattfindet,
in dem es keine Ethik gibt. Läßt man Beschwichtigungen
und Beschwörungen von wissenschaftlicher, politischer
und kirchlicher Seite einmal beiseite - sie reagieren
wieder einmal kraftlos auf eine wissenschaftliche Realisierung
des Machbaren - so sind vor allem die Perspektiven
aber auch Phantasien und Phantasmen interessant, die
von der nun greifbaren Möglichkeit erzeugt werden,
auch Menschen zu klonen.
Die Herstellung des geklonten Menschen ist nur eine
Frage der Zeit:
Es wäre - in Erinnerung an die wissenschaftlichen
Experimente der Vergangenheit - naiv zu glauben, daß
nicht irgendwann irgendwo gemacht wird, was gemacht
werden kann. Man kann die Anwesenheit des Frankensteinhaften
in der Wissenschaft leugnen soviel man will: Unter
besonderen Bedingungen werden sich Wissenschaftler
finden, die aus eigenem Antrieb oder von politischen
Forderungen gedrängt die Mittel einsetzen werden,
die die Forschung bereitstellt. Die Erosion gegenwärtiger
Wissenschaftsethik oder die Umwertung von Werten, wie
sie vom Nationalsozialismus betrieben wurde, ist nicht
auszuschließen. Kein gesetzliches oder moralisches
Verbot wird den Klon-Menschen verhindern. Deshalb ist
es an der Zeit, über die Phantasmen zu reden,
die Entscheidungsträger und ihre potentiellen
wissenschaftlichen Exekutoren dazu treiben könnten,
die Probe aufs Exempel zu machen.
Manche dieser Phantasmen werden im Kleid wissenschaftspolitischer
Rationalität daherkommen, gepaart mit einer ethischen
Zirkularität:
Es besteht die Notwendigkeit, Menschen zu klonen, um
Wissen darüber zu haben, wie sich ein geklonter
Mensch von einem nicht geklonten unterscheidet. Es
ist damit ethisch geboten, wissenschaftliche Erfahrungen
mit dem Klonen von Menschen zu machen, weil es amoralische
Wissenschaftler geben wird, die sich von ethischen
Einwänden nicht aufhalten lassen werden. Bevorzugtes
Feld dieser Rationalität werden Forschungslaboratorien
der Geheimdienste, des militärisch-politischen
Komplexes und ähnlicher Institutionen sein, die
immer schon vorgaben, Gefahren studieren zu müssen,
um sie abwenden zu können. Die Öffentlichkeit
wird von solchen Erfahrungen "verschont"
bleiben - wie seinerzeit etwa die amerikanische Öffentlichkeit,
als junge Soldaten einer Atombombenexplosion ausgesetzt
wurden, um deren Langzeitwirkung studieren zu können.
Auch solches Handeln wird nicht vermeidbar sein. Die
Basis für seine vermeintliche Berechtigung wäre
ihm nur zu entziehen, wenn jede als "rational"
verausgabte Begründung als Rechtfertigung des
individuellen Größenwahns, der perversen
Begehrungen eines Wissenschaftlers oder einer auch
kollektiven Paranoia entschleiert werden könnte:
Die Erschaffung des Klon-Menschen wird stattfinden,
weil die die Möglichkeit, sich als Schöpfer
zu wähnen, die Erfahrung, Schöpfer zu sein,
mehr befriedigt als nur wissenschaftliche "Neugier".
Das Phantasma, Herr über Leben und Tod zu sein,
stützt dabei die Befriedigung des Antriebs. Es
als solches zur Sprache zu bringen, bedeutet aber,
in der Wissenschaft mehr und mehr zu thematisieren,
warum ein Wissenschaftler wissen will. Der Schein des
"objektiven" Interesses im Dienste "wissenschaftlicher
Objektivität" ist als solcher zu benennen.
Zugleich gilt es im Rahmen der Wissenschaften selbst
mit reinem fach- und feldspezifischem Forschen Schluß
zu machen. Gegen eine Identifikation subjektiver Beweggründe
und Antriebe mit wissenschaftlicher Objektivität
kann nur dann eine neue ethische Orientierung geltend
gemacht werden, wenn Wissenschaftler nicht mehr in
abgeschotteten Räumen forschen, deren Wände
nur scheinbar für Einflüsse von außen
durchlässig sind. Hier gilt es neue Organisationskonzepte
zu berücksichtigen, in denen Projektformationen
zu institutionalisierten Forschungsgruppen zumindest
ein Korrektiv bilden. Was der Unternehmens- und Wissenschaftsberater,
Kulturmanager und Psychoanalytiker Robert Krokowski
vorschlägt, könnte hier einen gangbaren Weg
eröffnen: An die Stelle von reinen fachorientierten
Forschungsgruppen sind Forschungsformationen zu setzen,
in denen neben den jeweiligen Forschungsexperten auch
andere Personen anwesend sind. Solche Formationen dienen
nicht in erster Linie der "Kontrolle" sondern
einer Erweiterung der Forschung um Dimensionen, die
in gegenwärtig arbeitenden Forschungsinstituitionen
nicht selten ausgeblendet werden. Kein Wissenschaftler
muß dazu verführt werden, in seiner Arbeit
Schritte machen zu können, die sich seinen eigenen
Phantasmen verdanken.
In solchen Formationen wäre auch bei der britischen
Forschungsgruppe, die ein Klon-Schaf entwickelt hat,
die Frage gestellt worden: Warum? Und wenn die Antwort
gewesen wäre: Daraus ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten!
so wäre die Frage gestellt worden: Welche? Und
wären die ungeahneten Möglichkeiten konkret
benannt worden, so wäre zu erörtern gewesen,
ob diese auch eine überindividuelle Notwendigkeit
darstellen.
Nehmen wir Krokowskis Ansatz ernst, so würden solche
Fragen gerade von Personen in den Formationen gestellt
werden, die nicht Fachleute sind. Plausibel also wären
die Forschungsschritte und -ergebnisse Personen zu
machen, die aus anderen als fachspezifischen Gründen
zur Sprache bringen wollen und sollen, warum und wozu
etwas getan wird. Die Wissenschaft bedarf in Zukunft
nicht der Beschwörung und Beschwichtigung, sie
bedarf neuer Arbeits- und Leistungskonzepte, generell
einer neuen Formierung ihres Handelns. Daß die
Auseinandersetzung darüber weiterzutreiben ist,
zeigt die aktuelle Klon-Debatte mehr als deutlich.