Text-Nummer: 0183

Schaltung am: 29.04.97
Rubrik(en): Kultur, Politik, Wirtschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 17554
Verfasser(in): Moritz Weber
Originaltitel: Arbeit, Dienst und Leistung
Copyright: Moritz Weber

Moritz Weber

Arbeit, Dienst und Leistung

Von der Interaktionsgesellschaft als Dienstleistungsgesellschaft zu sprechen ist üblich geworden. Scheinbar zeigt sich darin ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen Industriegesellschaft und Neuer Gesellschaft, denn in ihr soll nicht mehr die Arbeit der Leistung dienen, sondern der Dienst, neudeutsch: Service. Doch die sprachliche Erinnerung an vorindustrielle Tätigkeitsformen kann der Neuen Gesellschaft nicht ersparen, andere Worte für das zu finden, was in der nachindustriellen Leistungsgesellschaft das Neue ist. Das "Servile", auch "dienernde", das manche Dienstleister als wichtigen Zug ihrer Dienstleistung zu kultivieren scheinen, indem sie in vorfeudalistischer, fast sklavischer Art den Kunden nicht nur zum absolutistischen "König" sondern auch zum "Gottkaiser" küren, zeigt die Orientierungslosigkeit in Richtung auf eine Zukunft, die mehr wäre als Identifikation mit überkommenen gesellschaftlichen Gewohnheiten.
In Abgrenzung von Selbstüberschätzungen, durch die sich Industrielle vorrangig als Arbeitgeber, als Herrscher im Reich der Wirtschaft wähnten, mögen Anleihen an feudalen Strukturen überlebte Gewohnheiten stören - ähnlich wie bei Anleihen an klerikalen Strukturen in Abgrenzung von stalinistischen Überlebseln während des Zusammenbruchs planwirtschaftlicher Systeme. Nach Jahrzehnten der Ignorierung der Kundenwünsche, in denen das industrielle Angebot die Nachfrage bestimmte, den Kunden als König zu entdecken und als solchen zu hofieren, mag ein erster Schritt sein - wenn auch einer zurück. Die neuen Kleider, die die Werbung dem neuen Souverän in den Anfängen der Dienstleistungsgesellschaft umhängte, hat dieser längst durchschaut - auch wenn er, solange er nichts anderes anzuziehen hat, nach wie vor die Komplimente der Hofschranzen annimmt, weil sie ihn im Gegensatz zum Aussprechen der nackten Wahrheit zumindest vorübergehend erwärmen. Doch die Beschreibung der Aufgabe der Werbung in der Interaktionsgesellschaft bedarf mehr noch als die der Produktion von Gütern oder der Leistung von "Diensten" einer Umwertung des Gewohnten. Die praktische Kritik der Industriemoral durch vorindustrielle Sitten und Gebräuche des Dienens wird in der nachindustriellen Interaktionsgesellschaft als modischer Schickschnack erscheinen, in dem sich Devotheit - ein vornehmes Wort für die Vertreterstrategie "Kunden einschleimen" - als Leistung maskiert. So unschuldig also Worte wie "Dienst" oder "Service" daherkommen, sie sind letztlich mit der der Leistungsethik der Interaktionsgesellschaft unvereinbar. Denn in ihr stehen weder die Ansprüche eines Auftraggebers noch die eines Auftragnehmers im Mittelpunkt, sondern die Anforderungen eines Projektes an die gemeinsame Leistungskraft. Was in der nachindustriellen Interaktionsgesellschaft das Neue ist, ist also weder Dienst- noch Serviceleistung, sondern das projektorientierte Zusammenspiel in Leistungsformationen.
Weder der durch basale Lebensnot gerechtfertigte Zwang zur industrieller Arbeit noch der moralische Druck, mit dem der "Dienst am Menschen" in der Dienstleistungsgesellschaft aufgewertet werden soll, sind geeignet, den "mündigen Bürger" entstehen zu lassen, dessen gesellschaftliche Existenz vor allem in politischer Vollmundigkeit gefordert, wenn nicht unterstellt wird. Der Hinweis darauf, daß das "Dahinschmelzen" von industrieller Arbeit (Norbert Blüm) nicht bedeutet, daß es auch ein Verschwinden der "dienenden Beschäftigungen" geben muß, in denen Menschen eine "sinnvolle Tätigkeit" ausüben können, ist deshalb buchstäblich "scheinheilig", weil es selten der Sinn ist, der Menschen zu einer Verausgabung von Leistung veranlaßt. Denn Sinn ist nicht Anlaß einer Leistung, sondern einer ihrer Effekte. Wenn der Sinn also überhaupt die Leistung "heiligt", dann deshalb, weil er ihr zugesprochen wird. Mit Zuspruch aber werden weder Arbeitsplätze geschaffen, noch Dienstleistungsstellen, noch Positionen in Leistungsformationen. Denn was schon für Arbeit und Dienst galt, das gilt für Leistung ebenso: Niemand kannn letztlich dazu überedet werden, und wer sich überreden läßt, wird schnell bemerken, daß sich die Verausgabungsfähigkeit von Leistung - gleichgültig ob in überkommener oder neuer Bedeutung - aus anderen als moralischen Quellen kräftigt.
Wenn Kumpels an Rhein und Ruhr untereinander über ihre Tätigkeit sprechen, dann reden sie Tacheles: Denn sie kommen nicht von der "Arbeit", sondern von der "Maloche". Ihr Festhalten an den jiddischen Wörtern ist der sprachliche Protest gegen eine protestantische Ethik, die sich seit Luthers Zeiten darum bemüht, Arbeit etwas "Ritterliches" abzugewinnen, der körperlichen Schinderei einen anderen, bisweilen gar mystischen Sinn zu geben als den der Notwendigkeit, die unmittelbarsten Bedürfnisse zu befriedigen: Hunger und Durst zu stillen, ein Dach über dem Kopf zu haben und Ruhepausen, um wieder zu Kräften zu kommen, bevor die Maloche weitergeht.
Wer die Maloche mache, der solle zumindest nicht schief angesehen werden. Das protestantische Gespür dafür, daß "nur" zu malochen zwar die Bedürfnisse, nicht aber weitergehendere Ansprüche, Wünsche und Begehrungen der Menschen befriedigt, hat zwar nicht zu weniger Maloche, dafür aber zu ihrer "Aufwertung" geführt. Seit Luther verliert das Wort "Arbeit" zunehmend die zuvor mitschwingende Bedeutung einer "würdelosen Tätigkeit", "unwürdig" derer, die ihr Brot nicht "im Schweiße ihrer Nasen" verdienen. So kann das vom Schweiß getränkte Brot "köstlich" werden, wie das Leben, das, wenn es denn lange währte und köstlich war, Mühe und Arbeit gewesen sei.
Noch heute hält die Arbeitsethik an dieser nützlichen Wandlung des Arbeitsbegriffs fest: Aus dem, was einst "schwere körperliche Anstrengung, Mühsal, Plage" bedeutete, und vielleicht ursprünglich im Sinne von "verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingtes Kind sein", die Ausbeutungsmöglichkeit der Schutz- und Wehrlosen meinte, ist die "zweckmäßige Beschäftigung" und "das berufliche Tätigsein des Menschen" geworden. Dabei ist die sogenannte "Humanisierung der Arbeitswelt", in der die Arbeit von "menschenunwürdigen" Bedingungen befreit werden soll, für viele dennoch eine Plackerei geblieben - und trotz der einen oder anderen sicherlich entlastenden Verbesserung der Arbeitsbedingungen haftet diesen nicht selten etwas Ornamentales an, das an das Wesentliche der Arbeit kaum rührt. Und immer noch gelten Strukturen, in denen ein zu schwerer körperlicher oder "geistiger" Arbeit Verdingter als unmündiger Befehlsempfänger tätig ist, als Garanten des Fleißes.
Der industrielle Patriarch jedoch, der diejenigen, denen er "Arbeit gibt" (der "Arbeitgeber" also), als seine notwendig unmündigen Kinder ansieht, für die er die Verantwortung zu tragen habe, ist buchstäblich ein Auslaufmodell. Die Sprache sagt es deutlich: Er gibt Arbeitenden eine "Beschäftigung". Die Vorbildlichkeit einer Arbeitsmoral, mit der der Industrielle der Vergangenheit jene Werte und Tugenden einer protestantischen Ethik verkörpert, die der Soziologe Max Weber einst als Ideal der industriellen Vergesellschaftung beschrieb, ist im Kurse gefallen. Denn nicht die "fleißige Betriebsamkeit" (nichts anderes bedeutet "industria" eigentlich) einer auszubeutenden Arbeit gilt zunehmend als hohes Gut nachindustrieller Produktionsprozesse, sondern die erbrachte Leistung. Zugespitzt ließe sich formulieren: Die Veränderungen in der gegenwärtigen Wirtschaft zeigen, daß es sich eine Gesellschaft nicht mehr leisten kann, daß in fleißiger Betriebsamkeit so getan wird als ob Leistung erbracht wird, obwohl die Leistungsfähigkeit industrieller Arbeit kontinuierlich sinkt.
Es gilt also das Verhältnis von "Arbeit" und "Leistung" neu zu bestimmen, denn der Prozeß, auf den sich beide Wörter oder Begriffe beziehen, beginnt sich nicht erst heute zu verändern. Das Verhältnis von Arbeit und Leistung in Wirtschaftsprozessen hat sich bereits derart gewandelt, daß eine Besinnung auf das, was "Arbeit" und "Leistung" in Gegenwart und Zukunft "bedeuten", weit mehr ist als "Wortklauberei". Sich früherer Bedeutungen der Wörter zu erinnern, kann Teil einer Analyse sein, derer es bedarf, wenn Hemmungsprozesse sich in Symptome ("Zusammenhänge") einer Gesellschaft verwandeln, die auf ihrem und in ihrem Körper austrägt (in Form eines "lebensästheitschen Universums"), was sie nicht zur Sprache bringen kann. Die aktuellen Diskussionen über ein neues "Bündnis für Arbeit" bezeugen eine Kultur des Appells, in der vor allem Gewerkschaften und politische Parteien zu einem Handeln aufrufen, für das vielfach die Worte fehlen.
Dabei zeigt sich deutlich: Arbeit ist zu einem gesellschaftlichen Symptom geworden, weil im zwanghaften industriellen Prozeß Antriebe verdrängt und in Arbeitsstrukturen gebunden wurden, deren Kräfte die nachindustrielle Gesellschaft nun zu entfesseln wünscht. Doch so einfach läßt sich "Arbeit" der Vergangenheit nicht in "Leistung" der Zukunft verwandeln.
Im Rahmen industrieller Produktionsweisen wurde Leistung als Effizienz der Arbeit aufgefaßt. In nachindustriellen Leistungsprozessen ist Arbeit zwar ein Effekt der Produktion, doch die Effizienz der Leistung liegt jenseits der Arbeit. Denn ihre Effizienz besteht in der nachindustriellen Gesellschaft darin, der Arbeit als Maloche ein Ende zu bereiten.
Dies ist nur zu verstehen, wenn man die neuen Bedeutungen von "Leistung" und "Arbeit" nicht abwehrt, die der Auflösungsprozeß der traditionellen Gesellschaft hervortreibt und befördert. Denn der "Bedeutungswandel" beider Wörter wird nicht durch die fleißige Betriebsamkeit der Begriffsarbeit erarbeitet, sondern zeigt seine Effizienz in dem, was Sprache hervorbringt, wenn man es sich leistet, dem Prozeß in ihr auf die Spur zu kommen.
In der nachindustriellen Leistungsgesellschaft ist "Leistung" also etwas anderes als in der industriellen Arbeitsgesellschaft. Worum es sich dreht, würde vielleicht am besten deutlich, wenn man den Mut aufbrächte, die Neue Gesellschaft endlich konsequent bei dem Namen zu nennen, den sie bereits gefunden hat, und sie nicht nur in Abgrenzung zur sich auflösenden Industriegesellschaft benennen würde. Denn wenn an die Stelle der Arbeit in der Industriegesellschaft der Leistungsprozeß der Neuen Gesellschaft tritt, so ist diese buchstäblich Informationsgesellschaft, ein in Formationen Gestalt annehmender Leistungsprozeß, der sich radikal von einer in Arbeitsplätzen stillgestellten Prozeßgestaltung unterscheidet.
Nun klingt es einigermaßen blöde, dem Zustand der "industriell gestalteten Arbeitsgesellschaft" die "sich in permanenter Formierung befindliche Leistungsgesellschaft" gegenüberzustellen, obwohl genau diese Formulierung das Prozessuale gegenüber dem Zustandshaften betont. Zudem hat sich das Wort "Information" von seiner einfachen Grundbedeutung "eine Gestalt geben, formen, bilden" gelöst und derart stark die Bedeutung von "Nachricht, Botschaft, Übermittlung" angenommen, daß auch eine Schreibweise wie "Gesellschaft InFormationen" sich nur schwer gegen die Lesart "Gesellschaftsinformationen" behaupten kann. Doch wenn zum Beispiel von "Wirtschaft InFormationen" die Rede ist, so geht es dabei nicht um Nachrichten, die über Wirtschaft vermittelt werden, sondern um die Gestaltung von Wirtschaftsprozessen selbst, schlicht: um die Form, die Wirtschaft in der Neuen Gesellschaft annimmt, und zwar als Effekt von Unternehmensabläufen, denen nicht industrielle Arbeit wesentlich ist, sondern Leistung in Formationen.
Am Symptom herumzulaborieren und herumzukurieren, statt die Ursachen zu analysieren und aus der Analyse Konsequenzen für ein neues Handeln zu ziehen - es ist genau das, was die politische Therapeutik unternimmt, um die psychosozialen und ökonomischen Folgen des Untergangs des industriellen Komplexes, der industriellen Arbeitsgesellschaft zu "behandeln". In der Sprache der Medizin werden Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit gefordert, obwohl jeder weiß, daß es keine gibt. Doch die Solidargemeinschaften sind nicht deshalb am "Rande der Leistungsfähigkeit" angelangt, weil für Arbeit und Dienst nicht genug geleistet, weil nicht "fleißig genug geschafft" wird. Die Solidargemeinschaften sind deshalb am Rande der Leistungsunfähigkeit angelangt, weil industriell betriebene Arbeit und Dienstleistung fortschreitend gesellschaftlich "ungenießbar" geworden sind, während zugleich der "Genuß" von Sozialleistungen darin besteht, die unmittelbaren Bedürfnisse befriedigen zu können. Soziale Dienstleistung unter Bedingungen der industriellen Arbeitsgesellschaft ist die Konsequenz ihrer Beförderung der Unmündigkeit. So tritt buchstäblich die gesellschaftliche Fürsorge die Nachfolge der "Fürsorgepflicht" des industriellen Arbeitgebers an, das Geflecht aus Vormundschaft, Bevormundung und Unmündigkeit bewahrend, das die Ethik einer sozialen Marktwirtschaft unterfüttert. Längst ist Arbeit - als mühsame Abwendung der Not die unmittelbarsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen - nicht mehr "notwendig". Der Dienst der Gesellschaft hat diese Bedürfnisbefriedigung übernommen.
"Leistungsfähig" in diesem Sinne ist die Solidargemeinschaft nur so lange, bis all das "aufgezehrt" ist, was in der industriellen Arbeitsgesellschaft dadurch angehäuft wurde, daß es als Äquivalent der Mehrarbeit abgeschöpft wurde. Man glaubte, die Zukunft dadurch sichern zu können, daß man auf Halde arbeitete, weil man glaubte, die industrielle Arbeitsgesellschaft sei eine soziologische Konstante. Während jene belächelt wurden, die seit den sechziger Jahren die ersten Bedingungen einer nachindustriellen Gesellschaft beschrieben, schürte man die Illusion des unbegrenzten industriellen Wachstums, die sich heute noch in der Sprache der Finanzpolitik findet, wenn von "Schuldenbergen" die Rede ist. Abgesehen davon, daß sich in dieser Formulierung der Stolz jener trotzig hält, die in Anhäufungen eine Leistung sehen, enthüllt dieses Bild, zu welcher "Leistung" die industrielle Arbeitsgesellschaft letztlich fähig war, als es darum ging, Quantität in Qualität zu verwandeln.
Daß es die industrielle Arbeitsgesellschaft in der Gegenwart genießt, in den letzten Zügen zu liegen, ist offensichtlich. Aber während manche derer, die über die letzten Reserven verfügen, noch die Parole ausgeben: Bereichert euch ein letztes Mal, häuft an, es kommen schlechte Zeiten!, wird eine andere Ethik spürbar. Während die einen es als moralisch erachten, in den letzten Zisternen auch noch zu baden, beginnt ein Nießbrauch anderer Quellen. Dieser (der "Nießbrauch" im Gegensatz zur "Ausbeutung") wird sich - falls es den konservativen Verfechtern der Arbeitsgesellschaft nicht doch noch gelingt, ihr das Wasser abzugraben - in der leistungsorientierten Interaktionsgesellschaft, als hoher Wert ihrer Ethik, in einen moralischen Zug verwandeln. Es wird nämlich ganz schlicht um den individuellen und gesellschaftlichen Nießbrauch am Genuß jener Leistung gehen, den die Formationen der Interaktionsgesellschaft ermöglichen.
Auch das Wort "Formationen" wurde im Rahmen der Arbeitsgesellschaft besetzt. Hier war es die Kunst, die in ihren Formationen zeigte, daß eine gemeinsame produktive Leistung etwas anderes bedeuten kann, als die "Formierung" der Arbeit zum Heer. Noch heute wird von "Heer" der Arbeitslosen gesprochen. Es soll hier zunächst nur behauptet werden, daß der militärische Komplex eine Funktion der Arbeitsgesellschaft ist, der ihre Hierarchien und "Stellenpolitik" auf den Begriff bringt. Es ist noch nicht lange her, daß die Wirtschaft Tugenden wie Ordnung, Pünktlichkeit, Disziplin und Gehorsam in den Vordergrund stellte und daß ihr industrielles Management - unter dem Schlagwort "Menschenführung" - sich aus jenen militärischen Bereichen "rekrutierte", die der Arbeitsgesellschaft als Horte einer gestiefelten Moral galten. Wenn in der Interaktionsgesellschaft Tugenden wie Prozeßorientheit, Flexibilität, Vertrauen und Eigenverantwortlichkeit an die Stelle moralischer Normen der Arbeitsgesellschaft rücken und sich das unternehmerische Management von Kreativität mehr verspricht als von militärischer Sicherheit, so bekundet das radikale ethische Umorientierungen.
Die Hinweise darauf, daß interaktive Leistungsformationen nur möglich sind, weil andernorts auf der Welt malocht wird; daß sich die Interaktionsgesellschaft nur in den sogenannten hochentwickelten Industriegesellschaften verwirklicht; daß ethische Umorientierungen der Luxus einer saturierten Wohlstandsgesellschaft sei: Alle diese Hinweise verfehlen den radikalen Wandel, der nicht nur die Arbeitsgesellschaft erfaßt, sondern auch alle theoretischen Modelle, die die Ontologie ihrer Arbeitsbedingungen rationalisieren. Jeder radikale Wandel ist von Ungleichzeitigkeiten begleitet und herrschende gesellschaftliche Einrichtungen verteidigenen das Gewohnte mit Zähnen und Klauen gegen das Neue, denunzieren es als Schein und "Utopie", die Illusionen und Unrealistisches als mögliche Praxis vorgaukeln. Was geschieht, das hat Marx, mit Blick auf die Transformationen in der Geschichte der Arbeitsgesellschaft, ganz einfach benannt: Die Produktionsverhältnisse werden zu Fesseln der Produktivkräfte. Für den Übergang von der Industrie- zur Interaktionsgesellschaft heißt das: Die Arbeitsverhältnisse werden zu Fesseln der Leistungskräfte. Sie ersticken Produktivität und Kreativität durch permanente Verwandlung von Leistung in Arbeit, in Übereinstimmung mit volkswirtschaftlichen Rationalisierungen der Prozesse, die sich mit den Kategorien der traditionellen Volkswirtschaft längst nicht mehr erfassen lassen.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]