Text-Nummer: 0186

Schaltung am: 06.06.97
Rubrik(en): Wirtschaft, Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 4351
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Originaltitel: Das Lauschen an den Subraumspalten
Copyright: Hans Tennstedt

Hans Tennstedt

Das Lauschen an den Subraumspalten

Während die Asche des Star Trek-Erfinders Gene Roddenberry zusammen mit der Asche des Trip-Promotors Timothy Leary in den Orbit geschossen wird und alle Welt darauf wartet, daß sie sich etwas wünschen darf, wenn beide beim Wiedereintritt in die Atmosphäre als Sternschnuppe verglühen, erlebt das Voyager-Team unter Leitung von Captain Janeway sein nächstes Subraumabenteuer. Und während Hale-Bopp nur ein paar knappe Millionen Kilometer an der Erde vorbeischrappt und diese nur ein paar astronomische Sekunden an der Katastrophe, überwindet das jüngste Star Trek-Team im Delta-Quadranten spielend einige weitere Lichtjahre und stößt durch die von globalen Katastrophen geöffneten Raumspalten in andere Zeiten vor und zurück.
Das sind die Randbedingungen für Szenarien, die sich - scheinbar Lichtjahre entfernt von Captain Janeway und ihrer Crew und im Angesicht der permanent drohenden Kometenkatastrophe - mit Werteorientierungen der Zukunft beschäftigen, die schon angebrochen ist. Es sind auch die Randbedingungen des Managements der Gegenwart.
Die Generation Y, Kinder der "Lebensästheten", ist auf der dauernden Suche nach Subraumspalten. Denn manchem Kind der Lebensästheten ist die Tugend der Orientierungslosigkeit ihrer Eltern, die es für slacks hält - Herumhänger ohne Visionen - suspekt. Die Töchter und Söhne der Generation X sind auf der Suche nach Subraumspalten, weil sie durch diese zurück in die Zukunft und vorwärts in die Vergangenheit gelangen können, und sie lieben jede Art von Science Fiction, weil hier Orientierungen verausgabt werden, die jene Tugend der Orientierungslosigkeit relativiert, die sie von ihren Eltern vermittelt bekommen. Wenn sie eine Subraumspalte gefunden haben, dann lauschen sie darauf, ob es Anzeichen gibt, daß ein Besucher aus einer anderen Zeit eintreten will, um die Konfusionen des lebensästhetischen Universums zu beheben, in dem sie herumirren. Sie selbst aber bleiben beharrlich bei sich selbst, weil sie wissen, daß es sich bei bei den Rissen in Zeit und Raum eigentlich um Science-Fiction handelt. Schon für ihre Eltern - weil man ja nie wissen kann - sind die Subraumspalten die Hintertürchen, die sich die Lebensästheten offenhalten, falls sie doch einmal von einer Sinnkrise erfaßt werden oder die Gewißheit einen Dämpfer erhält, daß sie ihre Zukunft in den eigenen Händen halten.
Deshalb sind die Lebensästheten und ihre Kinder empfänglich für Zukunft-Szenarien - nur sollten sie nicht zu wahrscheinlich sein. Denn mit einem wachsenden Grad an Wahrscheinlichkeit nähme die Orientierungslosigkeit ab, deren Tugend die Lebensästheten ansonsten kultivieren. Deshalb sind die Agenten der Zukunft für die Lebensästheten auch immer Agenten der eigenen Zukunft, "The Next Generation", persönliche Retter, die sich in der Gestalt von Captain Jean Luc Picard, Data und Riker oder Cisko in Deep Space Nine an den Abendbrottisch beamen, um Ideale einer fernen Föderation gegen die Erwerbsregeln der Ferengi zu verteidigen, mit denen es die Lebensästheten den ganzen Tag über zu tun hatten. Ihre Kinder sind inzwischen mit Captain Janeway in einen ganz anderen Raum vorgedrungen, in den sie der "Fürsorger" katapultiert hat, um sie dann sich selbst zu überlassen, Lichtjahre entfernt vom Konflikt zwischen Föderierten und Rebellen, zwischen Sternenflotte und Marquis.
Insofern sind Raumschiffe wie Enterprise und Voyager die Surfbretter der Science-Fiction, die das virtuelle Moralsurfing ermöglichen, dem der Lebensästhet und seine Kinder im Umgang mit seines- und ihresgleichen Tag für Tag begegnen. Wo auf der Subraumwelle des lebensästetischen Universums gesurft wird, zeigt sich aber auch das Randgebiet anderer Weltraum-Quadranten. Denn die Offenheit der Lebensästheten für Zukunftsszenarien führt sie an den Rand ferner Welten, in denen virtuelle Verbindlichkeit nicht nur geträumt, sondern praktiziert wird. Zwischen den Szenarien von Kirks Enterprise (der Kult-Enterprise der 68er) und Picards Enterprise (der Kult-Enterprise der 89er) liegen ebenso Welten wie zwischen Ciskos Deep Space Nine (dem Szenario der Hüter des Wurmloch-Tores zum geheimnisvollen Herrschaftsbereich der Formwandler) und Janeways Voyager (dem Szenario der Vagabunden zwischen den Subraumspalten, die "nach Hause" zurückwollen).


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