Text-Nummer: 0023

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 2128
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Geschrieben am:
Kürzel: Ker
Originaltitel: Christliches Preußen
Copyright: Ulrich Kerner
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Ulrich Kerner

Christliches Preußen

Einige Berliner Wahlplakate der CDU zur Fusion von Berlin und Brandenburg warteten mit der lapidaren Parole auf: "Für ein christliches Preußen." Der Leser staunt. Er fragt sich, wes Geistes Kind Parteigänger sind, die solche Utopien beschwören. Die Vermutung liegt nahe, daß es tatsächlich die Nachgeborenen jener Gründungsväter des Grundgesetzes sind, die sich mangels anderer Orientierungen immer wieder auf die preußische Alternative zum NS bezogen. Möglich, daß zur Zeit die Beschwörungsformeln, die zu Gedenktagen wie dem 20. Juli den Konsens der Demokraten beteuerten, Früchte tragen. Die gefilterte Sicht auf die politischen Anschauungen der "Männer und Frauen des 20. Juli" verbrämte und verdünnte deren Motive zu einem "Aufstand des christlichen Gewissens". Daß Stauffenberg und andere "das Kreuz auf sich nahmen" oder, wie einmal hieß, die "Dornenkrone" trugen, ist nur die bildhafte Oberfläche, mit der ein national-konservatives zu einem christlichen Preußen gemacht wird. Erinnert wird sich, so scheint es, also an die konsensfähige Geschichte der Nachkriegsdemokraten, gereinigt von jenen politischen Optionen, die das Preußische in der Programmatik des Kreisauer Kreises oder der Gruppe um Goerdeler mitbestimmten.
Vielleicht zeigen sich aber auch andere Tendenzen. Im offiziellen Gedenken zum 20. Juli 1944 sah es lange so aus, als sei die Bundesrepublik Deutschland genau jene Staatsform, die auch die preußischen Widerständler im Auge gehabt hätten. Könnte es sein, daß nun eine Erinnerung daran auftaucht, daß politisches Denken im demokratischen Sinn etlichen Mitgliedern des Kreisauer Kreises suspekt war? Wie steht es in diesem Zusammenhang mit den Sehnsüchten nach einer Art "überpolitischer Staatsweisheit", um den interessenspolitischen Konflikten einer pluralistischen Gesellschaft zu entgehen?
Festzustellen ist immerhin, daß rückwartsgewandte Utopien hoch im Kurse stehen und daß manche Parteigänger die Neigung zeigen, stattgefundene Geschichte auszublenden, um bruchlos an politischen Konzepten anzuknüpfen, die sie allen Ernstes für verwirklichbar halten.


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