Ulrich Kerner
Christliches Preußen
Einige Berliner Wahlplakate der CDU zur Fusion von Berlin
und Brandenburg warteten mit der lapidaren Parole auf:
"Für ein christliches Preußen."
Der Leser staunt. Er fragt sich, wes Geistes Kind Parteigänger
sind, die solche Utopien beschwören. Die Vermutung
liegt nahe, daß es tatsächlich die Nachgeborenen
jener Gründungsväter des Grundgesetzes sind,
die sich mangels anderer Orientierungen immer wieder
auf die preußische Alternative zum NS bezogen.
Möglich, daß zur Zeit die Beschwörungsformeln,
die zu Gedenktagen wie dem 20. Juli den Konsens der
Demokraten beteuerten, Früchte tragen. Die gefilterte
Sicht auf die politischen Anschauungen der "Männer
und Frauen des 20. Juli" verbrämte und verdünnte
deren Motive zu einem "Aufstand des christlichen
Gewissens". Daß Stauffenberg und andere
"das Kreuz auf sich nahmen" oder, wie einmal
hieß, die "Dornenkrone" trugen, ist
nur die bildhafte Oberfläche, mit der ein national-konservatives
zu einem christlichen Preußen gemacht wird. Erinnert
wird sich, so scheint es, also an die konsensfähige
Geschichte der Nachkriegsdemokraten, gereinigt von
jenen politischen Optionen, die das Preußische
in der Programmatik des Kreisauer Kreises oder der
Gruppe um Goerdeler mitbestimmten.
Vielleicht zeigen sich aber auch andere Tendenzen. Im
offiziellen Gedenken zum 20. Juli 1944 sah es lange
so aus, als sei die Bundesrepublik Deutschland genau
jene Staatsform, die auch die preußischen Widerständler
im Auge gehabt hätten. Könnte es sein, daß
nun eine Erinnerung daran auftaucht, daß politisches
Denken im demokratischen Sinn etlichen Mitgliedern
des Kreisauer Kreises suspekt war? Wie steht es in
diesem Zusammenhang mit den Sehnsüchten nach einer
Art "überpolitischer Staatsweisheit",
um den interessenspolitischen Konflikten einer pluralistischen
Gesellschaft zu entgehen?
Festzustellen ist immerhin, daß rückwartsgewandte
Utopien hoch im Kurse stehen und daß manche Parteigänger
die Neigung zeigen, stattgefundene Geschichte auszublenden,
um bruchlos an politischen Konzepten anzuknüpfen,
die sie allen Ernstes für verwirklichbar halten.