Ulrich Kerner
Politische Mondpreise
Die augenblickliche Diskussion um finanzielle Kürzungen
im allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens erinnert
an einen Ausverkauf. Wir müssen den Gürtel
enger schnallen: So werden wir daran erinnert, daß
die fetten Jahre vorbei sind, in denen wir angeblich
Winterspeck angesetzt haben. Aber sind die Diäten
politischer Repräsentanten wirklich beispielgebend?
Das "Wir" ist trügerisch. Man merkt
die Absicht und ist, gelinde ausgedrückt, verstimmt.
Im Ausverkauf der sozialen Errungenschaften, an denen
sich die sogenannten kleinen Leute nur aus der Sicht
der hohen Warte (von der aus der politischen Blick
über das Große und Ganze schweift) mästeten,
scheint sich ein Kalkül durchzusetzen, das von
Schlußverkäufen im Deutschland vergangener
Zeiten nur allzu bekannt ist. Bei diesen ist es inzwischen
verboten. Gemeint sind die Mondpreise, die dem auf
Nachlässe angewiesenen Kunden suggerieren, er
habe etwas gespart. Politische Anleihen bei solchem
Marktgebaren früherer Zeiten stehen im Augenblick
hoch im Kurs. Der Preis für den gesellschaftlichen
Wandel wird für viele in derart schwindelerregende
Höhen getrieben, daß die Betroffenen irgendwann
froh darüber sein werden, mit einem blauen Auge
davongekommen zu sein. Sie werden erleichtert den Preis
zahlen und ihre Stimme wieder denjenigen geben, die
ihn gemacht haben.
Solche imaginäre politische Preistreiberei gehört
zum Schäbigsten in den Niederungen der sogenannten
Realpolitik für die Massen. Denn wie Kaufhäuser
einst auf den Wunsch auf Teilhabe an etwas Luxus spekulierten
so setzen Forderungen nach Einsparungen bei den Ärmsten
darauf, daß jene, die noch wählen gehen,
sich über das, was sie sich eingehandelt haben,
auch noch freuen werden. Es steht zu befürchten,
daß sich ein Finanzminister hier - auch politisch
- nicht verrechnet haben wird. Aber immerhin kann man
daran erinnern, daß der Profit, der aus solchen
fadenscheinigen Geschäften gezogen wird, andere
mästet: Die Zinsen werden für Geschäfte
gezahlt, die jene nicht zu verantworten haben, die
über den Tisch gezogen werden sollen. Daß
sie sich durch ihre Stimmen auch noch darum prügeln,
die ersten zu sein, bleibt indes bemerkenswert.