Ulrich Kerner
Preußen
Die Zeit ist rar an Leitbildern. Auf den Vereinigungszug
sind nun auch jene gesprungen, die eigentlich kein
Land Berlin-Brandenburg wollen, sondern ein Land Preußen.
Alte preußische Ideale werden beschworen und
zwischen den Zeilen kolportiert: Wahlplakate zeigen
nur die Oberfläche. Sollen auf solchen ebenfalls
erhobene ironische Forderungen nach einem "buddhistischen
Sachsen" das Abstruse in der Suche nach neuen
politischen Leitbildern zeigen, so wird nur auf der
Oberfläche reagiert. Die Sehnsucht liegt tiefer.
Etwas davon wird deutlich, wenn im Berliner Eishockey
Flagge gezeigt wird. So werden überkommene Symbole
gesellschaftsfähig. Die Beschwörung alter
preußischer Tugenden im Zusammenhang mit der
Länderfusion Berlin-Brandenburg zeigt die ganze
Hilflosigkeit im Umgang mit der Frage politischer Ideale.
Zwar nimmt man den für die Ausgabe von Wahlparolen
Verantwortlichen ab, daß sie weniger die Regierungszeit
des letzten preußischen Ministerpräsidenten,
Hermann Göring im Auge haben, als vielmehr die
Aufbruchsstimmung unter dem Großen Kurfürsten
oder das Selbstbewußtsein des aufgeklärten
Absolutismus unter einem Soldatenkönig oder Friedrich
dem Großen. Doch wer sich der Auseinandersetzungen
um das Verbot der Reichskriegsfahne erinnert, wird
argwöhnen, wozu die Verausgabung der Spielmarke
Preußen taugt: Daß sich jeder sein Teil
denken kann, welches Preußen zwischen 1640 und
dem 25.2.1947 gemeint ist, als seine staatsrechtliche
Auflösung durch den allierten Kontrollrat erfolgte.
Die Sehnsucht nach neuen politischen Leitbildern und
Idealen ist groß. Zur Zeit sind es die alten.
Und der mangelnde Protest gegen die Rückbenennung
von Straßen nach Größen der feudalen
Geschichte Berlins und Brandenburgs mag zu denken geben.
Jede Rückbenennung - und mag sie auch noch so versteckt
zwischen den Zeilen stattfinden - ist eine Neubenennung
im Namen dessen, wofür ein Name steht. Jene, die
sich Berlin und Brandenburg als Preußen wünschen,
beginnen, eine entleerte Spielmarke mit Sinn aufzuladen
und als Münze mit Wert in Umlauf zu bringen. Noch
besitzt sie keinen Tauschwert, aber die Spuren, die
ihr Gebrauchswert hinterläßt, werden deutlicher.
Mag es auch sein, daß es sich bei dem Wort "Preußen"
um eine Worthülse handelt, mit der es sich verhält
wie mit dem Reichstag: Ein entkerntes Gehäuse,
dessen Inhalte neu konstruierbar sind. Mag sein, daß
es hier um Fassadenfragen geht, die seit der Auseinandersetzung
um das Stadtschloß in der Mitte Berlins zur Wesensfrage
urbaner Selbstdarstellung geworden sind. Zu bemerken
ist aber ohne Zweifel allerorten jener Zug von Restauration,
der gefallene Fassaden und Worthülsen (die der
DDR) durch andere ersetzen will. Auf Fahnen, Plakaten,
Fassaden und Straßenschildern hat sich das immer
zuerst gezeigt. Es ist der Zug rückwärtsgewandter
Utopien, der auf demselben Gleis beschleunigt, auf
dem der wirtschaftliche Fortschritt davonbraust: Die
Restauratoren wollen eine Dampflok mit elektronischer
Steuerung. Und sie bauen auf die optische Täuschung,
bei der die Räder rückwärts laufen,
je schneller es geht.