Hermann Althaus
Verbrecher nach Vietnam?
Die Bandenkriege der "Vietnamesenmafia" machen
Angst. Die Morde in Berlin schüren das Lauffeuer,
das Nachrichtenmagazine entfacht haben: Berlin ist
die Hauptstadt des Verbrechens in Deutschland. Bürger
wollen die Wohnung wechseln, weil die Morde in ihrer
Gegend stattfinden. Die Verunsicherung greift um sich.
Abgesehen davon, daß sich Berlin mit dem Fall
der Mauer die Probleme eines urbanen Ballungszentrums
eingehandelt hat, gibt es bei diesen Vorgängen
wenig Bemerkenswertes. Daß zu einer Großstadt
auch Exzesse krimineller Vereinigungen gehören,
weiß jeder, der Metropolen der Welt kennt. Es
fällt schwer, sich damit abzufinden - und man
muß es wohl auch nicht. Hier sind Staat und Polizei
gefordert - und sie müssen die Herausforderung
annehmen. Bedenklich allerdings stimmt, wie die Herausforderung
angenommen wird. Bedenklich stimmt, daß verbrecherische
Exzesse das politische Kalkül nähren.
Wie anders ist zu verstehen, daß die politische
Diskussion sich sogleich wieder der Ausweisungsfrage
zuwendet, wenn Verbrecher zuschlagen? Mögen es
gar ein paar hundert Vietnamesen sein, die kriminellen
Tätigkeiten nachgehen. Welches Spiel treibt die
Politik, wenn dies zum Anlaß genommen wird, die
Ausweisung von 40 000 Vietnamesen erneut zur Sprache
zu bringen? Erneut wird die Angst vor einem "Menschenschlag"
geschürt, werden viele potentiell kriminalisiert,
nur weil sie "dazugehören". Sie müssen
nach Vietnam geschickt werden, hört man fordern.
Als ob die Frage des Verbrechens damit gelöst
wäre. Oder sollen auch all jene nach Vietnam geschickt
werden, die durch Zigarettenkauf den Nährboden
für "Mafiastrukturen" erst schaffen?
Wieder drängt sich der Verdacht auf, daß
Politiker Verbrechen zum Anlaß für die Lösung
gesellschaftlicher Probleme nehmen, die mit diesen
Verbrechen wenig zu tun haben. Wer dies tut, darf sich
über den Verdacht nicht wundern, er handele selbst
tendenziell verbrecherisch. Bald wird es wieder heißen:
Geh' doch in den fernen Osten, wenn es dir bei uns
nicht paßt. Der Boden für solche "Argumente"
(und für die in ihrem Gefolge zu erwartenden Pöbeleien)
wird heute bereitet.