Text-Nummer: 0029

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 2155
Verfasser(in): Hermann Althaus
Geschrieben am: 17.05.1996
Kürzel: Alt
Originaltitel: Verbrecher nach Vietnam?
Copyright: Hermann Althaus
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Diskussion/Leserbriefe:

Hermann Althaus

Verbrecher nach Vietnam?

Die Bandenkriege der "Vietnamesenmafia" machen Angst. Die Morde in Berlin schüren das Lauffeuer, das Nachrichtenmagazine entfacht haben: Berlin ist die Hauptstadt des Verbrechens in Deutschland. Bürger wollen die Wohnung wechseln, weil die Morde in ihrer Gegend stattfinden. Die Verunsicherung greift um sich.
Abgesehen davon, daß sich Berlin mit dem Fall der Mauer die Probleme eines urbanen Ballungszentrums eingehandelt hat, gibt es bei diesen Vorgängen wenig Bemerkenswertes. Daß zu einer Großstadt auch Exzesse krimineller Vereinigungen gehören, weiß jeder, der Metropolen der Welt kennt. Es fällt schwer, sich damit abzufinden - und man muß es wohl auch nicht. Hier sind Staat und Polizei gefordert - und sie müssen die Herausforderung annehmen. Bedenklich allerdings stimmt, wie die Herausforderung angenommen wird. Bedenklich stimmt, daß verbrecherische Exzesse das politische Kalkül nähren.
Wie anders ist zu verstehen, daß die politische Diskussion sich sogleich wieder der Ausweisungsfrage zuwendet, wenn Verbrecher zuschlagen? Mögen es gar ein paar hundert Vietnamesen sein, die kriminellen Tätigkeiten nachgehen. Welches Spiel treibt die Politik, wenn dies zum Anlaß genommen wird, die Ausweisung von 40 000 Vietnamesen erneut zur Sprache zu bringen? Erneut wird die Angst vor einem "Menschenschlag" geschürt, werden viele potentiell kriminalisiert, nur weil sie "dazugehören". Sie müssen nach Vietnam geschickt werden, hört man fordern. Als ob die Frage des Verbrechens damit gelöst wäre. Oder sollen auch all jene nach Vietnam geschickt werden, die durch Zigarettenkauf den Nährboden für "Mafiastrukturen" erst schaffen? Wieder drängt sich der Verdacht auf, daß Politiker Verbrechen zum Anlaß für die Lösung gesellschaftlicher Probleme nehmen, die mit diesen Verbrechen wenig zu tun haben. Wer dies tut, darf sich über den Verdacht nicht wundern, er handele selbst tendenziell verbrecherisch. Bald wird es wieder heißen: Geh' doch in den fernen Osten, wenn es dir bei uns nicht paßt. Der Boden für solche "Argumente" (und für die in ihrem Gefolge zu erwartenden Pöbeleien) wird heute bereitet.


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