Text-Nummer: 0032

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 2142
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Geschrieben am: 17.05.1996
Kürzel: Ker
Originaltitel: Chirac in London
Copyright: Ulrich Kerner
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Ulrich Kerner

Chirac in London

In den Augen mancher Beobachter ist die Todesverachtung, mit der Chirac britisches Rindfleisch zu sich nimmt, fast schon bewundernswert. Dabei enthüllt der Besuch des französischen Präsidenten in England in dieser Hinsicht kaum Neues. Ist doch seine Todesverachtung zumindest seit Amtsantritt und Wiederaufnahme der französischen Atomversuche bekannt. Schon als Pariser Bürgermeister war er an die Grenze gegangen: Wer sich an die rigorose Selbstverachtung erinnert, mit der er sich vor laufender Kamera, z.B. Christos Anliegen gegenüber, in Geschmacksfragen als perfekter Utilitarist entblößte, weiß es schon länger: Chirac schreckt vor keinem Manöver zurück, das seinen Ruf als Kostgänger des eigenen Images festigt.
In Deutschland sagt man, daß politische Repräsentanten gelegentlich in den sauren Apfel beißen müssen, um auf dem diplomatischen Bankett bestehen zu können. Für Chirac scheint es keine sauren Äpfel zu geben. Sein Lächeln ist von immer gleichbleibender Süße. Der Beobachter ahnt: So genießt sich selbst nur einer, der keine Nerven hat, somit auch keine Geschmacksnerven. Das macht ihn als Vertilger von Geschmacklosigkeiten für die Medien so interessant.
Andere Staatsoberhäupter werden die britische Speisekarte mit Interesse lesen und ihre Schlüsse daraus ziehen. Und man wird damit rechnen können, daß Chirac in Zukunft auch in Washington, Berlin und Moskau lächelt: Wenn Clinton ihm zu kalifornischem Champagner die offiziellen Forschungsergebnisse der Langzeitstudie überreicht, die nach den Atomversuchen der 50er Jahre an den Verstrahlten durchgeführt wurde; wenn Kohl ihm bei Cognac aus deutschen Landen die Salzstöcke in Gorleben anpreist; wenn Jelzin ihm endlich reinen russischen Wein über die Haltbarkeit des Sarkophags in Tschernobyl einschenkt. All dies wird Chirac mit derselben Todesverachtungschlucken, mit der er auch in London gezeigt hat: Was kann mir jetzt noch geschehen? Schließlich bin ich ja zum französischen Präsidenten gewählt worden, obwohl meine Gespräche mit Christo und Jeanne-Claude gesendet wurden. Und so manches politisch Unverdauliche mehr.


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