Hans Tennstedt
Historische Kinkelei
Der öffentliche Auftritt des Bundesaußenministers
bei der Nato-Tagung in Berlin gibt den denkwürdigen
Verlautbarungen, die sich durch den Stil der verbalen
Belanglosigkeit auszeichnen, Kontinuität. Mühsam
versucht Kinkel vor laufenden Kameras, Worthülsen
mit Bedeutung zu stopfen. Früher begannen gute
Reden manchmal mit einem Witz, um die Aufmerksamkeit
der Zuhörer zu gewinnen. Heute beginnen sie mit
der Anknüpfung an die letzte Verärgerung.
Man sieht es Kinkel an, daß er sich an die inzwischen
gängig gewordenen Regeln politischer Rhetorik
zu erinnern versucht. Man sieht, wie er im Fundus der
bei solchenen Gelegenheiten üblich gewordenen
Stereotypen kramt. Das Gerede vom historischen Ereignis
muß sein.
Aber die Floskel von der Historizität des x-beliebigen
politischen events als solchem beginnt mehr und mehr,
die Ereignisse selbst zu diskreditieren. Allmählich
macht das sich das Gespür breit, daß nicht
das drin ist, was draufsteht; daß das einzig
Historische am politischen Stil das ist, daß
er immer so weiter geht. Alle politischen Ereignisse
wirken inzwischen immer historischer, wie alle Waschmittel
immer sauberer waschen. Warum gönnen wir Politikern
nicht endlich dieselbe Erklärung wie der Werbung:
historischer als historisch geht nicht.
Wir schlagen vor, den Hinweis in politischen Verlautbarungen
auf die Tatsache, daß ein politisches Ereignis
ein historisches sei, in die Lehrbücher der Rhethorik
aufzunehmen. Damit wird aus Kinkels Verlautbarung zur
Nato-Tagung ein historisches Ereignis. Wir schlagen
also vor, jene Form der attractio, mit der politische
statements seit der Rede des deutschen Außenministers
jetzt endgültig immer beginnen müssen, als
rhethorische Figur der Kinkelei zu benennen. Womit
die Nato-Tagung doch noch den Höhepunkt gefunden
hätte, den wir hiermit als nächste rhetorische
Festlegung androhen. Denn wir werden bei historischer
Gelegenheit, wenn es immer so weiter geht, vorschlagen,
die verbalen Sprünge von Gipfel zu Gipfel, von
Klimax zu Klimax, rhethorisch als klimakterielle Verkohlung
des politischen Klimas zu bezeichnen. Um endlich der
politisch-stilistischen Großwetterlage gerecht
zu werden, in der Politiker offenbar nach dem Donnerwetter
schreien, mit dem ihnen jemand Halt zuruft. Aber statt
es zu tun, bricht alle Welt in Gelächter aus.
Hysterisch, versteht sich.
(Wir geben zu, daß wir selbst den ersten Beleg
einer klimakteriellen Verkohlung bereitstellen wollten.
Pardon. Aber wer möchte nicht einmal ein historisches
Ereignis als historisches zur Sprache bringen, um sicher
zu gehen, daß das auch alle Welt hört. Aber
wir wollen den Leser nicht überfordern. Die Hohe
Schule verkohlender Kinkelei bedarf einiger Übung
und - wie jedes rhetorische Geschick - eines intensiven
Studiums. Nehme man also den folgenden Satz des Außenministers
als erste Lektion: Eine Post-IFOR-Diskussion würde
den Druck wegnehmen, jetzt das Dayton-Abkommen zivil
zu implementieren.)