Text-Nummer: 0045

Schaltung am: 05.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 2990
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Geschrieben am: 04.06.1996
Kürzel: HT
Originaltitel: Historische Kinkelei
Copyright: Hans Tennstedt
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Diskussion/Leserbriefe:

Hans Tennstedt

Historische Kinkelei

Der öffentliche Auftritt des Bundesaußenministers bei der Nato-Tagung in Berlin gibt den denkwürdigen Verlautbarungen, die sich durch den Stil der verbalen Belanglosigkeit auszeichnen, Kontinuität. Mühsam versucht Kinkel vor laufenden Kameras, Worthülsen mit Bedeutung zu stopfen. Früher begannen gute Reden manchmal mit einem Witz, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu gewinnen. Heute beginnen sie mit der Anknüpfung an die letzte Verärgerung. Man sieht es Kinkel an, daß er sich an die inzwischen gängig gewordenen Regeln politischer Rhetorik zu erinnern versucht. Man sieht, wie er im Fundus der bei solchenen Gelegenheiten üblich gewordenen Stereotypen kramt. Das Gerede vom historischen Ereignis muß sein.
Aber die Floskel von der Historizität des x-beliebigen politischen events als solchem beginnt mehr und mehr, die Ereignisse selbst zu diskreditieren. Allmählich macht das sich das Gespür breit, daß nicht das drin ist, was draufsteht; daß das einzig Historische am politischen Stil das ist, daß er immer so weiter geht. Alle politischen Ereignisse wirken inzwischen immer historischer, wie alle Waschmittel immer sauberer waschen. Warum gönnen wir Politikern nicht endlich dieselbe Erklärung wie der Werbung: historischer als historisch geht nicht.
Wir schlagen vor, den Hinweis in politischen Verlautbarungen auf die Tatsache, daß ein politisches Ereignis ein historisches sei, in die Lehrbücher der Rhethorik aufzunehmen. Damit wird aus Kinkels Verlautbarung zur Nato-Tagung ein historisches Ereignis. Wir schlagen also vor, jene Form der attractio, mit der politische statements seit der Rede des deutschen Außenministers jetzt endgültig immer beginnen müssen, als rhethorische Figur der Kinkelei zu benennen. Womit die Nato-Tagung doch noch den Höhepunkt gefunden hätte, den wir hiermit als nächste rhetorische Festlegung androhen. Denn wir werden bei historischer Gelegenheit, wenn es immer so weiter geht, vorschlagen, die verbalen Sprünge von Gipfel zu Gipfel, von Klimax zu Klimax, rhethorisch als klimakterielle Verkohlung des politischen Klimas zu bezeichnen. Um endlich der politisch-stilistischen Großwetterlage gerecht zu werden, in der Politiker offenbar nach dem Donnerwetter schreien, mit dem ihnen jemand Halt zuruft. Aber statt es zu tun, bricht alle Welt in Gelächter aus. Hysterisch, versteht sich.
(Wir geben zu, daß wir selbst den ersten Beleg einer klimakteriellen Verkohlung bereitstellen wollten. Pardon. Aber wer möchte nicht einmal ein historisches Ereignis als historisches zur Sprache bringen, um sicher zu gehen, daß das auch alle Welt hört. Aber wir wollen den Leser nicht überfordern. Die Hohe Schule verkohlender Kinkelei bedarf einiger Übung und - wie jedes rhetorische Geschick - eines intensiven Studiums. Nehme man also den folgenden Satz des Außenministers als erste Lektion: Eine Post-IFOR-Diskussion würde den Druck wegnehmen, jetzt das Dayton-Abkommen zivil zu implementieren.)


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