Text-Nummer: 0050

Schaltung am: 10.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 2519
Verfasser(in): Lutz Meiser
Geschrieben am: 10.06.1996
Kürzel: Mei
Originaltitel: Hi(gh) Qualm
Copyright: Lutz Meiser
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Lutz Meiser

Hi(gh) Qualm

Der amerikanische Zigarettenkonzern Reynolds wundert sich darüber, daß die militanten Nichtraucher in den USA auch Front gegen die neueste Zigarettenmarke des Hauses machen. Militanz aus Prinzip?
Wer sich darüber wundert, daß auch eine Zigarette wie "Hi.Q" auf prinzipielle Ablehnung stößt, der hat von dem anhaltend schwelenden Kampf gegen das Rauchen ebensowenig begriffen wie von der Lust des Qualmens. Wie kann man überhaupt glauben, die Entwicklung einer Zigarette wie "Hi.Q" könne den Zigarettenmarkt revolutionieren? Als könne ein kleines Stückchen mit Nikotin angereicherten und von Isoliermasse umgebenen Kohlenstoffs am Stengel, der nichts als heiße Luft produziert, die Vernichtung eines Objektes wie der Zigarette simulieren? Darauf fallen weder Raucher herein, noch deren Feinde.
Reynolds hat die falschen Berater. Sagt diesem Konzern denn niemand, daß die Gruppe der taktil Süchtigen - also derer, die ihren Genuß beim Befingern eines Stäbchens finden - im Verhältnis zu den oral Süchtigen, bei denen es um die Stimulierung anderer erogener Zonen geht, verschwindend gering ist? Die neue Marke muß ein Flop sein.
Und wenn die Pressesprecherin von Reynolds sich über die militanten Nichtraucher beschwert, so hat sie auch von deren Genuß nichts begriffen. Alle Welt wundert sich über die "prinzipielle" Ablehnung Rauchern gegenüber. Da greift einer zur Zigarette, in einem Straßencafé, zwischen dessen Tischen die Autoabgase nur so wabern. Und er wird wegen seines Rauchens angemacht. Was also ist der Genuß militanter Anti-Raucher? Wir lassen das zunächst als Preisfrage offen. Doch wie bei jeder Preisfrage gibt es eine kleine Hilfestellung: Könnte es sein, daß militante Nichtraucher es einfach nicht ertragen können, anderen bei der offensichtlichen Befriedigung zuzuschauen, die sie beim Frönen ihrer Lust finden? Manchem fällt nichts schwerer, als den anderen ihren Genuß zu lassen. Vielleicht wirft das auch ein etwas anderes Licht auf puritanistische Tendenzen, die die USA der Gegenwart prägen. Wer öffentlich seine Perversion praktiziert (denn das Rauchen ist eine solche), der gehört in den USA inzwischen genausowenig ins Straßenbild wie ein Exhibitionist. Was aber ist mit all jenen Voyeuren, die nur darauf warten, einer Perversion angesichtig zu werden? Wenn die Entwicklung in den USA so weitergeht, sind sie bald arm dran. Sie werden sich dann das nächste Opfer suchen müssen. Wie wäre es mit all denen, die in Straßencafés hemmungslos das Beobachten genießen?


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