Text-Nummer: 0061

Schaltung am: 26.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 1580
Verfasser(in): Urs Köhnen
Geschrieben am: 25.06.1996
Kürzel: köh
Originaltitel: Gesichtsverlust verhindern?
Copyright: Urs Köhnen
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Urs Köhnen

Gesichtsverlust verhindert?

Das öffentliche Säbelrasseln in der deutsch-chinesischen Auseinandersetzung über die Haltung gegenüber tibetischen "Sonderinteressen" findet an einer Schamgrenze statt: Es ist die Grenze, an der diplomatische Kotaus und gehobene Zeigefinger zu einer Unverschämtheit gegenüber mündigen Bürgern werden. Niemand nimmt die Vorgänge offenbar ernst. Der deutsche Botschafter in China gibt eindeutig zu verstehen, daß Chinas Politiker eigentlich gute Beziehungen wünschen, aber im Falle Tibet gar nicht anders können. Der Bundesverband der Deutschen Industrie setzt selbstbewußt darauf, daß es sich hier um Theaterdonner handelt. Geht es nur um die hohe Kunst, sich selbst vor einem Gesichtsverlust zu bewahren?
Abgesehen davon, daß es immer noch um das Selbstbestimmungsrecht eines annektierten Landes und seiner Bevölkerung geht, zeigt die allerorten zur Schau getragene Gelassenheit in der "Chefsache" China, daß hinter den Kulissen alles seinen geregelten Gang geht. Es ist ganz einfach: China hat ein Interesse an der deutschen Wirtschaft und die deutsche Wirtschaft hat ein Interesse an China. In Bezug darauf liegt Tibet letztlich im Himalaya, und dieses Wissen spiegelt sich in den Gesichtern chinesischer Politiker nicht weniger wider, als in denen ihrer deutschen Handelspartner. Wenn also die Zornesmasken gefallen sein werden, wird sich zeigen, daß niemand sein Gesicht verloren hat. Es sei denn der mündige Bürger, der glaubte, daß eine politische Drohgebärde irgendeine andere Bedeutung hatte als zu zeigen, daß man der Grimasse mächtig ist.


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