Werner Sinkel
Bonn - Berlin, einfach
Was sich zur Zeit bei der Vorbereitung des Regierungsumzuges
nach Berlin zuträgt, ist bemerkenswert. Immer
wenn es um die eigenen Interessen geht, entwickeln
Politiker eine Phantasie, die man ihnen kaum zutraut,
bedenkt man die Fülle der schlechten Konzepte,
mit denen Mangel und Krise verwaltet werden. Blickt
man aber auf Pläne zur Wahrung ihrer eigenen Lebensqualität,
so kann man nur staunen: Alle Achtung, da wissen Leute,
wie Besitzstand an Privilegien gewahrt wird.
Gemeint ist nicht in erster Linie die jüngste Initiative
von Abgeordneten der SPD und der Grünen, den Umzug
erneut zu verschieben. Obwohl es argwöhnisch stimmt,
daß der vorgeschlagene Zeitraum etwa die Länge
einer Legislaturperiode hat ... Da mag mancher doch
auf den Gedanken kommen, daß auch diese Abgeordneten
Nordrhein-Westfalen lieben, die Beschaulichkeit des
Bonner Ambientes schätzen und deshalb kalkulieren:
Wer weiß, was nach der übernächsten
Wahl ist, aber bis dahin möchten wir noch nah
dran sein, wenn viel Wasser den Rhein runterfließt.
Irgendwie mag man ihnen - bei all den Streitereien
um den Umzug - nicht so recht abnehmen, daß sie
sich in erster Linie Gedanken über Kosten machen
und nur im Sinn haben, wie das Geld besser verwendet
werden kann. Mag sein, daß ihnen damit unrecht
getan wird. Aber glaubt wirklich jemand, daß
durch die Verzögerung des Umzuges Geld gespart
wird? Oder daß Einsparungen in einem Bereich
der Republik nicht Kosten in einem anderen produzieren?
Erinnert man sich an die Argumente der Umzugsgegener,
so entbehrt die Vermutung, daß hier einigen Abgeordneten
das Bonner Hemd näher sitzt als die Berliner Hose,
wohl nicht vollständig der Triftigkeit.
Das Staunen über die Selbstverständlichkeit,
mit der alte Privilegien in neue verwandelt werden,
betrifft die Mentalität, eine berufliche Notwendigkeit
bestechend zu machen. Denn was sich unter dem Stichwort
Relocation verbirgt - und offenbar einem neuen Dienstleistungszusammenhang
zur Blüte verhilft -, ist ein Anspruchsdenken,
das (bei weniger Sympathie mit jenen, denen angeblich
Entwurzelung droht) auch als schöne und scheinbar
unverdächtige Sumpfblüte der Korruption beschrieben
werden könnte. Schlicht: Wer glaubt wirklich,
daß es in Berlin und Brandenburg nicht qualifizierte
Leute gibt, um Arbeit zu leisten, die Bonner für
eine derartige Zumutung erachten, daß sie mit
vielen süßen Bonbons geködert werden
müssen, damit sie ihre Arbeit weiter erledigen?
Man tut so, als handele es sich bei den Umzüglern
in Gänze um Spitzenkräfte, die gebauchpinselt
werden müssen, damit sie bloß nicht dort
bleiben, wo sie sind. Ein "Dienstrechtliches Begleitgesetz"
muß her, das behördensprachlich verklausuliert
nichts anderes verankert, als die Institutionalisierung
der Selbstvergabe von Bakschisch. Merkt denn niemand,
daß in Zeiten der Diskussion über das Annehmen
von Bestechungsgeschenken die Politik auf dem besten
Wege ist, den Verzicht auf kleine Geschenke von Außen
durch Gratifikationen in Form durchaus nicht kleiner
Selbstgeschenke zu kompensieren? Ist es wirklich nötig,
jemanden dadurch zu motivieren, seine Arbeit zu machen,
daß man sein Anspruchdenken hofiert? Mann frage
andere Leute (und durchaus auch Beamte), die in der
Vergangenheit berufsbedingt versetzt wurden, was sie
vom "Dienstrechtlichen Begleitgesetz" halten.
Eben jene Politiker, die von Arbeitnehmern berufsbedingte
Mobilität fordern, erfahren nun am eigenen Leibe,
was das eigentlich ist. Und: Auch in dieser Hinsicht
ist Berlin nicht für den Preis einer Rückfahrtkarte
zu haben. Der Bund der Steuerzahler hat vollkommen
recht, wenn er fassungslos fragt, ob man den Bonnern
wirklich eine zweite Luftbrücke einrichten muß,
damit sie die bitter Medizin Berlin schlucken. Welcher
Gedanke steckt hinter der Phantasie, daß wöchentliche
Flüge "nach Hause" sein müssen?
Der Gedanke, daß Berlin als "Zuhause"
unzumutbar ist. Eine Zumutung für jene, die in
Berlin zuhause sind, sind aber steuerfreie Miethilfen
und die Übenahme von Wohnungsmaklergebühren.
Und welche Phantasien gibt es über Berliner Schulen,
daß man den Kindern der Umziehenden sogar den
offenbar unvermeidbaren Nachhilfeunterricht bezahlen
will? Hier wird der Berliner hilflos. Da werden die
Politiker ins gemachte Bett gelegt, wie die Spree in
ihr neues, und sie wollen auch noch, daß man
ihren ruhigen Schlaf garantiert. Sie werden mit Plänen
verkehrspolitisch unsinniger eigener U-Bahnlinien geködert,
aber sie wollen doch ihren eigenen Chauffeur. Wie wäre
es mit der Installation eine Hologramms, daß
den Rhein an die Stelle der Spree projiziert, damit
jeder sieht, wieviele Privilegien noch fließen
müssen, bis Beamte und Politiker schlicht das
tun, wofür sie bezahlt werden: ihre Hauptstadtarbeit.