Text-Nummer: 0071

Schaltung am: 04.07.1996
Rubrik(en): Politik, Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 6556
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Geschrieben am: 02.07.1996
Kürzel: HT
Originaltitel: Der Rest geht nicht auf.
Die Rechenexempel der Neuen Rechten
Copyright: Hans Tennstedt
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Hans Tennstedt

Der Rest geht nicht auf.

Die Rechenexempel der Neuen Rechten.

Es ist die Relativierungen des Werts von Pogromen und Greueltaten, Folter und Mord, Erniedrigung und Gnadenlosigkeit, Haß und Wut, Intoleranz und Arroganz, Idealisierung und Vernichtung die Parteigänger der sogenannten Neuen Rechten betreiben. Es ist das, was ihre Kritiker Verharmlosung nennen. Und es ist das, worauf die Diskussion von Historikern über Vergleichbarkeit und das Unvergleichliche letztlich zielt. Indem das Unvergleichliche, das Beispiellose, an Wert verliert, wird es vergleichbar. Und das heißt nichts anderes als: Es wird austauschbar.
Deshalb werden "Vorgänge" der "zwölf Jahre" (wie die Zeit des NS und seine Exzesse in Kreisen von Burschenschaften zum Beispiel gerne genannt werden) von Vordenkern der Neuen Rechten mit einer Währung verglichen, mit der eine Schuld beglichen werden soll, die in keinem Verhältnis zum Wert der Ereignisse selbst stehe. Deshalb rechnen Experten der Neuen Rechten gerne vor, daß die Rechnung nicht stimme. Und deshalb behaupten ihre Kritiker, daß sie vom Nachdenken nichts wissen wollen.
Zur Relativierung des Wertes dessen, was von und für die Zeit des NS zählt, gehört es, das Unvorstellbare berechenbar zu machen und das heißt: vorstellbar. Deshalb werfen die Buchhalter der Neuen Rechten den Archivaren der unzähligen Morde vor, "nicht bis drei zählen zu können". (Warum sagen Sie "bis drei"? Darauf wird zurückzukommen sein.) Sie sagen es selbst: "Die Vergasungen sind unvorstellbar; und deshalb können die Zahlen nicht stimmen." Das sagt aber nichts anderes, als daß die Logik der Vergleichbarkeit auf die Logik des Unvergleichlichen nicht anwendbar ist. Für das Unvergleichliche gibt es kein Äquivalent. Solches Nachdenken geht den Vordenkern der Neuen Rechten über den Horizont. Deshalb verwechseln sie Nachdenken mit Nachrechnen und deshalb kann ein Agitator wie Haider vor Ehemaligen des SS sagen: Wir mögen nicht den politischen Einfluß haben, der uns zusteht, zahlenmäßig mögen wir in der Minderheit sein, aber unsere Rechnung wird trotzdem aufgehen, denn wir verfügen über den wertvolleren Geist. Deshalb glauben die Neuen Rechten, ihnen solle dauernd ihre Verstrickung in Schulden vorgerechnet werden. Und deshalb haben sie Angst davor, man würde eines Tages fordern, sie sollten sie begleichen. Deshalb erschöpft sich die Rhetorik der Neuen Rechten in der Aufstellung einer ausgeglichenen Bilanz, mit der sie das drohende Jüngste Gericht abwehren wollen, das sie mit einer Steuerprüfung verwechseln.
Warum sprechen Agitatoren der Neuen Rechten dauernd von der Fälschung von Zahlen? Weil sie spüren, daß es einen Unterschied zwischen dem Zählbaren und den Unzähligen gibt. Sie können es sich nicht vorstellen, daß das Unvergleichliche, daß Zahllosen durch die Furie der Austilgung durch die Nazi-Schergen widerfuhr, nicht gegen etwas anderes verrechenbar ist: etwa die Austilgung von "deutschen" Soldaten durch den Krieg. Deshalb bemühen sich Redakteure der "Neuen Freiheit" um Verrechnungsargumente. Und sie nennen das "gerechte Erinnerung". Daß ihr Begriff von Gerechtigkeit einer der doppelten Buchführung ist, der das Unvergleichbare auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt, darf man ihnen nicht vorrechnen, denn sie werden das eine Fälschung nennen. Deshalb muß man es ihnen buchstabieren, vor allem aber jenen, die den Rechenexempeln der Neuen Rechten auf den Leim gehen.
Der Unterschied zwischen Aufrechnung des Unvergleichlichen in Variablen der Vergleichbarkeit und Buchstabierung des Unvergleichlichen als Aufspürung des Getilgten ist es, der den immer wieder geforderten Dialog zwischen der Neuen Rechten und ihren Kritikern absurd erscheinen läßt. Denn während für die Neuen Rechten die Spuren, die die Numerierungen von KZ-Gefangenen im Gedächtnis der Gegenwart hinterlassen haben, Variablen sind, mit denen sich die "Verluste an Deutschen" (!) aufrechnen lassen, gilt die Erinnerung anderer buchstäblich jenem unvorstellbaren Rest, der in solcher Rechnung nicht aufgeht. Es ist genau dieser Rest, der den Neuen Rechten nur als Nichts zählt. Und deshalb, genau deshalb stehen sie in der Tradition, der sie sich selbst zurechnen.
Der Rest, um den es in der Erinnerung immer nur buchstäblich gehen kann, bedürfte aber auch ihrer Alefbethisierung. Denn es bedürfte einer Teilhabe an Formen des Erinnerns, die mit jenen in Deutschland tendenziell ausgelöscht wurden, die sie auch als Eingedenken praktizierten. Es handelt sich um ein Eingedenken, daß weder dem Nachrechnen mancher rechter Vordenker, noch auch dem Nachdenken mancher ihrer Kritiker, die den Rechten den Rest vorzurechnen versuchen, vertraut ist. Es handelt sich zum Beispiel um ein Eingedenken, wie es Walter Benjamin jenen Historisten buchstabiert hat, die sich um Vergangenes bemühen, "wie es denn eigentlich gewesen ist". Solcherart aber läßt es sich nur durch Vergleiche gewinnen. Deshalb zählen die Neuen Rechten darauf, daß sich das Äquivalenzdenken durchsetzt. Und in der Tat durchsetzt es die Diskurse - bis hin zu den Berechnungen, die Erinnerungsleistungen zugrundegelegt werden sollen. Fast wäre das Denkmal für Benjamin in Port Bou an solchem Etatgebaren gescheitert. Für das Eingedenken ist es eine Frechheit, das Konzept eines Holocaust-Mahnmals in Berlin an eine Kalkulation seiner Baukosten zu knüpfen.
Das Selbstbewußtsein der Neuen Rechten rührt daher, daß sie spüren, auf dem rechten Weg zu sein. Denn auf dem rechten Weg ist man offenbar immer, wenn es bei der Begleichung einer Schuld um die Frage geht, ob die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt. Deshalb erscheint den Neuen Rechten jedes Eingedenken als maßlos; jedes Buchstabieren der Erinnerung in welcher Form auch immer als Ausdruck der Unzurechnungsfähigkeit; jede Gefahr, die Durchmischungen mit sich bringen, als Unberechenbarkeit; jede sprachliche Darstellung außerhalb ihres eigenen Kalküls als Addition von Äpfeln und Birnen; jede Zurechenbarkeit zum System der eigenen Gleichungen als Ausdruck des deutschen Geistes; jeder Hinweis auf den bleibenden Rest als gefälschte Rechnung. Jede Aufgabe, die in der Logik der Rechthaber nicht aufgeht, gilt als unwahr gestellte - und der Gedanke, warum sie vielleicht nur als falsch gestellt erscheint, als Abweichung. Deshalb gilt es, den neuen Rechten neue Aufgaben zu stellen. Zum Beispiel die Lösung der folgenden Gleichung:
Man kann auf die Erinnerung zählen, aber nicht damit rechnen. Man kann in der Erinnerung rechnen, aber nicht darauf zählen. Der Rest: Das Eingedenken, das zählt und sich doch nicht rechnet.


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