Text-Nummer: 0072

Schaltung am: 10.07.1996
Rubrik(en): Politik, Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 3605
Verfasser(in): Richard Binz
Geschrieben am: 09.07.1996
Kürzel: bi
Originaltitel: Innerer Glanz
Copyright: Richard Binz
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Diskussion/Leserbriefe:

Richard Binz

Innerer Glanz

Mit der Aufforderung, die Frage nach Studiengebühren nicht zu tabuieren, faßt Roman Herzog ein heißes Eisen an. Der Bundespräsident bleibt auch im Streit um die Reformen an deutschen Universitäten seiner Devise treu: Es kommt auf eine unverkrampfte und offene Auseinandersetzung an.
In der Tat gilt es, den nötigen Reformprozeß an deutschen Universitäten voranzutreiben. Allzusehr aber fixiert sich die Diskussion auf Quantitatives. Denn wie aussagekräftig sind Zahlenvergleiche: daß deutsche Hochschulabsolventen mit 28 bis 30 Jahren im europäischen Vergleich zu alt seien; daß 25 Prozent eines Altersjahrganges studieren; daß Studiengebühren im Ausland oft die Regel sind? Allzusehr wird Qualität der Ausbildung an Jugend, Zahl der Studierenden und Etatgrößen gekoppelt. Will man wirklich zu einer Diskussion darüber kommen, was Universitäten von innen heraus "Glanz" verleiht, wie es Herzog nennt, so gilt es den Stellenwert akademischer Ausbildung gesellschaftlich neu zu bestimmen. Allzusehr reagiert der Arbeitsmarkt auf akademische Titel und Würden, statt sich der Qualifikation Einzelner zu vergewissern. Solange das "Studierthaben" einen Wert an sich darstellt, darf man sich über hohe Studentenzahlen und lange Verweildauern nicht wundern. Und auch das hinter dem Plädoyer für Studiengebühren verborgene Konzept einer Elite der Wohlhabenderen vermag das Mißverhältnis zwischen universitärem Glanz und berufspraktischer Qualifikation nicht zu beheben. Im Gegenteil, solch monetär aufpolierter Glanz verstärkt den Schein, der sich mit akademischen Weihen verbindet. Das Umschlagen von Qualitäten in Quantitäten, das von allen Seiten bedauert wird, ist der Preis, den Gesellschaft für die tendenzielle Schaffung eines Ausbildungsmonopols zahlt. Nun werden die Effekte der Abschiebung von Verantwortung, wie man die Delegation von Ausbildung auch nennen kann, deutlich. Kaum Mentoren, die den Einzelfall prüfen; wenig Einrichtungen, die Arbeitsproben in der Praxis Vorrang geben; Beurteilung von Berufsanfängern aufgrund quantifizierter Leistung: dies zu kritisieren, klingt altmodisch. Doch die Dinge beginnen sich zu ändern: dann nämlich, wenn Eliten wieder nach Kriterien gebildet werden, bei denen der Glanz des Geldes den der Universitäten von "innen heraus" überstrahlt und monetäre Selektion zum Garanten für Qualität wird.
Man kann dies thematisieren, ohne Gegner von Studiengebühren zu sein. Denn die Akzeptanz quantifizierender Ausbildung hat auch etwas damit zu tun, daß es ein Anspruchsdenken gibt, das meint, gute Ausbildung sei wohlfeil zu haben, dürfe nichts kosten. Ausbildung, in der Qualität und nicht Quantität im Vordergrund steht, hat aber ihren Preis. Ohne der Generationenvertrag zu kündigen ist es möglich, Schüler und Studenten dies spüren zu lassen. Warum ist der Ausdruck: "Man läßt uns die gesellschaftlichen Verhältnisse spüren" negativ besetzt? Kann er nicht bedeuten, daß zumindest ein wenig, eine Spur Teilhabe an der Dienstleistung, die man erfährt, nicht von Nachteil sein muß? Vielleicht würde sich die inneruniversitäre Diskussion über die Qualität von Lehre verändern, wenn die Frage auftauchte, wofür man da eigentlich bezahlt. Hier muß es nicht darum gehen, Studenten über Gebühr zu "disziplinieren", wie manche argwöhnen - hier kann es auch darum gehen, ein Stück Mündigkeit zu gewinnen. Aber auch diese Frage zeigt, daß die Diskussion über die Reform der Universität an vielen Stellen anzusetzen hätte. Wie viele sind in der augenblicklichen Situation unverkrampft genug, Gründe zur Sprache zu bringen - und nicht nur Ansprüche.


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