Ulf Winckler
Erbeutete Kunstbeute
Wem gehört der "Priamos-Schatz"? Der
politische Streit nimmt an Schärfe zu. Gerade
hat die Ausstellung "Moskau-Berlin" - "Berlin-Moskau"
gezeigt, daß es andere Lösungen gibt, auch
wenn die Organisation dieser Ausstellung nicht frei
von Eigentumsfragen war. Wer würde aber ernsthaft
die Frage stellen: Wem gehört DADA?
Liegt es am Glanz des Goldes, daß Eigentumsverhältnisse
im Vordergrund der Auseinandersetzung um den "Schliemann-Schatz"
stehen? Oder an der Zeitspanne, die vergangen ist,
seit die Geschmeide aus Troja geschaffen (und auch
weggeschafft) wurden? Vielleicht liegt es aber auch
an der Frage, wer rechtmäßiger Eigentümer
von Herrscherinsignien ist, daß Kohl und Jelzin
persönlich verhandeln wollen. Der russische Wahlkampf
und auch das deutsche Kulturverständnis zeigen,
daß politische Repräsentanten sich gerne
im Glanz der Geschichte zeigen. Darauf darf kein Schatten
fallen. Genau die Schattenseiten einstiger Kunstbeutezüge
aber werden zur Zeit ausgeblendet. Nicht nur im Krieg
wurde Beute gemacht. Die Ausgrabungspolitik der Schliemannzeit
hat nicht viel nach Eigentumsverhältnissen gefragt.
Kunst aber und "Kulturprodukte" sind niemals
das Eigentum eines Einzelnen, eines Landes oder eines
Staates. Worüber verhandelt werden kann, das ist
der Besitz . Mehr nicht. Und es wird raffinierter diplomatischer
Drahtseilakte bedürfen, um zu rechtfertigen, warum
einer ein größeres Besitzrecht hat als der
andere. Vielleicht aber erbeutet Helmut Kohl den Priamos-Schatz
in Moskau dadurch, daß er ihn schlicht aufkauft.
Jelzin ist nicht in der Position, sich Stabilität
in den außenpolitischen Beziehungen nicht erkaufen
zu müssen. Vielleicht wird er deshalb "Verständnis"
für die deutsche Forderung haben. Nimmt der Priamos-Schatz
also im Rahmen des "Kulturaustausches" wieder
den Weg nach Deutschland, so wird sich eine alte Erfahrung
bewahrheiten: Bei der Aufhäufung von Schätzen
hat derjenige die besten Karten, der über die
größere Zahl politischer und wirtschaftlicher
Trümpfe verfügt. Deshalb wird die "Heimführung"
des Priamos-Schatzes nach Deutschland irgendwann ein
Triumphzug sein. Das Schicksal von Herrscherinsignien
eben: letztlich nichts anderes sein zu können,
als Beutekunst.