Text-Nummer: 0081

Schaltung am: 17.07.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 1919
Verfasser(in): Lutz Meiser
Geschrieben am: 17.07.1996
Kürzel: Mei
Originaltitel: Politische Reduktion
Copyright: Lutz Meiser
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Lutz Meiser

Politische Reduktion

Auch minimal art stammt aus Amerika. Doch während die Arbeit Donald Judds mit den urbanen Experimenten in Marva auch wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Akzente setzt, erweist sich die "große Politik" in den USA erneut weniger als minimalistisch denn als reduktionistisch. Clintons Gespür für das, was die meisten Amerikaner bewegt, charakterisiert ihn im Wahlkampf um die Präsidentschaft in der Tat als den besseren Pragmatiker. Insofern ist das Auftreten seines republikanischen Herausforderers irritierend und es stellt sich die Frage, ob er das Amt eigentlich wirklich will. Wer öffentlich äußert, daß Tabakgenuß nicht süchtig mache, muß eigentlich wissen, daß er damit eine empfindliche Stelle des amerikanischen Genießens trifft. Dieses zieht seine Dynamik zur Zeit daraus, gegen die Süchte der Menschen Front zu machen - es sei denn die Sucht nach einem gesunden und sportiven Körper. Und hier hat Clinton offenbar die besseren Karten. Daß er inzwischen mit 15 bis 24 Prozentpunkten vor Dole führt ist direkt proportional zu den reduzierten Idealen des augenblicklichen american way of life . Politischer Reduktionismus reagiert darauf, daß sich die Masse der Wähler über immer weniger und immer greifbarere Ideale und Anti-Ideale verbindet. Ein kleines Objekt wie die Zigarette vermag hier mehr zu bewegen, als gesellschaftliche Orientierungen, die nicht über eine einzigen kleinen Gestus abbildbar sind. Wer Donald Judds Arbeit erinnert, der wird den Abstand ermessen, der sich zwischen formaler Durcharbeitung und Kreativität einerseits und der Ausbeutung des Massengeschmacks andererseits findet. Dieser setzt in den USA zur Zeit auf frische Luft und wenn diese aus dem Wind des Reduktionismus einen Hurricane macht, dann bleiben die Ohren von demokratischen und republikanischen Wählern gleichermaßen auf Durchzug gestellt: keine Chance für politische Argumente.


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