Ulrich Kerner
Geschichte als Knalleffekt - Das Fanal des 20. Juli 1944 und seine Schatten
Die Richtung, die das Gedenken an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in diesem Jahr einschlägt, ist bezeichnend für die beharrliche Weigerung, sich mit Hintergründen auseinanderzusetzen. Nicht nur die Gedenkreden stellen das Attentat Stauffenbergs auf Hitler in den Vordergrund, auch die Diskussion der Historiker bewegt sich, wie es Peter Steinbach, der wissenschaftliche Leiter der Berliner Widerstands-Gedenkstätte zu Recht formuliert, auf Talkshowniveau. Bei solchen Gesprächsrunden werden statements zu events abgegeben, Rede und Gegenrede bedienen den Wunsch nach sichtbarem Schlagabtausch, Antworten ignorieren die Fragen, Nachdenklichkeit muß unterbrochen und niedergeredet werden und je prominenter der Sprechende, desto größer der Beifall für jede geäußerte Belanglosigkeit. Was vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus geblieben ist und für die Öffentlichkeit als Erinnerungswürdig angesehen wird, ist das Spektakuläre: das Attentat Stauffenbergs als solches. Solche Focussierung des Interesses auf eine Tat verwischt nicht nur die Geschichte des Widerstandes in all seinen Formen, sondern auch die Konturen des Attentats. Und zwar gerade dadurch, daß die vordergründige Frage nach Ablauf und Mißlingen das Interesse auf sich zieht. In solch dürrem und ausgetrocknetem "Zeit"-Geist kommt offenbar das Buch eines Berliner Diplomsoziologen gerade recht, das sich dem gescheiterten Attentat des 20. Juli 1944 widmet. Welche Dürftigkeit des Interesses hat der jahrzehntelange Verzicht auf ein Gedenken, das diesen Namen verdient, hervorgebracht, daß ein "Zeit"-Autor anregen kann, man möge die Untersuchungsergebnisse des Diplomsoziologen diskutieren und die Indizien auf ihre Haltbarkeit prüfen. Wo das Gedenken Drehbücher für Tatortkrimis fordert, da ist verständlich, daß mancher meint, ein neuer "Historikerstreit" stehe vor der Tür: Darüber, ob die Bombe, von Hitler aus gesehen am rechten äußeren Tischbock explodierend, für einen tödlichen Anschlag nicht in einer ungünstigen Position war. Geschichte als Knalleffekt - diese Auffassung entspricht dem Wunsch, daß Politiker bei einer Talkshow "historische" Bemerkungen machen ebenso wie dem nach einfachen politischen Lösungen: nämlich das Problem des Totatlitären und des politischen Verbrechens mit einem Schlag von Tisch wischen zu können. Es ist die fortschreitende Reduktion des Widerstandes von dem "der Besten" (Kohl), auf den "der Männer und Frauen des 20. Juli", den Stauffenbergs und schließlich den der Bombe, der all jenen Kritikern Recht gibt, die die Wahl des 20. Juli als Gedenktag für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus für fragwürdig halten. Bedarf es wirklich des Fanals, damit die gefährliche, stille, geduldige und ausdauernde Arbeit von Widerstandskämpfern in der Erinnerung bleibt? Oder ist nicht seine permanente politische und wissenschaftliche Erneuerung ein populistischer Beitrag dazu, viele in den Schatten zu stellen, an die man sich erinnern würde, hülfe das Fanal nicht dabei, Geschichte zu überblenden?