Uwe Müller
"Innertürkischer Konflikt"?
Wie immer man die Hungerstreiks - je nach politischem
Interesse - in türkischen Gefängnissen deuten
mag, einer breiteren Öffentlichkeit wird jetzt
bewußt, daß in ihnen vier bis sechstausend
Menschen inhaftiert sind - weil sie Kurden sind. Es
wird den türkischen Verantwortlichen immer schwerer
fallen, den vielen Internierten eines Volkes das Etikett
des reinen Terrorismus aufzukleben. Wenn das Sterben
weitergeht, dann wird auch der Zynismus nur schwer
zu halten sein, der den Hungertod als unverschämt-politischen,
gleichsam terroristischen Akt gegen die politische
Ordnung der Türkei bezeichnet. Eine breite Öffentlichkeit
beginnt zu begreifen, was Bundesinnenminister Kanther
offenbar immer noch nicht begriffen hat: daß
es sich eben nicht um einen "innertürkischen"
Konflikt handelt. Wer sich die Position türkischer
Hardliner zu eigen macht, die kurdische Identität
und Kultur austilgen wollen, bleibt selbst einer. Aber
diejenigen, die sich über die angebliche Luxussanierung
von Asylantenzähnen in Deutschland aufregen, werden
auch durch eine Zuspitzung des Konfliktes in der Türkei
nicht davon zu überzeugen sein, daß es Menschen
gibt, die einfach nur eines wollen: überleben.
Daß die Gefangenen in vorauseilendem Gehorsam
den ihren Feinden unterstellten Genozid an sich selbst
vollziehen, könnte auch als letzter Rest von Würde
interpretiert werden: den Unterdrückern zumindest
den letzten Triumph nicht zu überlassen. Daß
der türkische Justizminister Kazan mit dem Einsatz
von "Sicherheitskräften" in Gefängnissen
droht, ein weiterer Zynismus, zeigt: Die Hungerstreikenden
können nicht ganz unrecht haben.