Text-Nummer: 0099

Schaltung am: 31.07.1996
Rubrik(en): Kultur, Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 12613
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Geschrieben am: 31.07.1996
Kürzel: HT
Originaltitel: Der Geist des Terrorismus
oder: Kann man ihm auf den Leib rücken?
Copyright: Hans Tennstedt
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Hans Tennstedt

Der Geist des Terrorismus oder: Kann man ihm auf den Leib rücken?

Der Geist, der in den Festungen der Welt umgeht, ist der Geist des Terrorismus. Er erzeugt Schrecken. Er wird beschworen und bekämpft. Er soll ausgetrieben werden. Er stört die Lebenden und trifft nur in den seltensten Fällen auf Menschen, die sich fragen, warum er nicht zur Ruhe kommt. Nichts scheint ihn abwehren zu können: Er durchdringt die dicksten Bollwerke und überwindet Sicherheitsbarrieren, die "eigentlich kein Mensch überwinden kann". Auf geheimen Wegen taucht er überall auf und tritt als Fanal in Erscheinung. Er hält sich nicht an die Regeln, nicht einmal an die der Gespensterwelt, mit der Aberglauben den Geist zumindest etwas kontrollieren zu können meint: Man muß mit ihm rechnen, Tag und Nacht. Er hält sich schon gar nicht an die Gesetze und verhöhnt sie, gleichgültig ob sie auf Strafe oder Rache setzen: Menschen, die ihn verkörpern, setzen sich darüber hinweg, indem sie ihr Leben wegwerfen, einfach so. Der Geist des Terrorismus ist unfaßbar und entzieht sich dem Zugriff jeder Autorität: Journalisten sprechen von "hilflosem Exorzismus", wenn sie politische Strategien gegen den Terrorismus beschreiben. Manche fragen sich, ob es ihn überhaupt gibt. Andere meinen, ohne seine Wirksamkeit Ereignisse nicht erklären zu können.
Offenbar kann man dem Terrorismus nicht auf den Leib rücken, weil er keinen hat. Er ist wesentlich Geist, auch wenn dieser bisweilen Träger oder Erscheinungsformen findet. Nicht zufällig aber sind diese Erscheinungsformen zufällig und der Gestaltlosigkeit des Geistes selbst entsprechend: Feuer, Explosionen, Schüsse, die von irgendwo kommen, Steine die von irgendwo fliegen. Sie kommen meist aus dem Dunkeln, treten als Plötzlichkeit in Erscheinung und werden in der Regel nur durch die Spuren dokumentierbar, die sie in dem Festen hinterlassen, das sie zerreißen. Den Menschen, denen Gesellschaft zur zweiten Natur geworden ist, erscheint der Terrorismus als Ausbruch einer Naturgewalt, gegen den man sich zwar mehr schlecht als recht schützen, der aber nicht verhindert werden kann. Das Fanal wird zum Blitz, gegen den der richtige, flächendeckende Blitzableiter noch nicht gefunden wurde. Noch gibt es nicht die dem entsprechenden Wetterwarnungen, obwohl die Medien längst von politischen Großwetterlagen sprechen und Politiker sich auf G-7-Gipfel als Metereologen in Szene setzen, die glauben, sie könnten die Entladungen des terroristischen Geistes beeinflussen. Aber jeder weiß, daß er in bestimmten Ballungsräumen exponierte Stellen meiden muß, will er nicht riskieren, vom Blitz erschlagen zu werden. Man wundert sich darüber, daß die Menschen solchen Ereignissen schulterzuckend begegnen: Sie bewegen sich nicht vorsichtiger, als sie es tun, wenn es in den dunklen Wolken über ihnen grollt. Wie in Atlanta. Im Gegenteil. Es zieht sie an die besonderen Orte, an denen sie auf die Entladung von Fanalen lauern. Mit derselben geheimnisvollen Phaszination, mit der sie auf einer Hochebene trotz Gefahr die flüchtige Spur eines Blitzes erwarten. Sie spüren, daß die Wahrscheinlichkeit, getroffen zu werden, gering ist. Sie spüren, daß die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher ist, von anderen Erscheinungsformen des Geistes hinweggerafft zu werden, der sich, irgendwo im Dunkeln, auch zu dem des Terrorismus verdichtet. Sie spüren, daß in jedem Automobil etwas von diesem Geist steckt, der in einem Land Jahr für Jahr die Bevölkerung einer Stadt hinwegfegt. Und sie spüren, daß alle gerne mit dem Feuer spielen, in dem der Geist in Erscheinung tritt, sei es der "olympische", dessen Geist in gezügelter Form als Fackelstaffete ins Stadion getragen wird, sei es der "terroristische", der in die Bombe gesperrt wird, um schlagartig losgelassen zu werden. Die Rationalität will, daß der Mythos ihr diene. So soll der Geist gebändigt werden. Die Rationalität will, daß einzig jener Geist und Wille triumphiere, der von menschlicher Vernunft gebunden werden kann. Deshalb identifizieren sie den Geist mit der Vernunft und wollen seine Quellen austrocknen wie manchen Politiker die Geldquellen des Terrorismus. Der Geist des Terrorismus zeigt jenen, die nichts durch die Maschen des Sicherheitsnetzes schlüpfen lassen wollen, daß die Maschen niemals so eng geknüpft werden können, daß gerichtete Entladungen es nicht zerreißen könnten.
Warum aber entlädt sich der regellose Geist, im Fanal, in der Explosion, in der Zerstörung? Warum kann die offenbar notwendige Verausgabung des Zufalls nicht in konstruktive Erneuerung investiert werden, sondern muß als Destruktion in Erscheinung treten? Dies läßt sich erst beantworten, wenn erkannt wird, daß es ein Geist ist, der sich verwirklicht, gleichgültig ob sich bei der terroristischen Verausgabung um die eines einzelnen Ex-Polizisten handelt, der ein besonderes gesellschaftliches Ansehen gewinnen möchte; um die terroristischen Aktionen einer Gruppe, die das Netz ihrer Verbindlichkeit an die Stelle einer herrschenden setzen will; oder um die kriegerischen Aktivitäten eines Staates, der eine andere Gesellschaft zerschlagen muß, um eine ihm genehme zu befördern. Die Chaotisierung von Ordnung ist durch Sicherheitsvorkehrungen nicht zu vermeiden. Im Gegenteil: Je größer die Sicherheitsmaßnahmen, desto explosiver und punktueller die Verausgabung. Denn die Gewitter der zweiten, der gesellschaftlichen Natur werden gerichtet hervorgebracht.
Jeder Geist kommt erst dann zur Ruhe, wenn er sich zur Ordnung gerufen findet. Diese ist allerdings in den seltensten Fällen die Ordnung, die ruft, daß man sich ihrer Lösung der Abtötung des Lebens einzufügen habe. Eine Gesellschaft aber, die in Sicherheit und Ordnung erstarrt, ist die potentielle Struktur des Todes, in der sich nichts mehr regt, es sei denn in Form der unruhigen Geister, die erst dann aufhören zu laufen und sich zu verausgaben, wenn sie mit einer Medaille in den Götterhimmel erhoben wurden, und damit eine gesellschaftliche Position errungen haben, in der sie sich zur Ruhe setzen können. Erst wenn man begreift, daß der olympische Geist sich aus den selben Quellen speist wie der terroristische, wird man auch auf den Gipfeln der Politik aufhören können, Wolken zu schieben und sich den Niederungen des Geistes zuwenden, um die erneuernde Kraft seiner Verausgabungen zum Zuge - nicht zum Ausbruch - kommen zu lassen. Es sei denn, es bedarf der Blitzeinschläge, um die Position der Gipfelbewohner abzusichern. Aber die Anschläge in den und auf die Festungen eines Landes, das sich für unangreifbar hielt und allein im Besitz des richtigen Geistes, zeigen, daß solche Strategien trügerisch sind. Blitze holen Flugzeuge vom Himmel und durchschlagen Fundamente. Und sie werden auch Gipfel treffen, denn gegen den Ausbruch des Chaos gibt es keine Absicherung, wahrscheinlich selbst an Orten nicht, an denen sich Politiker im Ernstfall lebendig begraben wollen, in den Bunkern militärischer Festungen. Deshalb gilt es Strategien zu entwickeln, die das Zusammenspiel von Chaos und Ordnung produktiv machen und die Verausgabung des Geistes zulassen. Man hat versucht, die Naturgewalten zu kanalisieren und Ströme zu begradigen. Nun fegen sie hinweg, was sich gegen sie schützen wollte. Die Kanalisierungen des Geistes zweiter Natur werden dem nicht nachstehen. Noch staunen wir über die zivilisatorische Leistung der Arenen von Atlanta wie über einen riesigen Staudamm, dessen Gestalt den Dschungel vergessen macht, in dem anderer Geist das Leben beseelt. Eine einzige Bombe reicht, um diesem Schein ein Ende zu bereiten. Die Bombe von Atlanta hat den Staudamm nicht einmal angekratzt und die Explosion der TWA-Maschine war nichts anderes als ein weiterer Unfall beim Feuerwerk seiner Einweihung, der nur deshalb nicht akzeptiert werden kann, weil ein Saboteur am Werke war und nicht der in technische Rationalität gebundene Geist selbst, der sich explosiv befreite. Der Geist der Bombe aber schwebt immer über den Wassern und man hat sie, wie in Carpenters "Dark Star", längst Ontologie gelehrt, denn sie "verkörpert" den Geist des "Es werde Licht". Deshalb sind Veranstaltungen, wie eine der G-7-Gipfel zum Kampf gegen den Geist des internationalen Terrorismus darstellt, scheinheilig: solange, wie die Geist der Verausgabung im internationalen Militarismus auf Flaschen abgezogen wird, die auf eine unproduktive Entkorkung warten, in der die Menschheit die Feste ihrer Selbstzerstörung feiert - statt ihn in einem Feiern ohne Fest zum Zuge kommen zu lassen, daß sich als permanenter Prozeß der Erneuerung verwirklicht. Mit dem Geist des Terrorismus kommt eine Menschheit nicht zur Ruhe, weil sie Grabesruhe will. Die gefeierten Feste - wie die olympischen Spiele von Atlanta - sind nur ein fades Wetterleuchten dessen, was möglich wäre. Auch der letzte müde Zuschauer wird das mittlerweile am eigenen Leibe erfahren haben, denn die stellvertretende Verausgabung des Geistes wird niemals ersetzen können, was die Sportler am eigenen Leibe erfahren, bevor ihre Verausgabung vergoldet wird und sie zur Statue erstarren.
Deshalb gilt es nicht, die Geldquellen zur Verausgabung des Geistes auszutrocknen, sondern neue sprudeln zu lassen. Wer sich ausrechnet, was in die ordentliche Erfassung eines Blitzanschlages investiert wird (welche Kosten die Klärung der Frage erzeugt, ob die TWA-Maschine durch einen terroristischen oder einen technischen Blitz vom Himmel geholt wurde), der kann sich auch ausrechnen, was zur Befördung produktiver Verausgabungen in anderen als den offiziell geförderten Kanälen möglich wäre. Was eine offene Gesellschaft braucht, das sind weniger Bewohner des Olymps, gleichgültig auf welchem Gipfel. Was eine offene Gesellschaft braucht, daß sind aufmerksame Seismographen für geistige Verausgabungen, die Spuren anbieten, die andere sind als jene, die den jeweils auftauchenden Geist an die Merkmale von Rassismus, Fundamentalismus oder Kriminalität binden. Solange die Buchhalter der Fanale Spuren archivieren und deren Auftraggeber es dabei belassen, werden alternative Formen der Verausgabung keinen Zug haben. Denn "was zieht" ist nicht nur das, was die bestehende Verwaltung des Mangels für zugkräftig hält. Der Geist weht nicht, wo er will. In der zweiten Natur gesellschaftlicher Strukturen weht er dort, wo ihm Türen und Fenster geöffnet und Räume und Passagen geschaffen werden. Werden sie geschlossen oder verwehrt - nicht nur wie bei den olympischen Spielen, sondern vor allem in den Jahrzehnten, in denen Spielräume in Festungen verwandelt wurden -, so sprengt sich der Geist den Weg frei. Und es ist das Vakuum, das dann all die Züge aufsaugt, an die sich der Geist der Verausgabung heftet, und die in den Merkmalen des Rassismus und der Aggression Gestalt annehmen. Achtet eine Gesellschaft nicht darauf, welche Ideale sie setzt und wie sie mit der Setzung von Idealen umgeht, dann handelt sie sich den Geist ein, der nach neuen Idealen sucht. Setzt sie auf ideale Gestalten und Verkörperungen, dann wird der Geist getrieben, Gestalt anzunehmen, und die Verkörperungen zu zerstören, die den Raum einnehmen, den das eigene Ideal besetzen soll. Wenn, wie die Werbung es will, der Geist eines Sportlers vor allem in seinen Schuhen weiterlebt und wenn der Geist des Sportlers der Geist des Sports ist, und wenn der Sportsgeist das Ideal der Gesellschaft ist, und wenn der Name der Schuhe das Wort ist, das für alle Namen derer steht, die sie getragen haben, dann werden auch jene, die keinen Namen haben, das Wort ergreifen, und wenn sie es sich nicht leisten können, dann werden sie es sich nehmen, und wenn es sein muß mit Waffengewalt. So einfach ist das. Das Wundern darüber, daß jemand wegen eines Paares Schuhen umgebracht wird, ist kein zeitgemäßes. Und wenn das nicht geht, weil die Schuhe unerreichbar in einen Käfig gesperrt werden, dessen Gitter unter Strom stehen, dann werden sie das Gitter sprengen. Vielleicht auch den Schuh. Warum? Weil dessen Geist dann wieder frei wird.
Nun wird man sagen, daß aus all dem kein Schuh wird. Daß es immer Leute geben wird, die anderen ihre Schuhe vor die Tür stellen wollen. Daß es immer einige geben wird, die auf so großem Fuß leben wollen, daß ihnen kein Schuh paßt. Daß es immer einige geben wird, die sich blutige Füße holen wollen, egal welcher Schuh ihnen zur Verfügung gestellt wird. Ist das aber ein Grund dafür, sich nicht auf den Weg zu machen? Die Suggestion, man sei immer schon angekommen, wenn man nur den richtigen Schuh trägt, rechnet nicht mit dem Geist der Verausgabung. Denn der will laufen. Und wenn man ihm kein Ziel gibt, dann sucht er sich eines.


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