Hermann Althaus
Leerstellen
Die Schaffung von Lehrstellen für Auszubildende ist nicht allein eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Sie ist auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die die Wirtschaft mehr als nur am Rande berührt. Denn Verantwortliche, die heute darüber entscheiden, ob ihre Betriebe ausbilden oder nicht, ob ihre Unternehmen Ausbildungsplätze streichen oder nicht, müssen wissen, daß sie durch unterlassene Maßnahmen aktiv auf die Gesellschaft Einfluß nehmen. Denn mit jeder gestrichenen Lehrstelle produzieren sie eine Leerstelle. Dies bedeutet: Die berufliche und damit gesellschaftliche Orientierung von Jugendlichen darf und kann nicht staatlichen Stellen und Initiativen überlassen werden, die mit der Verwaltung des Mangels ohnehin überfordert sind. Wer auf gesellschaftliche Stabilität setzt, der spielt bei der Produktion von Leerstellen mit dem Feuer. Denn er erzeugt ein Vakuum, das sich mit Haltungen und Handlungen vollsaugt, die mangels beruflicher Orientierung und mehr noch: mangels einer Lebensorientierung der Jugendlichen nicht zur Stützung gesellschaftlicher Stabilität beitragen. Unternehmen, die die Ausbildung vernachlässigen, obwohl sie über die entsprechenden Möglichkeiten verfügen, handeln fahrlässig. Sie überlassen einen großen Prozentsatz junger Menschen bewußt jenen, die auf Orientierungslosigkeit spekulieren. Denn diese werden die geschaffenen Leerstellen mit jenem Einsatz, der verantwortungsbewußten Unternehmen eigentlich gebührt, zu besetzen trachten und sie mit Idealen stopfen, die vom Rassismus bis zum Haß auf "Besserverdienende" reichen. Im Poker um ein paar Mark Ausbildungsvergütung verspielen deutsche Unternehmen zur Zeit das Gewichtigste: die Bindungen an die Gesellschaft, die Arbeitsperspektiven fördern, und die Verbindlichkeit aller Beteiligten. Die Jugendlichen werden begreifen, daß sie den Unternehmen als Äquivalent zu "Peanuts" gelten. Und sie werden sich "Arbeit" suchen und Vermittler, von denen sie sich ernstgenommen fühlen. Leerstellen durchlöchern die Gesellschaft und verwandeln das soziale Netz in ein Sieb, durch das nicht wenige fallen, auch jene, die genug Energie und Kraft haben, um ein Leben lang zu arbeiten. Können sie dies nicht, dann werden sie nicht nur das Netz zerreißen. Sie werden ihre jugendliche Kraft auch auf Arten einsetzen, die eigentlich niemand wünschen kann, der sich Stabilität wünscht.