Lutz Meiser
Wind der Veränderung?
Der europäische Blickwinkel könnte irreführend sein: Die amerikanische Gesellschaft verändert sich. Europäer sehen fern. Sie sehen Leute, die vor dem Weißen Haus demonstrieren und Clinton auffordern, den Krieg gegen die Armen zu beenden. Es scheint, als ob eine neue Qualität der Rücksichtslosigkeit im amerikanischen way of life Platz greift. Vielleicht aber ist das nicht wahr. Vielleicht ist es eine landläufige Selbsttäuschung: weil das, was in den USA geschieht, eine Folge der unerschütterlichen Überzeugung ist, daß jeder seine Lebensbestimmung selbst schafft, für die Höhen und Tiefen des Lebens selbst verantwortlich ist. In Gottes eigenem Land scheint es deshalb unmöglich zu sein anzunehmen, daß irgendjemand einem Schicksal überlassen wird das nicht von seinen eigenen Fähigkeiten abhängt. Deshalb erhält Scientology Rückenwind. Deshalb scheint ein fester Glaube an individuellen Größenwahn jede unmögliche Mission möglich zu machen. Du kannst es, wenn du es nur wirklich willst: keine Entschuldigung möglich. Deshalb dringt Hollywood in die Politik ein und deshalb wird die Politik zu Hollywood. Sieh: Wir können jeden Außerirdischen schlagen und kein Wirbelsturm kann uns vom rechten Weg abbringen. Das macht Armut zu einem Charakterzug armseliger Kreaturen, die nicht um ihr Leben kämpfen wollen. Die Botschaft ist: Der Geist Amerikas, bereichert um eine Religion, die die Macht freisetzt, reich zu werden, ist selbst der Heilige Geist. Clinton and Dole mögen sich stürmisch in den Haaren liegen, aber jeder kann sehen, daß sie beide im selben Geist handeln. Sie fliegen mit Rückenwind. Es ist nicht der Wind der Veränderung, sondern der stetige Luftstrom religöser Bewegung, der Armut als geistigen Mangel bestimmt.