Text-Nummer: 0117

Schaltung am: 03.09.96
Rubrik(en): Wirtschaft, Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 10643
Verfasser(in): Hermann Althaus
Originaltitel: Die Zukunft der Leerstellenpolitik
Copyright: Hermann Althaus

Hermann Althaus

Die Zukunft der Leerstellenpolitik

Was beim "Lehrstellengipfel" von Bundesregierung und Industrie- und Handelskammer unter dem Strich herauskommt: eine Summe von Leerstellen. Der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, hatte sich einmal mehr als der Rechenkünstler zu betätigen, dem es obliegt, aus Verluststellen Hoffnungsquellen zu machen. Was die Öffentlichkeit als "Chefsache" verstehen soll, erscheint als Deutung von Zahlenspielen, als Quantifizierung eines Problems, dessen Qualität nur flüchtig gestreift wurde. Es zeigt sich, daß das Pflaster der "Chefsache" das Symptom "Leerstellenpolitik" nur zu verdecken, nicht zu beseitigen und schon gar nicht in seinen Ursachen zu erkunden vermag. Wenn Industrie und Politik die beschleunigte Erarbeitung neuer zukunftsfähiger Berufsbilder ankündigen, so ist dies ein erster Versuch, sich jenseits von Appellen und Schönrechnereien ernsthaft darauf einzulassen, was das Fehlen von Ausbildungsplätzen bedingt.
Was ist eine Lehrstelle? Es ist eine Stelle, auf der junge Leute einen Beruf erlernen, von dem angenommen wird, er ermögliche es ihnen, sich ein Leben lang nicht von der Stelle zu bewegen. Angesichts des rasanten Wechsels von Berufsbildern, selbst innerhalb einer Generation, ist ein solches Ausbildungskonzept hoffnungslos veraltet. Selbst Ausbildungsbetriebe, die in traditionellen wirtschaftlichen Sparten angesiedelt sind, zweifeln daran, ob der "goldene Boden" ihrer Tätigkeit sich in traditioneller Weise als tragfähig zeigen wird. Wenn man die scheinbare Trägheit von Unternehmen also ernstnimmt, nicht als Verweigerungshaltung, sondern als Erwartungshaltung versteht, und die kursierenden Leerstellen-Zahlen und -Statistiken nicht als Platzhalter einer fragwürdigen Unternehmensethik liest, sondern als Seismogramme eines ökonomischen Umbruchs neuer Qualität, dann eröffnen sich neue Horizonte.
In der nachindustriellen Gesellschaft werden sich die industriellen Berufe zu neuen Berufen verhalten, wie die Handwerksberufe zu Industrieberufen in der "Eisenzeit". Wer heute noch lernt, ein Werkstück zu feilen, bis die Späne fliegen (und in vergleichbarer Hinsicht qualitativ nicht wesentlich mehr), der ist einem Lehrling am mechanischen Webstuhl vergleichbar, der in solcher Arbeit eine Lebensperspektive sieht, während um ihn herum schon die Automaten surren. Handwerk und Industrieberufe werden auch weiter nötig sein. Nicht aber Lehrstellenkonzepte, deren Didaktik sich an Berufsbildern orientiert, die als zukünftig entwickelbare zu verausgaben auch Betrug an den Auszubildenden genannt werden kann. Man wird den Auszubildenden sagen müssen, worauf sie sich einlassen, wenn sie eine Lehrstelle in Unternehmensbereichen fordern, die zu schaffen heute als "Chefsache" bestimmt wird.
Es gilt, Politik und Wirtschaft anders in die Pflicht zu nehmen. Die Erkenntnis etwa des DIHT-Präsidenten Stihl, daß bereits in drei bis vier Jahren schon zehn Prozent der Lehrstellen in "Zukunftszweigen" wie der Medienbranche angeboten werden müssen, reicht nicht. Denn diese Lehrstellen werden mit anderen Ausbildungskonzepten angeboten werden müssen als die traditionellen. Dies erfordert grundlegende Änderungen in beiden Bereichen: im pädagogisch-schulischen Angebot des Staates und im berufsorientierten Angebot der Wirtschaft. Damit es in naher Zukunft nicht zu einer erzwungenen Leerstellenpolitik kommt, weil die entsprechend ausgebildeten Berufstätigen, die mit neuen Spielräumen umgehen können, fehlen, muß jetzt gehandelt werden. Genau in dieser Perspektive ist die Wirtschaft gefragt, genau hier müßte "Chefsache" werden, was der Trägheit curricularer Orientierungen nicht weiter überlassen bleiben darf.
Eine neue "konzertierte Aktion" ist erforderlich. Doch ihre Teilnehmer sollten aufgeschlossene Manager, kreative Unternehmensberater, innovative Pädagogen und Künstler aus der Tradition eines Joseph Beuys sein. Angesichts herrschender Trägheiten werden es dabei notwendigerweise die Unternehmen sein müssen, die neue Wege der Ausbildung beschreiten. Wie immer wird die Politik hier nachziehen, denn sie wird nicht tausende junger Menschen einer schulischen Pädagogik und beruflichen Ausbildung überlassen können, die deren Arbeitslosigkeit vorprogrammiert. Noch überdecken die besonderen wirtschaftlichen Entwicklungen, die durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten in Gang gesetzt wurden, einen sehr viel weiterführenden Umbruch. Noch kann die "Erblast" der DDR als Entschuldigung dafür dienen, auf traditionelle Weise fortzuschreiten. Dieses Fortschreiten entwickelt sich aber mehr und mehr zu einem fort von den neuen Desideraten. Es führt auf Abwege und jene, die arbeiten wollen, in die Irre. Soll unser Staat nicht weiter im Sturmschritt in den Bankrott marschieren, weil Arbeitslosengeld und Sozialhilfe das Kapital verschleudern, das die Industriegesellschaft akkumuliert hat, dann gilt es für die nachindustrielle Gesellschaft schleunigst an Strategien weiterzuarbeiten, deren zögernde Schritte in neuen berufsethischen Orientierungen der Unternehmenspolitik (z.B. bei Henkel) sichtbar werden.
Nicht die Zahlen Bernhard Jagodas sind es, die Hoffnung machen. Sondern Schulkonzepte, in denen Schüler lernen Verantwortung zu tragen - und einen Staubsauger zu bedienen, in denen sie Leerstellen zu berechnen lernen - und in eine künstlerische Lehre gehen, die sie auf den Witz neuer Berufe (und noch gar nicht vorstellbarer Berufe) der nächsten Zukunft vorbereitet. Hoffnung macht nicht die Tatsache, daß die Frage der "Lehrstellen" wieder einmal politisch auf den Gipfel getrieben wird, sondern daß sich Manager in die Niederungen der Kunst und Pädagogik begeben, um zukünftigen Pädagogen Orientierungen zu geben, von denen bestehende Curriculumskommissionen noch nicht einmal zu träumen wagen. Was sich hier schulisch und betrieblich zeigt, mag für manche an überkommenen humanistischen Bildungsidealen orientierte Politiker ebenso ein Alptraum sein, wie für technokratische Hardliner des Managements. Doch die Zeiten sind vorbei, in denen Menschen auf dem Prokrustesbett zurechtgestutzt werden müssen, damit sie in ihren Beruf passen. Die "Eisenzeit" neigt sich ihrem Ende zu und die Bildungs- und Ausbildungsschmieden werden bald zum alten Eisen gehören. Und denen wird das Lachen vergehen, die sich über Schulexperimente lustig machen, in denen Kinder und Lehrer Spielräume erhalten, die angeblich nicht auf den Ernst des Lebens vorbereiten.
Man wird begreifen, daß Curricula, die nach dem Bild des in der Industriegesellschaft zu akkumulierenden Kapitals vorrangig auf zu akkumulierendes Wissen setzen, genau so abwegig sind, wie jene Apparate des Präsidenten Schreber, der Schüler an die Pulte band, damit sie "sitzenblieben". Wer heute noch jemanden "sitzenbleiben" läßt, weil er neugierig auf und gierig nach neuen Spielräumen ist, statt sich Wissen über Verrichtungen und Abläufe eintrichtern zu lassen, das für die neuen Spielräumen in Betrieben, Firmen und Unternehmen kaum etwas taugt, steht in dieser Tradition. Die Geschichte von dem jungen Mädchen, das sich weigerte das immerhin vorhandene schulische Schweißgerät in einer Schule zur Anfertigung eines hübschen Fahrradmodells zu benutzen, spricht Bände. Auch, daß es eine Sechs bekam, weil es sich nicht einsichtig zeigte. Denn es verweigerte die Arbeit auch dann noch, als es auf die Frage: "... zu welchem Zweck?" die Antwort bekam: "Ist doch hübsch. Das kann man sich dann ins Regal stellen." Solche Skurrilitäten pädagogischer Motivation versuchen die Eisenzeit in die Zeit des Edelschrotts hinüberzuretten und verwechseln eine Erkundung neuer Spielräume mit jenem Basteln, das junge Menschen auf die Beschäftigungstherapien der Arbeitslosigkeit vorbereitet - nicht auf neue Herausforderungen.
Wenn wir also unterstellen, daß es genau um diese geht, wenn die Unternehmen eine unbequeme Leerstellenpolitik betreiben, so gilt es, die Struktur dieser neuen Herausforderungen zu erkunden und in eine - schulische und betriebliche - Didaktik zu verwandeln und dieser Spielraum zu geben. Unternehmensberatung heute kann nicht bei Geschäftsprozeßanalysen stehenbleiben, auch nicht bei Optimierungen und bei Mitarbeitermotivierung. Sie hat die Frage der den neuen Herausforderungen angemessenen Ausbildung einzubeziehen. Sie darf die berufsethische Auseinandersetzung nicht scheuen. Und Politiker sind schlecht beraten, wenn sie weiter auf den traditionellen Gleisen der schulpolitischen Verwaltung des Motivationsmangels dahingleiten und all die Weichen ignorieren, die längst vorhanden sind. Gebraucht werden Weichensteller und Schwellenleger, wird eine grundsätzliche Richtungsänderung und die Schaffung von Zwischenräumen, die die Vielfalt zukünftiger Arbeit in Unternehmen und Betrieben antizipieren. Gebraucht werden Crews und Teams kreativer Spielraumgestalter die beruflich Netzwerke erkunden, keine Kladdenfuchser, die die Wiederkehr des Immergleichen für Kultur halten und die Mentalität der Uniformität, nach der wir doch alle an einem Strang (vor allem dem des Wissens) ziehen müssen, für ein pädagogisches Ideal. Gebraucht werden schlicht Leute, die das sich entwickelnde know how der nachindustriellen Gesellschaft in ein pädagogisches savoir faire verwandeln können, an dem teilzuhaben und dessen sich zu vergewissern etwas anderes ist, als dem Berufsbild eines Gartenzwerges in jenen Schrebergärten nachzujagen, deren Gärtner in die Pflicht zu nehmen heute "Chefsache" genannt wird: dem Berufsbild desssen also, der sich nicht von der Stelle rührt, hübsch aussieht, wenn er sein Werkzeug zu halten versteht, schön in eine Landschaft paßt, in der man sich aufhält, wenn es nichts zu tun gibt, und die Zeit totschlägt, während anderswo die Subventionen erwirtschaftet werden, dank derer diese Gärtchen überhaupt nur erhalten werden können. Daß man auf die Frage nach dem Berufswunsch, die an Jugendliche heute immerhin manchmal gestellt wird, immer öfter die Antwort "Rentner" erhält, liegt nicht in der Mentalität von Aussteigern begründet. Sie ist eine unmittelbare Konsequenz von Ausbildungskonzepten, bei denen für viele Ausgebildete schon nach Abschluß ihrer Ausbildung immer öfter kaum eine andere Perspektive bleibt, weil es den Beruf, den sie erlernt haben, nur noch in immer kleiner werdenden Idyllen der Industriegesellschaft gibt. Das Plädoyer für mehr Mut zur Selbständigkeit wirkt angesichts der herrschenden Vorbereitung darauf als Hohn. Pädagogische Pleiten reproduzieren sich gesellchaftlich immer noch als wirtschaftliche. Und das wird wohl auch so bleiben, bis der traditionelle Ausbildungsbetrieb aufhört, Konkursverschleppung zu betreiben.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]