Hermann Althaus
Die Zukunft der Leerstellenpolitik
Was beim "Lehrstellengipfel" von Bundesregierung
und Industrie- und Handelskammer unter dem Strich herauskommt:
eine Summe von Leerstellen. Der Präsident der
Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, hatte
sich einmal mehr als der Rechenkünstler zu betätigen,
dem es obliegt, aus Verluststellen Hoffnungsquellen
zu machen. Was die Öffentlichkeit als "Chefsache"
verstehen soll, erscheint als Deutung von Zahlenspielen,
als Quantifizierung eines Problems, dessen Qualität
nur flüchtig gestreift wurde. Es zeigt sich, daß
das Pflaster der "Chefsache" das Symptom
"Leerstellenpolitik" nur zu verdecken, nicht
zu beseitigen und schon gar nicht in seinen Ursachen
zu erkunden vermag. Wenn Industrie und Politik die
beschleunigte Erarbeitung neuer zukunftsfähiger
Berufsbilder ankündigen, so ist dies ein erster
Versuch, sich jenseits von Appellen und Schönrechnereien
ernsthaft darauf einzulassen, was das Fehlen von Ausbildungsplätzen
bedingt.
Was ist eine Lehrstelle? Es ist eine Stelle, auf der
junge Leute einen Beruf erlernen, von dem angenommen
wird, er ermögliche es ihnen, sich ein Leben lang
nicht von der Stelle zu bewegen. Angesichts des rasanten
Wechsels von Berufsbildern, selbst innerhalb einer
Generation, ist ein solches Ausbildungskonzept hoffnungslos
veraltet. Selbst Ausbildungsbetriebe, die in traditionellen
wirtschaftlichen Sparten angesiedelt sind, zweifeln
daran, ob der "goldene Boden" ihrer Tätigkeit
sich in traditioneller Weise als tragfähig zeigen
wird. Wenn man die scheinbare Trägheit von Unternehmen
also ernstnimmt, nicht als Verweigerungshaltung, sondern
als Erwartungshaltung versteht, und die kursierenden
Leerstellen-Zahlen und -Statistiken nicht als Platzhalter
einer fragwürdigen Unternehmensethik liest, sondern
als Seismogramme eines ökonomischen Umbruchs neuer
Qualität, dann eröffnen sich neue Horizonte.
In der nachindustriellen Gesellschaft werden sich die
industriellen Berufe zu neuen Berufen verhalten, wie
die Handwerksberufe zu Industrieberufen in der "Eisenzeit".
Wer heute noch lernt, ein Werkstück zu feilen,
bis die Späne fliegen (und in vergleichbarer Hinsicht
qualitativ nicht wesentlich mehr), der ist einem Lehrling
am mechanischen Webstuhl vergleichbar, der in solcher
Arbeit eine Lebensperspektive sieht, während um
ihn herum schon die Automaten surren. Handwerk und
Industrieberufe werden auch weiter nötig sein.
Nicht aber Lehrstellenkonzepte, deren Didaktik sich
an Berufsbildern orientiert, die als zukünftig
entwickelbare zu verausgaben auch Betrug an den Auszubildenden
genannt werden kann. Man wird den Auszubildenden sagen
müssen, worauf sie sich einlassen, wenn sie eine
Lehrstelle in Unternehmensbereichen fordern, die zu
schaffen heute als "Chefsache" bestimmt wird.
Es gilt, Politik und Wirtschaft anders in die Pflicht
zu nehmen. Die Erkenntnis etwa des DIHT-Präsidenten
Stihl, daß bereits in drei bis vier Jahren schon
zehn Prozent der Lehrstellen in "Zukunftszweigen"
wie der Medienbranche angeboten werden müssen,
reicht nicht. Denn diese Lehrstellen werden mit anderen
Ausbildungskonzepten angeboten werden müssen als
die traditionellen. Dies erfordert grundlegende Änderungen
in beiden Bereichen: im pädagogisch-schulischen
Angebot des Staates und im berufsorientierten Angebot
der Wirtschaft. Damit es in naher Zukunft nicht zu
einer erzwungenen Leerstellenpolitik kommt, weil die
entsprechend ausgebildeten Berufstätigen, die
mit neuen Spielräumen umgehen können, fehlen,
muß jetzt gehandelt werden. Genau in dieser Perspektive
ist die Wirtschaft gefragt, genau hier müßte
"Chefsache" werden, was der Trägheit
curricularer Orientierungen nicht weiter überlassen
bleiben darf.
Eine neue "konzertierte Aktion" ist erforderlich.
Doch ihre Teilnehmer sollten aufgeschlossene Manager,
kreative Unternehmensberater, innovative Pädagogen
und Künstler aus der Tradition eines Joseph Beuys
sein. Angesichts herrschender Trägheiten werden
es dabei notwendigerweise die Unternehmen sein müssen,
die neue Wege der Ausbildung beschreiten. Wie immer
wird die Politik hier nachziehen, denn sie wird nicht
tausende junger Menschen einer schulischen Pädagogik
und beruflichen Ausbildung überlassen können,
die deren Arbeitslosigkeit vorprogrammiert. Noch überdecken
die besonderen wirtschaftlichen Entwicklungen, die
durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten
in Gang gesetzt wurden, einen sehr viel weiterführenden
Umbruch. Noch kann die "Erblast" der DDR
als Entschuldigung dafür dienen, auf traditionelle
Weise fortzuschreiten. Dieses Fortschreiten entwickelt
sich aber mehr und mehr zu einem fort von den neuen
Desideraten. Es führt auf Abwege und jene, die
arbeiten wollen, in die Irre. Soll unser Staat nicht
weiter im Sturmschritt in den Bankrott marschieren,
weil Arbeitslosengeld und Sozialhilfe das Kapital verschleudern,
das die Industriegesellschaft akkumuliert hat, dann
gilt es für die nachindustrielle Gesellschaft
schleunigst an Strategien weiterzuarbeiten, deren zögernde
Schritte in neuen berufsethischen Orientierungen der
Unternehmenspolitik (z.B. bei Henkel) sichtbar werden.
Nicht die Zahlen Bernhard Jagodas sind es, die Hoffnung
machen. Sondern Schulkonzepte, in denen Schüler
lernen Verantwortung zu tragen - und einen Staubsauger
zu bedienen, in denen sie Leerstellen zu berechnen
lernen - und in eine künstlerische Lehre gehen,
die sie auf den Witz neuer Berufe (und noch gar nicht
vorstellbarer Berufe) der nächsten Zukunft vorbereitet.
Hoffnung macht nicht die Tatsache, daß die Frage
der "Lehrstellen" wieder einmal politisch
auf den Gipfel getrieben wird, sondern daß sich
Manager in die Niederungen der Kunst und Pädagogik
begeben, um zukünftigen Pädagogen Orientierungen
zu geben, von denen bestehende Curriculumskommissionen
noch nicht einmal zu träumen wagen. Was sich hier
schulisch und betrieblich zeigt, mag für manche
an überkommenen humanistischen Bildungsidealen
orientierte Politiker ebenso ein Alptraum sein, wie
für technokratische Hardliner des Managements.
Doch die Zeiten sind vorbei, in denen Menschen auf
dem Prokrustesbett zurechtgestutzt werden müssen,
damit sie in ihren Beruf passen. Die "Eisenzeit"
neigt sich ihrem Ende zu und die Bildungs- und Ausbildungsschmieden
werden bald zum alten Eisen gehören. Und denen
wird das Lachen vergehen, die sich über Schulexperimente
lustig machen, in denen Kinder und Lehrer Spielräume
erhalten, die angeblich nicht auf den Ernst des Lebens
vorbereiten.
Man wird begreifen, daß Curricula, die nach dem
Bild des in der Industriegesellschaft zu akkumulierenden
Kapitals vorrangig auf zu akkumulierendes Wissen setzen,
genau so abwegig sind, wie jene Apparate des Präsidenten
Schreber, der Schüler an die Pulte band, damit
sie "sitzenblieben". Wer heute noch jemanden
"sitzenbleiben" läßt, weil er
neugierig auf und gierig nach neuen Spielräumen
ist, statt sich Wissen über Verrichtungen und
Abläufe eintrichtern zu lassen, das für die
neuen Spielräumen in Betrieben, Firmen und Unternehmen
kaum etwas taugt, steht in dieser Tradition. Die Geschichte
von dem jungen Mädchen, das sich weigerte das
immerhin vorhandene schulische Schweißgerät
in einer Schule zur Anfertigung eines hübschen
Fahrradmodells zu benutzen, spricht Bände. Auch,
daß es eine Sechs bekam, weil es sich nicht einsichtig
zeigte. Denn es verweigerte die Arbeit auch dann noch,
als es auf die Frage: "... zu welchem Zweck?"
die Antwort bekam: "Ist doch hübsch. Das
kann man sich dann ins Regal stellen." Solche
Skurrilitäten pädagogischer Motivation versuchen
die Eisenzeit in die Zeit des Edelschrotts hinüberzuretten
und verwechseln eine Erkundung neuer Spielräume
mit jenem Basteln, das junge Menschen auf die Beschäftigungstherapien
der Arbeitslosigkeit vorbereitet - nicht auf neue Herausforderungen.
Wenn wir also unterstellen, daß es genau um diese
geht, wenn die Unternehmen eine unbequeme Leerstellenpolitik
betreiben, so gilt es, die Struktur dieser neuen Herausforderungen
zu erkunden und in eine - schulische und betriebliche
- Didaktik zu verwandeln und dieser Spielraum zu geben.
Unternehmensberatung heute kann nicht bei Geschäftsprozeßanalysen
stehenbleiben, auch nicht bei Optimierungen und bei
Mitarbeitermotivierung. Sie hat die Frage der den neuen
Herausforderungen angemessenen Ausbildung einzubeziehen.
Sie darf die berufsethische Auseinandersetzung nicht
scheuen. Und Politiker sind schlecht beraten, wenn
sie weiter auf den traditionellen Gleisen der schulpolitischen
Verwaltung des Motivationsmangels dahingleiten und
all die Weichen ignorieren, die längst vorhanden
sind. Gebraucht werden Weichensteller und Schwellenleger,
wird eine grundsätzliche Richtungsänderung
und die Schaffung von Zwischenräumen, die die
Vielfalt zukünftiger Arbeit in Unternehmen und
Betrieben antizipieren. Gebraucht werden Crews und
Teams kreativer Spielraumgestalter die beruflich Netzwerke
erkunden, keine Kladdenfuchser, die die Wiederkehr
des Immergleichen für Kultur halten und die Mentalität
der Uniformität, nach der wir doch alle an einem
Strang (vor allem dem des Wissens) ziehen müssen,
für ein pädagogisches Ideal. Gebraucht werden
schlicht Leute, die das sich entwickelnde know how
der nachindustriellen Gesellschaft in ein pädagogisches
savoir faire verwandeln können, an dem teilzuhaben
und dessen sich zu vergewissern etwas anderes ist,
als dem Berufsbild eines Gartenzwerges in jenen Schrebergärten
nachzujagen, deren Gärtner in die Pflicht zu nehmen
heute "Chefsache" genannt wird: dem Berufsbild
desssen also, der sich nicht von der Stelle rührt,
hübsch aussieht, wenn er sein Werkzeug zu halten
versteht, schön in eine Landschaft paßt,
in der man sich aufhält, wenn es nichts zu tun
gibt, und die Zeit totschlägt, während anderswo
die Subventionen erwirtschaftet werden, dank derer
diese Gärtchen überhaupt nur erhalten werden
können. Daß man auf die Frage nach dem Berufswunsch,
die an Jugendliche heute immerhin manchmal gestellt
wird, immer öfter die Antwort "Rentner"
erhält, liegt nicht in der Mentalität von
Aussteigern begründet. Sie ist eine unmittelbare
Konsequenz von Ausbildungskonzepten, bei denen für
viele Ausgebildete schon nach Abschluß ihrer
Ausbildung immer öfter kaum eine andere Perspektive
bleibt, weil es den Beruf, den sie erlernt haben, nur
noch in immer kleiner werdenden Idyllen der Industriegesellschaft
gibt. Das Plädoyer für mehr Mut zur Selbständigkeit
wirkt angesichts der herrschenden Vorbereitung darauf
als Hohn. Pädagogische Pleiten reproduzieren sich
gesellchaftlich immer noch als wirtschaftliche. Und
das wird wohl auch so bleiben, bis der traditionelle
Ausbildungsbetrieb aufhört, Konkursverschleppung
zu betreiben.