Text-Nummer: 0127

Schaltung am: 25.09.96
Rubrik(en): Politik, Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 5152
Verfasser(in): Michael Baer
Originaltitel: Emil Dovifat und die Publizistik in Berlin
Copyright: Michael Baer

Michael Baer

Emil Dovifat und die Publizistik in Berlin.

Es sind nicht selten Kleinigkeiten, scheinbare Nebensächlichkeiten, die das journalistische Interesse wecken. Beredte Anführungsstriche und stumme Bilder zum Beispiel.
Im Sommersemester 1993 gab es im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis des Fachbereichs Publizistik der Freien Universität Berlin folgende Veranstaltungsankündigung zu lesen: "Antifaschismus" als Instrument staatlicher Selbstdarstellung in der SBZ/DDR. Angeboten wurde dieses Seminar von dem Publizistikprofessor Dr. Sösemann. Was haben die Anführungsstriche, in die Dr. Sösemann das Wort Antifaschismus setzt mit einem Portrait zu tun, daß seit Jahren - auch auf Betreiben eben dieses Herrn - in der Bibliothek des Fachbereichs Publizistik, in der Nähe der Buchausgabe hängt? Es handelt sich um ein Foto des Publizistikwissenschaftlers Emil Dovifat. Wer also war Emil Dovifat - und was hat die Ehrung, die ihm im Fachbereich Publizistik der Freien Universität zuteil wird, mit den Anführungsstrichen zu tun, in die Dr. Sösemann das Wort Antifaschismus setzt?
Zur Zeit der faschistischen Machtergreifung war Emil Dovifat Direktor des Instituts für Zeitungskunde in Berlin, das dann später zum Institut für Zeitungswissenschaft an der Universität Berlin umgewandelt wurde. Er führte dieses Institut bis zum Zusammenbruch des Faschismus. In enger Zusammenarbeit mit Wilhelm Weiss, dem Hauptschriftleiter des faschistischen "Völkischen Beobachters", organisierte Dovifat als deren Leiter die strikt faschistische Ausrichtung der Presse. Kurz vor Beginn des faschistischen Überfalls auf Polen erhielt Dovifat einen Auftrag des Goebbels-Ministeriums zur Sichtung von Materialien in der Weltkriegsbücherei in Stuttgart, die für den bevorstehenden Krieg von Interesse waren. 1942 leitete Dovifat mit Genehmigung des hitlerfaschistischen "Volksbildungsministers" einen Ausbildungskurs für kroatische Journalisten im besetzten Jugoslawien, die mit den deutschen Besatzern kolaborierten. Er unternahm im Auftrage des Luftwaffenführungsstabes mehrfach Vortragsreisen zur "Wehrbetreuung" nach Bukarest, nach dem zeitweilig okkupierten sowjetischen Territorium und nach Westfrankreich.
Für die vielen Publikationen, die Dovifat im Dienste der Nazis verfaßte, steht exemplarisch die Schrift "Rede und Redner, ihr Wesen und ihre politische Macht", in wesentlichen Zügen eine Lobpreisung Hitlers. Es dürfte nicht verfehlt sein, Dovifat einen Fanatiker zu nennen, erinnert man sich daran, daß er noch im Frühjahr 1945 Durchhaltereden vor Hitlertruppen hielt. Daß sich Dovifat nach dem 8. Mai 1945, nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus, als Antifaschist auszugeben begann, spricht kaum für seine charakterliche Integrität. Doch aller Versuche zum trotz, die Öffentlichkeit über seine Person zu täuschen, gelang es ihm nicht, die ihn belastenden Tatsachen zu verfälschen. Dennoch avancierte er zum Führungsmitglied der Westberliner CDU und war Mitbegründer des Instituts für Publizistik an der Freien Universität Berlin. Wie viele andere aus den faschistischen Führungsebenen fand sich auch Dovifat schnell in Amt und Würden wieder.
Das Foto Dovifats in der Bibliothek soll also scheinbar den Gründer des Instituts für Publizistik ehren, repräsentiert aber eine ganz andere Tradition Berliner Publizistik. Hier wird man nun - um auf die scheinbare Nebensächlichkeit von Anführungsstrichen zurückzukommen - die Person Dr. Sösemann befragen müssen: Steht sie exemplarisch für die Verquickung von privatem Antikommunismus und universitären Forschungsanliegen? Dr. Sösemanns privaten und universitären Forschungen, so läßt sich leicht in Erfahrung bringen, sind den Tagebücher eines Nazi-Hauptkriegsverbrechers, des Massenmörders Dr. Goebbels gewidmet. Darf hier darauf vertraut werden - angesichts der Wertschätzung einer Person wie Emil Dovifat - daß es sich um eine kritisch-reflektierte Forschung handelt? Oder legt die Verwendung von Anführungsstrichen beim Wort Antifaschismus zu recht den Gedanken nahe, daß sich hinter universitärer Forschung ein besonderes Interesse für jene Vergangenheit verbirgt, für die das Portrait Dovifats auch steht? Findet sich hier eine Grundeinstellung der sogenannten unpolitischen Forschung wieder, die nach 1945 die grundsätzliche Abrechnung mit dem Faschismus an den westdeutschen Hochschulen verhinderte? Wie vermeintlich unpolitische Existenz noch heute vereinzelt unter Professoren Gestalt annimmt, zeigt - wenn nicht die Forschung Dr. Sösemanns - ein Besuch in der Bibliothek des Fachbereichs Publizistik der Freien Universität.
"Wir erwarten von Ihnen die Bereitschaft, ein wissenschaftliches Studium zu absolvieren (...) (u)nd wir erwarten von Ihnen, daß sie sich (...) mit mehren Teilgebieten unseres Faches intensiv beschäftigen." So heißt es in einer studienbegleitenden Broschüre für das Publizistikstudium an der Freien Universität Berlin. Wird aber auch erwartet, daß sich Studenten dabei mit Perspektiven, Haltungen und Überzeugungen identifizieren, wie sie die professorale Verwendung von Anführungsstrichen und die institutionelle Ausstellung von fragwürdigen Vor-Bildern nahelegen?

Dovifat
Bild von Emil Dovifat zum Download in 150 DPI (35K)


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