Michael Baer
Emil Dovifat und die Publizistik in Berlin.
Es sind nicht selten Kleinigkeiten, scheinbare Nebensächlichkeiten,
die das journalistische Interesse wecken. Beredte Anführungsstriche
und stumme Bilder zum Beispiel.
Im Sommersemester 1993 gab es im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis
des Fachbereichs Publizistik der Freien Universität
Berlin folgende Veranstaltungsankündigung zu lesen:
"Antifaschismus" als Instrument staatlicher
Selbstdarstellung in der SBZ/DDR. Angeboten wurde
dieses Seminar von dem Publizistikprofessor Dr. Sösemann.
Was haben die Anführungsstriche, in die Dr. Sösemann
das Wort Antifaschismus setzt mit einem Portrait zu
tun, daß seit Jahren - auch auf Betreiben eben
dieses Herrn - in der Bibliothek des Fachbereichs
Publizistik, in der Nähe der Buchausgabe hängt?
Es handelt sich um ein Foto des Publizistikwissenschaftlers
Emil Dovifat. Wer also war Emil Dovifat - und was hat
die Ehrung, die ihm im Fachbereich Publizistik der
Freien Universität zuteil wird, mit den Anführungsstrichen
zu tun, in die Dr. Sösemann das Wort Antifaschismus
setzt?
Zur Zeit der faschistischen Machtergreifung war Emil
Dovifat Direktor des Instituts für Zeitungskunde
in Berlin, das dann später zum Institut für
Zeitungswissenschaft an der Universität Berlin
umgewandelt wurde. Er führte dieses Institut bis
zum Zusammenbruch des Faschismus. In enger Zusammenarbeit
mit Wilhelm Weiss, dem Hauptschriftleiter des faschistischen
"Völkischen Beobachters", organisierte
Dovifat als deren Leiter die strikt faschistische
Ausrichtung der Presse. Kurz vor Beginn des faschistischen
Überfalls auf Polen erhielt Dovifat einen Auftrag
des Goebbels-Ministeriums zur Sichtung von Materialien
in der Weltkriegsbücherei in Stuttgart, die für
den bevorstehenden Krieg von Interesse waren. 1942
leitete Dovifat mit Genehmigung des hitlerfaschistischen
"Volksbildungsministers" einen Ausbildungskurs
für kroatische Journalisten im besetzten Jugoslawien,
die mit den deutschen Besatzern kolaborierten. Er unternahm
im Auftrage des Luftwaffenführungsstabes mehrfach
Vortragsreisen zur "Wehrbetreuung" nach
Bukarest, nach dem zeitweilig okkupierten sowjetischen
Territorium und nach Westfrankreich.
Für die vielen Publikationen, die Dovifat im Dienste
der Nazis verfaßte, steht exemplarisch die Schrift
"Rede und Redner, ihr Wesen und ihre politische
Macht", in wesentlichen Zügen eine Lobpreisung
Hitlers. Es dürfte nicht verfehlt sein, Dovifat
einen Fanatiker zu nennen, erinnert man sich daran,
daß er noch im Frühjahr 1945 Durchhaltereden
vor Hitlertruppen hielt. Daß sich Dovifat nach
dem 8. Mai 1945, nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus,
als Antifaschist auszugeben begann, spricht kaum für
seine charakterliche Integrität. Doch aller Versuche
zum trotz, die Öffentlichkeit über seine
Person zu täuschen, gelang es ihm nicht, die ihn
belastenden Tatsachen zu verfälschen. Dennoch
avancierte er zum Führungsmitglied der Westberliner
CDU und war Mitbegründer des Instituts für
Publizistik an der Freien Universität Berlin.
Wie viele andere aus den faschistischen Führungsebenen
fand sich auch Dovifat schnell in Amt und Würden
wieder.
Das Foto Dovifats in der Bibliothek soll also scheinbar
den Gründer des Instituts für Publizistik
ehren, repräsentiert aber eine ganz andere Tradition
Berliner Publizistik. Hier wird man nun - um auf die
scheinbare Nebensächlichkeit von Anführungsstrichen
zurückzukommen - die Person Dr. Sösemann
befragen müssen: Steht sie exemplarisch für
die Verquickung von privatem Antikommunismus und universitären
Forschungsanliegen? Dr. Sösemanns privaten und
universitären Forschungen, so läßt
sich leicht in Erfahrung bringen, sind den Tagebücher
eines Nazi-Hauptkriegsverbrechers, des Massenmörders
Dr. Goebbels gewidmet. Darf hier darauf vertraut werden
- angesichts der Wertschätzung einer Person wie
Emil Dovifat - daß es sich um eine kritisch-reflektierte
Forschung handelt? Oder legt die Verwendung von Anführungsstrichen
beim Wort Antifaschismus zu recht den Gedanken nahe,
daß sich hinter universitärer Forschung
ein besonderes Interesse für jene Vergangenheit
verbirgt, für die das Portrait Dovifats auch steht?
Findet sich hier eine Grundeinstellung der sogenannten
unpolitischen Forschung wieder, die nach 1945 die grundsätzliche
Abrechnung mit dem Faschismus an den westdeutschen
Hochschulen verhinderte? Wie vermeintlich unpolitische
Existenz noch heute vereinzelt unter Professoren Gestalt
annimmt, zeigt - wenn nicht die Forschung Dr. Sösemanns
- ein Besuch in der Bibliothek des Fachbereichs Publizistik
der Freien Universität.
"Wir erwarten von Ihnen die Bereitschaft, ein wissenschaftliches
Studium zu absolvieren (...) (u)nd wir erwarten von
Ihnen, daß sie sich (...) mit mehren Teilgebieten
unseres Faches intensiv beschäftigen." So
heißt es in einer studienbegleitenden Broschüre
für das Publizistikstudium an der Freien Universität
Berlin. Wird aber auch erwartet, daß sich Studenten
dabei mit Perspektiven, Haltungen und Überzeugungen
identifizieren, wie sie die professorale Verwendung
von Anführungsstrichen und die institutionelle
Ausstellung von fragwürdigen Vor-Bildern nahelegen?

Bild von Emil Dovifat zum Download in 150 DPI (35K)