Text-Nummer: 0128

Schaltung am: 25.09.96
Rubrik(en): Sport
Umfang des Textes in Zeichen: 5263
Verfasser(in): Carsten Wilp
Originaltitel: Pinkepong der Werte
Copyright: Carsten Wilp

Carsten Wilp

Pinkepong der Werte

Kaum jemand wird noch daran zweifeln, daß Peter Graf einer der größten Absahner in der Geschichte des Sports ist. Daß seine Tochter zwischen den Mühlsteinen finanzieller Transaktionen und sportlicher Leistung zermahlen wird, sichert ihr Sympathie: Ein junges Mädchen wurde zum Investmentobjekt, aus dem Vater und Berater so viel Rendite wie möglich herausschlugen. Gerade jene, die einer Heranwachsenden gesellschaftliche Werte und ethische Maßstäbe vermitteln sollten, haben ein Kind als Geldmaschine mißbraucht. Und als das Kind erwachsen wurde, waren die Weichen gestellt. Es ist der Justiz hoch anzurechnen, daß sie offensichtliche Hörigkeiten in Rechnung stellt, auch wenn mancher Gleichbehandlung nach dem Grundsatz Unwissenheit schützt vor Strafe nicht fordert. Doch die Frage des Umgangs mit Mündigkeit und Abhängigkeit im Sport und anderswo ist eine andere.
Interessant ist, in welchem gesellschaftlichen Klima die Dinge ihren Lauf nehmen konnten. Ganz generell scheint in der Familie Graf und in ihrer Umgebung nach dem Grundsatz verfahren worden zu sein: Wer nicht alle Register zieht, das Finanzamt übers Ohr zu hauen, ist blöd. Die Familie befindet sich damit sicherlich in bester Gesellschaft, das Unternehmen Graf hat - öffentlichen Verlautbarungen der Steuerbehörden zufolge - nicht anders gehandelt, als viele andere mittelständische Familienbetriebe auch. Erst in jüngerer Zeit, seit mehr und mehr an und auf Kosten von mehr und mehr Leuten gespart wird, beginnen sich die Wertmaßstäbe zu verschieben: Die sogenannte laxe Steuermoral gilt nicht mehr unbedingt als akzeptierte Haltung und die Hinterziehungen, die auf Kosten vieler "braver" Steuerzahler gehen, gelten nicht mehr als Kavaliersdelikte. Daß es zu einem Prozeß gekommen ist, in dem nun über die Verhältnismäßigkeit der Mittel gestritten wird, verdankt sich auch dieser Entwicklung. Steuerhinterzieher werden - zumindest in einem Verfahren, das großes öffentliches Interesse auf sich zieht - nicht mehr wie Kavaliere behandelt oder "tolle Hechte", die es verstehen, sich im Karpfenteich der Dummen zu mästen, sondern als Verbrecher.
Daß manche diese Entwicklung noch nicht mitbekommen haben, zeigt der Auftritt des Generalsekretärs des Deutschen Tennisbundes Sanders vor dem Mannheimer Landgericht. Die Naivität, mit der er freimütig über die Zahlung von Antrittsgeldern für Steffi Graf Auskunft gibt, nötigt den Vorsitzenden Richter zum Hinweis, daß er die Aussage verweigern könne, wenn er sich damit selbst belaste.
Daß Sanders dies nicht tut, zeigt das völlige Fehlen eines Unrechtsbewußtseins und das Vertrauen auf seine Rechtsberater beim DTB. Und hier beginnt das eigentlich Bemerkenswerte. Die Usancen des monetären Tennis-Pinkepongs machen - durch einen Prozeß auch Außenstehenden vor Augen geführt - den in Sportgeschäften Unkundigen schwindelig. Hunderttausende von Mark wurden hier im Imagepingpong hin und her gespielt - und der Hinweis darauf, daß Steffi Graf dafür ja auch mal eine Autogrammstunde gegeben habe, ist vielsagend. Wahrscheinlich will der Generalsekretär des DTB sich über die Prozeßbeobachter noch nicht einmal lustig machen: Wahrscheinlich ist er davon überzeugt, daß es sich bei diesen Antrittsgeldern in den Arenen des Sports um nichts anderes als ein paar ausgestreute Peanuts handelt. Es wundert nicht, daß Kindern wie Steffi Graf, die in einem solchen Klima aufwachsen, jegliche Maßstäbe verlorengehen. Denn wo es im Umfeld einer Leistung selbstverständlich ist, ohne jeden Beleg dem einen oder der anderen mal eben ein paar hunderttausend Mark in die Hand zu drücken, da versteht man natürlich die Welt und deren Aufregungen nicht mehr - wenn Leute anfangen, sich über solche Regelauslegungen zu wundern. Wiedereinmal scheinen jene ins Schwarze zu treffen, die behaupten, daß offenbar genug Geld da ist, genug, um die als Notwendigkeit verausgabten und politisch verordneten Sparkurse als Vortäuschungen falscher Tatsachen zu beargwöhnen. Offenbar gibt es gesellschaftliche Bereiche, in denen derart viel Reichtum akkumuliert ist, daß die Verhältnismäßigkeit von Leistung und Honorar vollständig aus dem Blick gerät. Kann man es den Gewerkschaften da verübeln, daß sie mit einer Verknappung von Leistung ihrer Mitglieder drohen, damit deren Wert überhaupt wieder in das öffentliche Bewußtsein dringt? Die Abstrusitäten, die angesichts herrschender Wertmaßstäbe allerorten beobachtbar sind, sind nicht dazu geeignet, das vielbeschworene "soziale Klima" zu entspannen. Wer sie nicht ignoriert, wird in politischen Appellen, doch endlich seine Hausaufgaben zu machen (sprich: hinsetzen, arbeiten und nicht fragen!), den oberlehrerhaften Zynismus wiederfinden, demgemäß sich die Wohlhabenden alles erlauben können, während die Armen doch froh darüber sein sollten, überhaupt die harte Schulbank drücken zu dürfen. Die Dinge haben sich nicht erst seit dem Graf-Prozeß verschoben, sie sind schon viel früher durcheinander geraten. Wer hier mit erhobenem Zeigefinger behauptet, Ordnung schaffen zu wollen, muß erst einmal erklären, was er zu Zeiten der steuerlichen Kavaliersdelikte damit meinte: Leistung muß sich wieder lohnen. Und was er meinte, wenn er Heranwachsende wie Steffi Graf dabei als Vorbilder benannte.


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