Marie-Louise Beck
FDP-Traditionen
Als Splitterpartei hat es die FDP in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Verstanden den großen Volksparteien zu rechten Zeit die Zunge zu zeigen. Es gelang ihr dadurch, dauernde Schonung des Besitzstandes ihres Klientels samt seiner Privilegien zu gewährleisten. Kaum denkbar, daß etwa der Wohnungsmarkt das heutige Erscheinungsbild zeigte, hätte die FDP nicht kontinuierlich das Zünglein an der politischen Waage spielen dürfen. Die gesellschaftliche Stellung von Hausbesitzern wäre kaum der von rigorosen Industrie-Hardlinern vergleichbar. Das Rezept der FDP war es immer, jene knapp drei Prozent ihres Klientels mit jenen knapp drei Prozent anzureichern, die ökonomisch gerne zu ihm gehören würden - oder aus anderen Gründen Lobbypolitik mit gesellschaftspolitischer Liberalität verwechseln. Auch der Dünkel, mit "solchem Volk" eigentlich nichts zu tun haben zu wollen, das das Haus bewohnt, das man sein eigen nennt, ist unter FDP-Wählern nicht selten anzutreffen. Deshalb kann man auch bei einer Volkspartei nicht zu Hause sein. Auf Bundesebene hat sich die FDP-Strategie immer ausgezahlt. Man hat darüber gelacht, als Accessoir an den Revers der großen Parteien aufgefaßt zu werden. Auf dem Hintergrund solcher Mißverständnisse ließen sich Interessen füglich wahren. Im Grunde hat die Mentalität der FDP-Parteigänger, die Volksparteien als nützliche Idioten anzusehen, das ihr Selbstbewußtsein geprägt. Insofern wäre es ein Fehler, es als belanglos anzusehen, daß FDP-Parteichef Gerhardt gerade in der gegenwärtigen Situation Zunge zeigt. Hier werden politische Optionen vorbereitet. Zwar hofft zur Zeit noch jeder in der Regierungskoalition, daß sich die Streitereien als belanglose Flatulenzen herausstellen werden. Mit Sicherheit aber wird man gegebenenfalls auf Seiten der FDP daran anknüpfen und mit dem Ausdruck des Bedauerns und höchster Zerknirschtheit - zum Wohle des Volkes - rechtfertigen, warum der Idiot nicht mehr nützlich ist. Die FDP hat auf Bundesebene noch nie abgewartet, bis der Koalitionspartner derart abgewirtschaftet hatte, daß er auch öffentlich als der dastand, den man schon sah, als man ihm die Zunge zeigte. Die Mentalität zu stoßen, was bereits fällt, ist in der Tradition der FDP keine Unbekannte. Man hat damit gute Erfahrungen gemacht. Eine Huckepackpartei ist immer in der besseren Position: Während der Wirt untergeht, kann der Parasit sich noch rechtzeitig abstoßen. Zur Zeit sondiert die FDP noch, ob sich ihr wieder eine helfende Hand entgegenstreckt. Und wenn die SPD sich nicht daran erinnert, daß sie sich schon einmal die Finger verbrannte, dann hat sie diesen Parasiten der Macht auch verdient.