Text-Nummer: 0150

Schaltung am: 15.11.96
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 1741
Verfasser(in): Gerhard Büntig
Originaltitel: Hammer und Kompaß
Copyright: Gerhard Büntig

Gerhard Büntig

Hammer und Kompaß

Vor allem kleinere Gewerkschaften (z.B. die IG Medien, Post und die GEW) forderten in Dresden eine Verschiebung der Abstimmung über das neue Grundsatzprogramm des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Offenbar haben sich die traditionell starken Gewerkschaften des DGB (z.B. IG Chemie und IG Metall) durchgesetzt: Das Grundsatzprogramm soll durchgeboxt werden. Damit hat sich die Hammerfraktion gegen die Kompaßfraktion durchgesetzt: Der Wunsch, Nägel mit Köpfen zu machen und diese mit Wucht einzuschlagen, damit sie für eine ganze Weile sitzen und das Zusammengenagelte zusammenhalten, geht in Erfüllung. Der Wunsch, einen "Kompaß für die kommenden Jahre" zu erhalten (Postgewerkschaftler Stegmüller), wird deshalb vielleicht unerfüllt bleiben.
Die Frage nach dem zukünftigen Kurs des DGB stellt sich gerade auf dem Hintergrund des Streites um ein Grundsatzprogramm: Vielleicht sind es gerade diejenigen Gewerkschaften, die in enger Fühlung mit den Arbeitsfeldern der neuen Kommunikationsgesellschaft stehen, die dem Festklopfen von Grundsätzen mißtrauen. Flexibilität der Orientierung (die tatsächlich eher eines Kompasses als fundamentaler Vernagelung bedarf): Sie wird von einem Grundsatzprogramm erschwert. Manchem Mediengewerkschaftler wird ein solches Programm vielleicht wie der Hammer vorkommen, den der Steuermann neben den Kompaß legt, dessen er für die Bestimmung des zukünftigen Kurses bedarf. Der Dresdener Kongreß zeigt, daß im DGB noch die Lobby der Werktätigen der "Eisenzeit" das Sagen hat. Doch das Schiff fährt längst schon in eine andere Richtung. Was manche Schiffsführer des DGB aber erst merken werden, wenn sie auf den Kompaß schauen, nachdem sie den Hammer beiseite gelegt haben.


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