Gerhard Büntig
Hammer und Kompaß
Vor allem kleinere Gewerkschaften (z.B. die IG Medien,
Post und die GEW) forderten in Dresden eine Verschiebung
der Abstimmung über das neue Grundsatzprogramm
des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Offenbar haben
sich die traditionell starken Gewerkschaften des DGB
(z.B. IG Chemie und IG Metall) durchgesetzt: Das Grundsatzprogramm
soll durchgeboxt werden. Damit hat sich die Hammerfraktion
gegen die Kompaßfraktion durchgesetzt: Der Wunsch,
Nägel mit Köpfen zu machen und diese mit
Wucht einzuschlagen, damit sie für eine ganze
Weile sitzen und das Zusammengenagelte zusammenhalten,
geht in Erfüllung. Der Wunsch, einen "Kompaß
für die kommenden Jahre" zu erhalten (Postgewerkschaftler
Stegmüller), wird deshalb vielleicht unerfüllt
bleiben.
Die Frage nach dem zukünftigen Kurs des DGB stellt
sich gerade auf dem Hintergrund des Streites um ein
Grundsatzprogramm: Vielleicht sind es gerade diejenigen
Gewerkschaften, die in enger Fühlung mit den Arbeitsfeldern
der neuen Kommunikationsgesellschaft stehen, die dem
Festklopfen von Grundsätzen mißtrauen. Flexibilität
der Orientierung (die tatsächlich eher eines Kompasses
als fundamentaler Vernagelung bedarf): Sie wird von
einem Grundsatzprogramm erschwert. Manchem Mediengewerkschaftler
wird ein solches Programm vielleicht wie der Hammer
vorkommen, den der Steuermann neben den Kompaß
legt, dessen er für die Bestimmung des zukünftigen
Kurses bedarf. Der Dresdener Kongreß zeigt, daß
im DGB noch die Lobby der Werktätigen der "Eisenzeit"
das Sagen hat. Doch das Schiff fährt längst
schon in eine andere Richtung. Was manche Schiffsführer
des DGB aber erst merken werden, wenn sie auf den Kompaß
schauen, nachdem sie den Hammer beiseite gelegt haben.